Tschechien: Heimat und Aktionsdrehscheibe europäischer Kinder- und Jugendarbeit

20-08-2006

In den meisten Fällen muss etwas passieren, bevor etwas passiert. Jugendkriminalität zum Beispiel kann eine Folge von politischen Sparmaßnahmen sein, die sich erst dann bemerkbar machen, wenn die dafür Verantwortlichen bereits in Rente sind. Sandra Dudek berichtet heute über die "Europäische Assoziation der Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche", einer Non-Profit-Organisation mit Beraterstatus im Europarat, die sich für ein aktive Jugendpolitik und -arbeit in Europa einsetzt - bevor etwas passiert:

"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" - oder zumindest nur schwer. Dieses alte Sprichwort lässt sich in vielerlei Hinsicht anwenden und gilt nicht nur für praktische Fähigkeiten, sondern gleichermaßen auch für soziale Verhaltensweisen. Beides will früh gelernt und geübt werden und das lässt sich am besten in pädagogisch betreuten Freizeiteinrichtungen bewerkstelligen, wie es beispielsweise in der Tschechischen Republik seit mehr als 50 Jahren Tradition ist: Hier besuchen schon Kinder in jüngsten Jahren so genannte "krouzky", also Zirkel, in denen sie malern, töpfern, tanzen oder singen und musizieren. Knapp eine Viertel Million Schülerinnen und Schüler sind in der ganzen Republik in solchen Zirkeln organisiert, in kleineren Dörfern liegt die Besuchsdichte der Freizeiteinrichtungen bei bis zu 90 Prozent. Für ältere Kinder und Jugendliche freilich stehen dann auch andere, ihrem Alter entsprechende Angebote zur Auswahl und neben den Zirkeln bieten die Zentren auch so genannte offene Klubs an. Hier können sich Jugendliche ihre Freizeit mit Kegeln oder Darts vertreiben oder, was natürlich in den letzten Jahren immer beliebter geworden ist, Computerspiele spielen oder im Internet surfen. Mehr als 270 "Häuser für Kinder und Jugendliche" gibt es in ganz Tschechien. Mit staatlicher Unterstützung sorgen sie dafür, dass Kinder und Jugendliche einen sicheren Ort haben, an dem sie ihre Nachmittage und gegebenenfalls Abende verbringen können und dabei gleichzeitig in ein soziales Netz von Freunden und Betreuern eingebunden sind. In einem dieser Zentren im Prager Stadtteil Karlin trafen sich vergangene Woche Mitglieder der "Europäischen Assoziation der Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche", um unter anderem über eine verstärkte gesamteuropäische Zusammenarbeit zu diskutieren. Dazu Rene Clarijs, Präsident von EAICY:

"In Europa müssen wir die Freizeit der Jugend besser arrangieren. In verschiedenen Ländern gibt es verschiedene Systeme mit verschiedenen Möglichkeiten. Jedes Land hat seine eigene Politik, seine eigene Infrastruktur, seine eigene Pädagogik. Wenn wir ein Europa haben wollen, ist es sehr wichtig, zu wissen, was die Nachbarn in dieser Sache machen."

Aus diesem Grunde wurde 1991 die "Europäische Assoziation der Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche", kurz EAICY, gegründet. Die unabhängige Organisation mit Sitz in Prag versteht sich als Plattform für eine europaweite Zusammenarbeit von Freizeitzentren mit pädagogischer Betreuung, veranstaltet unter anderem internationale Konferenzen und Seminare für Kinder- und Jugendpädagogen, führt bilaterale Projekte durch und organisiert den Austausch von Schülern und Betreuern in ganz Europa. Dabei endet Europa aber nicht an den Grenzübergängen der EU-Staaten, wie sich auch an der Mitgliederstruktur von EAICY zeigt: Neben Kinder- und Jugendorganisationen in Italien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Tschechien, der Slowakei, Polen oder Litauen gehören auch solche in Bulgarien, Moldawien, Russland oder der Ukraine dazu. Heute sind insgesamt mehr als 70 Institutionen in 17 europäischen Ländern in der "Europäischen Assoziation der Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche" organisiert. Insbesondere die Länder Mittel- und Osteuropas sind hier stark vertreten. Sie sind vor allem aus traditionellen Gründen an einer aktiven Jugendpolitik und -arbeit interessiert, währenddessen die westeuropäischen Ländern - aus genau den gleichen Gründen - eher weniger Interesse dafür zeigen. Neben der landesspezifischen Tradition sind aber auch kulturelle Unterschiede bei der Zusammenarbeit zu berücksichtigen. Und nicht zuletzt die Trends, die in der Jugendarbeit weniger landes- als zeitgebunden sind, wie Rene Clarijs, Präsident von EAICY, ausführt:

"Der erste Trend ist, dass die Organisationen nicht immer traditionelle Aktivitäten machen können, sie müssen das Angebot aktualisieren. Das hat damit zu tun, dass wir immer weniger Jugendliche in diesen Organisationen haben, sie sind nicht zufrieden, also muss man etwas anderes machen. Ein anderer Trend ist, dass viele dieser Organisationen kommerziell arbeiten müssen, das bedeutet, dass die Eltern oder Jugendlichen zahlen müssen. Die Frage ist aber, wer kann das bezahlen? Ein dritter Trend ist, dass in Europa die Familie immer wichtiger wird. Zum Beispiel in Holland: Der Staat oder die Städte arrangieren nichts oder nicht viel für Jugendliche, denn sie sind der Meinung, das liege in der Eigenverantwortung der Familien, das gehört nicht in unseren Verantwortungsbereich. Das ist wie eine Individualisierungstendenz, das sieht man auch immer öfter in Zentral- und Osteuropa."

Die Folgen von Versäumnissen in flächendeckender Jugendpolitik und Jugendarbeit würden nicht ausbleiben, meint Rene Clarijs und führt als Beispiel sein Heimatland, die Niederlande, an: In den 80er Jahren seien dort viele staatliche Einrichtungen geschlossen worden, nur Kinder aus wohlhabenderem Elternhaus hätten Freizeitzentren besuchen können, da diese kostenpflichtig geworden seien. 20 Jahre später bekommen die Niederlande nun die Rechnung dieser kurzsichtigen Vorgangsweise präsentiert: In den Großstädten gibt es so viele Probleme mit Jugendlichen im Zusammenhang mit Kriminalität, Drogen und Prostitution, dass sie nicht zu bewältigen sind. Die einst gute Infrastruktur ist zerstört, es gibt weder Gebäude noch ausreichend Pädagogen. Trotz dieser Erfahrungen in den Niederlanden und anderen europäischen Staaten wird oft der Geldhahn zugedreht, sobald es um Kinder und Jugendliche geht. Dazu Rene Clarijs:

"Die Europäische Union ist immer besonders ökonomisch orientiert und das bedeutet auch, dass man in Kinder nicht zu viel investieren muss, denn das bringt kein Geld. Das ist immer eine schwierige Diskussion und wir wollen auch mit den Politikern reden, um sie zu überzeugen, dass man auch in die Jugend bzw. in die Infrastruktur für sie investieren muss, denn wenn man das nicht macht, bekommt man nachher noch größere Probleme und das kostet dann noch viel mehr Geld."

Als einzige europäische Vereinigung ihrer Art wurde EAICY vor knapp zehn Jahren auch in der Europäischen Union eine wichtige Position zuerkannt: 1996 wurde die "Europäische Assoziation der Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche" in die Kommission der Nichtregierungsorganisationen des Europäischen Rates aufgenommen. Mit dem Erhalt des Beraterstatus betreibt EAICY seitdem auch auf EU-Ebene aktiv Lobbying für die Kinder- und Jugendarbeit. Trotz der langjährigen Bemühungen und des Sitzes in Prag wurden die Rufe von EAICY nicht gehört. So zumindest scheint es, wenn man die gegenwärtige Entwicklung in der Tschechischen Republik betrachtet. Dazu Rene Clarijs:

"In Tschechien ist es jetzt sehr gefährlich, denn die Regierung hat entschieden, dass es auf das Niveau der Region dezentralisiert wird. Das passiert oft, wenn man etwas dezentralisiert, muss die Organisation vor Ort gemacht werden, aber das Geld wird nicht mehr zweckgebunden verwendet. Diese Städte werden Straßen bauen oder so was. Viele Leute denken, dass das wichtiger ist als Jugendarbeit."

Ein bisschen mag da verwundern, dass die "Europäische Assoziation der Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche" neben den Einkünften aus den Mitgliedsbeiträgen und projektgebundem Geld des Europarats in erster Linie vom tschechischen Schulministerium finanziert wird.

Für die zwei Jahre einer neuen Tätigkeitsperiode, die diese Woche begonnen hat, hat sich die EAICY ein großes Ziel von europäischer Tragweite gesteckt: Die Pädagoginnen und Pädagogen im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit sollen ein "Europäisches Diplom" erwerben können, mit dem ihr Beruf in jedem europäischen Land anerkannt wird. Zurzeit befinde sich dieses Vorhaben noch in der Entwicklungsphase, so der Präsident von EAICY:

"Jetzt bringen wir diese Leute zusammen und wollen nach einer Möglichkeit suchen, ein europäisches Diplom zu kreieren. Denn viele Leute wollen hier in der Tschechischen Republik arbeiten und morgen in Österreich und in zwei Jahren in Spanien und dann in St. Petersburg. Europa ist für diese Leute ein Land."

Dieses "Europäische Diplom" soll nicht nur die Mobilität der Pädagogen innerhalb Europas erhöhen, sondern durch den Erfahrungsaustausch auch für eine fachliche Bereicherung sorgen. Und damit der Politik einen Grund mehr für die Wichtigkeit effizienter Kinder- und Jugendarbeit geben.



Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische Union:

www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für europäische Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union
www.euroskop.cz
www.evropska-unie.cz/eng/
www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU Actors online
www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt

20-08-2006