„Ich bin kein Fan der tschechischen Küche“

27-03-2020

Sofia Smith ist eine Britin mit irisch-malaiischen Wurzeln, die seit Ende der 1990er Jahre in Prag lebt. Sie ist Chefköchin im gemütlichen Café Buddha im Prager Stadtteil Vinohrady. Dort hat sich unsere Mitarbeiterin von der englischen Redaktion mit ihr getroffen. Das Gespräch wurde noch vor dem Ausbruch der Coronavirus-Epidemie geführt, was sie den Aussagen der Gesprächspartnerin selbst entnehmen können. Im Folgenden eine Zusammenfassung der interessantesten Passagen.

Sofia Smith (Foto: Ondřej Tomšů)Sofia Smith (Foto: Ondřej Tomšů)

Café Buddha (Foto: Ondřej Tomšů)Café Buddha (Foto: Ondřej Tomšů) Sofia Smith gilt heute als eine renommierte Expertin für die asiatische Küche. Eigentlich kommt sie aber aus der IT-Branche, in der sie in ihrer alten Heimat lange Zeit beschäftigt war.

„Das ist schon eine Million Jahre her. Heute könnte ich mir das nicht mehr vorstellen. Die Arbeit im Büro hat mir keinen Spaß gemacht. Sie war so langweilig, dass ich mich dazu entschlossen habe, den Computer-Job an den Nagel zu hängen. Ich wusste aber nicht, was ich danach mit mir anfangen sollte. Ich habe immer gerne gekocht und dachte, das könnte ich schaffen. Ich hatte einige Bekannte beim British Council in Prag. Als ich die einmal besucht habe, habe sie mir vorgeschlagen, ein Café dort zu öffnen. Das Angebot habe ich angenommen, um zu erfahren, ob ich so etwas machen könnte“, so die jetzige Chefköchin.

„Ich war schockiert über die Qualität des Toilettenpapiers.“

Für Sofia Smith war also klar, dass sie ein neues Leben in Prag und eine ganz neue Karriere beginnen will.

„Es war meine erste Erfahrung in der Küche. Damals gab es nur wenige solche Gastbetriebe in Prag. Für jemanden, der keine entsprechende Ausbildung hat und lediglich neben dem Studium mal gekellnert hat, war dies eine ideale Gelegenheit.“

Illustrationsfoto: Orna Wachman, Pixabay / CC0 Illustrationsfoto: Orna Wachman, Pixabay / CC0 Sofia besuchte 1994 als Touristin das erste Mal Tschechien. Sie erinnert sich noch heute an ihre Eindrücke:

„Es war Winter und alles war sehr grau. Das Hotel war düster. Ich erinnere mich daran, dass ich schockiert war über die Qualität des Toilettenpapiers. Alle Restaurants und Gaststätten hatten damals Gardinen. Und es gab dort viele Schilder mit ‚reserviert‘. Ich fand das unglaublich exotisch. Für einen Menschen, der im Westen aufgewachsen ist, bedeutete Osteuropa gewissermaßen Exotik.“

Und was hat die junge Britin bewogen, sich in diesem fremden und außergewöhnlichen Land im Osten niederzulassen?

„Eigentlich bin ich nicht vollständig nach Tschechien umgezogen. Ich habe nur angefangen, in der Gastronomie zu arbeiten, versuchte mehrere Sachen und fand hier viele Gelegenheiten. Es war keine bewusste Entscheidung in dem Sinne, dass es mir hier gefallen hätte oder dass ich hier Verwandte gehabt hätte. Ich war damals um die dreißig Jahre alt. In der Zeit, als ich nach Prag kam, war in der Gastronomie hier nicht viel los. Wenn ich so etwas in London versucht hätte, wäre es schwieriger gewesen. In Tschechien haben sich mir mehr Chancen geboten, und so habe ich mich hier niedergelassen. Zudem gefällt es mir, dass es hier nicht so stressig ist. In London musste ich lange zur Arbeit fahren, es war ziemlich hektisch.“

Café Buddha (Foto: Ondřej Tomšů)Café Buddha (Foto: Ondřej Tomšů) Und wie schwer war es, sich dem Lebensstil der Tschechen anzupassen?

„Besonders schwierig war die Sprache. Ich habe absolut keine Begabung dafür. In der Schule war ich sehr schlecht darin. Außerdem war es eine große Herausforderung, die Einstellung der Kunden zu ungewöhnlichem Essen zu ändern. So ein Misstrauen gibt’s heute überhaupt nicht mehr! Ich musste mich auch an den alltäglichen Kontakt mit den Menschen gewöhnen. Die waren nicht immer höflich und freundlich, und das gilt manchmal auch heute noch. Aber außerhalb der Arbeit habe ich nie Probleme gehabt. Ich habe hier massenweise tolle Menschen getroffen und habe ziemlich viele gute Freunde gewonnen.“

Sofia arbeitet als Köchin. Was denkt sie also von der tschechischen Küche?

Weihnachtsgebäck (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)Weihnachtsgebäck (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International) „Ich habe mich nie an die tschechischen Gerichte gewöhnen können. Die einzige Ausnahme sind die Backwaren und das Weihnachtsgebäck. Die tschechischen Plätzchen sind meiner Meinung nach die besten der Welt. Ich esse jedes Jahr zu Weihnachten eine Menge davon. Und dann mag ich noch die Kartoffelsuppe. Ich bin kein großer Fleisch-Fan, esse kein rotes Fleisch und mag die schweren Gerichte nicht. Es ist daher schwierig, sich der Küche hierzulande anzupassen. Aber ich muss sagen, dass sich das Essen im Laufe der Jahre wesentlich verbessert hat. Insgesamt ist es aber so, dass ich das tschechische Essen nicht unbedingt vermisse, wenn ich für einige Wochen nach Hause nach Großbritannien fahre.“

Und was vermisst Sofia dann, wenn sie in Großbritannien ist?

„Wahrscheinlich die Menschen, die ich hier kenne. Denn darum geht es ja, nicht wahr?“

„Die tschechische Essenskultur hat sich in den letzten Jahren entwickelt.“

Die tschechische Essenskultur hat sich laut der Expertin in den vergangenen Jahren stark verändert…

„Sie hat sich entwickelt, wie auch in anderen Ländern. Ich kann mich erinnern, dass man in Großbritannien in den 1960er und 1970er Jahren nicht besonders gut dran war. Die Menschen reisen heute, und das hilft der tschechischen Küche meiner Meinung nach. Das gilt auch in anderen Bereichen: Solange die Grenzen offen sind, können die Menschen andere Sachen sehen. Interessant ist das vietnamesische Essen in Tschechien. Hier lebt eine starke vietnamesische Community, aber trotzdem habe ich hier lange Jahre keine richtigen vietnamesischen Restaurants gesehen. Das hat sich erst in den letzten zehn Jahren geändert. Heute hat es hierzulande denselben Stellenwert, wie etwa das indische Essen in Großbritannien.“

Café Buddha (Foto: Ondřej Tomšů)Café Buddha (Foto: Ondřej Tomšů) Im Café Buddha wird überwiegend asiatische Küche angeboten. Dort kann man Spezialitäten aus Thailand, Vietnam, Malaysia, Taiwan oder Kambodscha probieren. Doch zubereitet werden sie auch aus tschechischen Zutaten.

„Wir verarbeiten hiesiges Fleisch. Es ist klar, dass man Gewürze und Kräuter aus Asien hier nur beschränkt bekommen kann. Aber es ist doch möglich, weil Tschechien eine große vietnamesische Markthalle hat. Vor vielen Jahren haben wir unsere Eier in Frankreich kaufen müssen, weil wir hier keine aus Freilandhaltung bekommen konnten. Heute sind alle Eier bei uns aus Tschechien, und sie schmecken sehr gut. Es hat sich viel verändert.“

Sofia Smith lebt mittlerweile seit 20 Jahren in der Tschechischen Republik…

Foto: Archiv von Sofia SmithFoto: Archiv von Sofia Smith „Ich fühle mich gleichzeitig hier und in London zu Hause. Mein Lebensgefährte lebt immer noch dort. Wir sagen oft scherzhaft, dass wir zwei Heimatstädte haben: Prag und London.“

Von den Traditionen, die sie in Tschechien kennengelernt hat, mag Sophie vor allem das Weihnachtsgebäck. Sie sagt, sie sei besessen davon. Sie bäckt die Plätzchen aber nie selbst…

„Nein, warum sollte ich das tun? Ich bin völlig zufrieden, wenn ich es von meinen Freunden und Kollegen schachtelweise bekomme. Das ist meine Tradition, die ich hier entwickelt habe. Ehrlich gesagt habe ich aber keine besondere Beziehung zu Traditionen. Ich bin eine Britin aus London und bin völlig säkular.“

Und was gefällt ihr besonders an dem Land, in dem sie lebt?

„Ich liebe die Beskiden. Dort habe ich tolle Menschen getroffen, sie sind recht offen und freundlich und unterscheiden sich damit gewissermaßen von den Pragern. Wir reisen jeden Sommer durch Tschechien. Das ganze Land ist schön, aber die Region um die Beskiden gefällt mir am besten.“

„Ich liebe die Beskiden. Dort habe ich tolle Menschen getroffen.“

Aber auch in Prag hat Sofia ihre Lieblingsorte...

„Ich liebe den Vyšehrad. Jeden Monat, wenn ich nach Großbritannien fliege, komme ich auf meinem Weg zum Flughafen an dieser Prager Burg vorbei. Der Blick darauf ist für mich immer wieder atemberaubend. Bis heute! Sonst besuche ich die touristischen Ziele nicht, weil es dort zu viele Besucher gibt. Aber das Stadtzentrum ist großartig: die herrlichen Gassen auf der Kleinseite, die verborgenen Ecken, einige Gebäude. Leider sind die Orte heute vollkommen überlaufen, deswegen meide ich sie lieber. Als ich nach Prag gekommen bin, war das noch nicht der Fall. Man konnte um Mitternacht zur Prager Burg spazieren und traf dabei keine Menschenseele. Die Burg war leer und unglaublich schön. Das vermisse ich heute.“

27-03-2020