Tschechische Kurbäder trotz steigender Beliebtheit kurbedürftig

02-07-2006

Vor kurzem hat der Weltmeister im Wildwasserfahren seinen Siegerpokal entgegengenommen, bald schon werden hier Filmpreise überreicht. Der böhmische Kurort Karlovy Vary, zu Deutsch Karlsbad, dient als Schauplatz medienwirksamer Events. Die Gesichter der Stars und ihrer Fans kommen und gehen, doch in einem soll Kontinuität gewahrt bleiben: im Kurbetrieb. Immer mehr wird die traditionelle Bedeutung des tschechischen Kurwesens in den Vordergrund gerückt und damit ein Kontrapunkt zu den Wellness-Trends in anderen europäischen Ländern gesetzt. Sandra Dudek hat Quellenforschung betrieben:

KarlsbadKarlsbad Wenn man in der Tschechischen Republik vom "horke vridlo", also: "heißen Sprudel" spricht, dann ist nicht etwa ein schickes, neues Heißgetränk gemeint, sondern eine alte Heilquelle. Seit ein paar Jahrhunderten schon schießt die bekannteste, größte und heißeste Mineralquelle des westböhmischen Kurorts Karlovy Vary, zu Deutsch: Karlsbad, aus der Erde und ist - genau genommen - mit ihren mehr als 70 Grad ein doch recht heißes Getränk, und auch ein ziemlich schickes. Denn Kuren ist wieder in Mode, wenn es auch in vielen europäischen Ländern vermehrt als Wellness bezeichnet wird und weniger von Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen als von Massagen, ambulanten Badetherapien oder wohltuenden Atempausen für die Bronchien die Rede ist. Mit Schlagworten wie Gesundheitstouristik, Beauty- und Fitnessprogramme oder Relaxaufenthalte versuchen Tourismusverbände eine Klientel in die Kurorte zu locken, die per definitionem eigentlich gar nicht dort hingehört: gesunde Menschen. Obwohl man sich dieses Trends in der Tschechischen Republik durchaus bewusst ist, zeigt man sich in der Adaptierung der Kurbetriebe doch eher zurückhaltend. Auch der tschechische Tourismusverband CzechTourism besinne sich in der Vermarktung des heimischen Kurwesens ganz bewusst auf seine traditionelle Bestimmung, erläutert der Direktor von Czech Tourism, Rostislav Vondruska:

"Natürlich planen wir, das tschechische Kurwesen für einen größeren Klientenkreis offen zu präsentieren, aber ich muss sagen, dass das Phänomen Wellness heute überall präsent ist. Wenn Sie ein neues Hotel eröffnen, zahlt es sich sicher aus, ein Wellnesselement zu integrieren, um eine größere Konkurrenzfähigkeit zu erlangen, aber wir wollen Wellness nicht mit unserer Tätigkeit verbinden, weil man das auch auf irgendeiner Atlantikinsel machen kann. Wir möchten das Kurwesen eben mit den geographischen Bedingungen verbinden, die nur in Tschechien vorkommen und mit den Erfahrungen und Kenntnissen, die die tschechischen Balneologen haben."

KarlsbadKarlsbad Die Balneologie oder auch Bäderkunde genannt ist die Lehre von der therapeutischen Anwendung natürlicher Heilquellen, Heilgase oder Heilerde in Form von beispielsweise Bädern oder Trinkkuren und hat in ganz Europa eine lange Tradition. Die ersten Bade- oder Kurorte entstanden im 18. Jahrhundert in England und waren der Ober- und Mittelschicht vorbehalten. Ab dem 19. Jahrhundert übertrug sich diese Entwicklung auf das europäische Festland. An der Ostsee reihte sich bald ein luxuriöser Badeort an den anderen und mit dem Anschluss an das europäische Eisenbahnnetz im Jahr 1870 erlebten die Kurorte in Westböhmen, wie Karlovy Vary, also Karlsbad, und Marianske Lazne, zu Deutsch Marienbad, einen sprunghaften Anstieg in ihren Besucherzahlen. Kamen Mitte des 18. Jahrhunderts in der Kursaison lediglich 130 Familien nach Karlsbad, waren es Ende des 19. Jahrhunderts bereits mehr als 25.000 Kurgäste und vor dem Ersten Weltkrieg über 70.000. Freilich war zu dieser Zeit ein Kuraufenthalt noch etwas Elitäres und ausschließlich Angehörigen der höheren Gesellschaft vorbehalten. Dies hat sich mit dem Ende der Monarchie radikal geändert und nach einer im wahrsten Sinne des Wortes Durststrecke des Kurwesens während des Kommunismus, erfreuten sich die tschechischen Bäder immer größerer Beliebtheit, so Vondruska:

MarienbadMarienbad "Seit dem Jahr 2000 wächst die Klientel beständig und im letzten Jahr kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Nächtigungszahl in den Kurbädern. Das war aber nicht nur durch den Tourismus verursacht, sondern auch durch eine Änderung in den Statuten der Kurhotels. Aus einigen wurden balneologische Einrichtungen. Zwischen 2004 und 2005 kam es zu einem Anstieg von 125.000 auf 230.000 Gäste."

In der Tschechischen Republik sind die Kurorte über das ganze Land verstreut und bis auf zwei Bezirke kann man sich hierzulande in allen Regionen auskurieren. Von dieser Möglichkeit machen auch viele Tschechinnen und Tschechen Gebrauch, und zwar länger als in anderen europäischen Ländern üblich ist. Im Schnitt beträgt die Aufenthaltsdauer der Personen, die sich nur einer leichten Kur unterziehen wollen und nicht aufgrund einer beispielsweise schweren Operation längere Zeit rekonvaleszent sind, hierzulande zwölf Tage. In anderen Ländern liegt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei drei bis vier Tagen. Nicht zuletzt daran lässt sich das Verständnis über das Kuren ablesen: Während es hierzulande doch eher als Bestandteil einer medizinischen Behandlung gesehen wird, steht andernorts häufig Entspannung im Schnellverfahren, also das so genannte Wellness, im Vordergrund. Dazu Jaroslav Dolina von der Gesellschaft Tschechische Kurbäder in Europa:

"Auf jeden Fall hat hier das Kurwesen einen starken medizinischen Hintergrund. Ich glaube, das ist in Europa noch beim deutschen Kurwesen so. Das kann man also ein bisschen vergleichen, im Gegensatz zu der schöneren Umgebung, in der sich tschechische Kurorte befinden. Außerdem sind die natürlichen Quellen sehr gut kombiniert, sind qualitativ sehr hochwertig, kommen aus dem Tertiär, das ist ihr absoluter Vorteil."

In fast allen europäischen Ländern, mit Ausnahme von Skandinavien und einigen baltischen Staaten, befinden sich mehr als 1000 Kurorte, 38 davon in der Tschechischen Republik. Und obwohl es beispielsweise im in etwa gleich großen Nachbarland Österreich fast doppelt so viel wie hierzulande gibt, kann das tschechische Kurwesen auf eine längere Tradition zurückblicken und hat unbestritten einen höheren Bekanntheitsgrad. Der Beitritt zur Europäischen Union, die Assoziationsabkommen zwischen den Versicherungsanstalten und die geringeren Kosten ermöglichen es auch immer mehr ausländischen Gästen, auf Kur nach Tschechien zu fahren. Doch auch hier hinterlässt der Kommunismus seine Spuren, die trotz vieler Investitionen noch nicht beseitigt werden konnten. Die böhmischen und mährischen Kurbäder müssen kuriert werden. Große Hoffnungen werden in die Ausschöpfung der EU-Strukturfonds der EU in den kommenden fünf Jahren gesetzt. Doch dabei, so Pavel Telicka, ehemals EU-Kommissar und nunmehr Unternehmensberater, soll es nicht bleiben:

"Ich glaube, es gibt auch weitere Möglichkeiten einer Finanzierung, das können kommerzielle Kredite sein, das können Mittel aus internationalen Finanzinstitutionen sein, wenn wir von einer europäischen Dimension sprechen. Dann natürlich Mittel der Europäischen Investitionsbank, aber ich würde auch nicht die Möglichkeit einer so genannten PPP-Finanzierung auslassen, das heißt, eine Kombination von öffentlichen und privaten Quellen."

Die Finanzierungsfrage ist, genau so wie entsprechende Marketingstrategien für das tschechische Kurwesen, Thema der für den Herbst anberaumten Konferenz "Karlsbader Woche". Denn dank seiner natürlichen Quellen und des malerischen Ambiente in den alten Kurorten nehme das tschechische Kurwesen in Europa eine ziemlich dominante Stellung ein, meint Jaroslav Dolina von der Gesellschaft Tschechische Kurbäder in Europa. Und diese Besonderheit sollte auch so vermittelt werden, denn, so Dolina kritisch:

"Wir glauben, dass die Tschechische Republik nicht viele Sachen hat, die sie anbieten kann: Wir haben natürlich Bier und vielleicht hatten wir eine Weile auch gute Fußballspieler, aber jetzt ist das Kurwesen einer der Vorteile, also wollen wir es in Europa präsentieren. Und so, wie Österreich mit den Bergen verbunden ist, glaube ich, kann die Tschechische Republik mit dem Kurwesen verbunden werden."

Die vom tschechischen Tourismusverband und der Gesellschaft Tschechische Kurbäder in Europa initiierte Herbstkur für das böhmische und mährische Kurwesen soll nun helfen, diesem Ziel ein Stück näher zu kommen.



Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische Union:

www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für europäische Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union
www.euroskop.cz
www.evropska-unie.cz/eng/
www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU Actors online
www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt

02-07-2006