Weit weg von zu Hause daheim: Vietnamesen haben seit 50 Jahren zweite Heimat in Tschechien

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Wenn man in Tschechien von "den Vietnamesen" spricht, dann sind Verkaufsstände in zugigen Hauseingängen oder Buden auf städtischen und grenznahen Märkten gemeint, wo man frisches Obst und Gemüse oder billige Textilien und Schuhe kaufen kann. Schon seit den 50er Jahren prägen die Vietnamesen das tschechische Alltagsleben und sind doch nie wirklich ein Teil von ihm geworden. Vergangenes Wochenende haben sie heuer zum zweiten Mal den Jahreswechsel gefeiert, diesmal jenen des Mondjahres. Sandra Dudek hat mit ihnen mitgefeiert und dies zum Anlass genommen, sich über das tschechisch-vietnamesische Zusammenleben zu informieren:

Die 12jährige Ha Ngoc Quyen stärkt sich nach ihrem Auftritt
In dem zum Bersten vollen Zelt am Rande des vierten Prager Stadtteils Pisnice drängen sich auf wackeligen Bänken, von den Großeltern bis zu den Enkelkindern im Säuglingsalter, ganze Familien. Alle versuchen, einen Platz mit guter Sicht auf die Bühne zu ergattern, auf der die nächsten vier Stunden ein buntes Unterhaltungsprogramm als Auftakt zu den Neujahrsfeiern geboten wird. Denn am 29. Januar, hat ein Neues Jahr, das Jahr des Hundes, begonnen. Gerechnet wird dabei nach dem Mondkalender, gefeiert nach alter Tradition, also gleich ein paar Tage lang, wie Ha Ngoc Quyen nach ihrem Auftritt in einer Tanzgruppe erklärt:

"Der Feiertag dauert insgesamt drei Tage: Am ersten findet ein Festessen mit der Familie statt, am zweiten eines mit den Freunden und am dritten gibt es eine Feier mit den Lehrern, das heißt, wir gehen zu ihnen und wünschen ihnen alles Gute im Neuen Jahr."

Festliche Ansprache als Auftakt der Neujahrsfeier
Ha Ngoc Quyen ist zwölf Jahre alt und eine von rund 35.000 Vietnamesinnen und Vietnamesen, die legal in der Tschechischen Republik leben. In Vietnam geboren, kam sie schon als Baby, im Alter von eineinhalb Jahren, nach Tschechien. Hier besucht sie ein Prager Gymnasium, spricht perfekt Tschechisch und antwortet diplomatisch, wenn es um heikle Fragen, wie zum Beispiel jener nach den eigenen Wurzeln geht:

"Also, ich fühle mich bestimmt als Vietnamesin, aber in Tschechien gefällt es mir wahrscheinlich mehr. Vielleicht deshalb, weil ich noch nicht lange in Vietnam war."

Zur Feier des Neuen Mondjahrs gehört auch eine Modeschau
Seit über 50 Jahren haben viele Vietnamesen hierzulande eine zweite Heimat gefunden. Bereits im Jahr 1950 hat die damalige Tschechoslowakische sozialistische Republik diplomatische Beziehungen zum sozialistischen Bruderstaat Vietnam angebahnt, die in den Folgejahren durch mehrere Abkommen über kulturelle und wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit konkret wurden: Dabei war die Zahl der vietnamesischen Arbeiter, Lehrlinge und Studenten, die in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik einreisen konnten, genau so festgelegt wie der Anspruch auf eine ganzwöchige Verpflegung und Unterkunft inklusive Küche, für den Fall, dass sich die Vietnamesen, wie in der Vereinbarung steht, "schlecht an die tschechische Werksküche anpassen". Außerdem standen den Immigranten per Abkommen unter anderem Winterkleidung sowie ein dreimonatiger Tschechischkurs zu. Bis zu Beginn der 80er Jahre sind in etwa 30.000 vietnamesische Bürger, vorwiegend Männer, immigriert, alle, um der schlechten wirtschaftlichen Lage in ihrem Heimatland zu entfliehen und hierzulande nach ihren drei Grundprinzipien zu leben: die Familie auf gutem Niveau zu ernähren, die Kinder finanziell abzusichern und sich um die in Vietnam verbliebene Verwandtschaft zu sorgen. Nach der Revolution von 1989 hat die damalige Tschechoslowakei beinahe alle wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Vietnam eingestellt, um sie Mitte der 90er Jahre wieder aufzunehmen. In dieser Zeit mussten viele Vietnamesen nach Vietnam zurückkehren oder den Grund ihres Aufenthaltes ändern, um bleiben zu können. Diese haben dann begonnen, ihre Familien nachzuholen. Damit ist eine neue Generation an Vietnamesen herangewachsen, die, wie Ha Ngoc Quyen über eine gute Schulbildung verfügen und Tschechisch als zweite Muttersprache haben. Nach all den Jahren und der gemeinsamen Geschichte sei es nun wirklich höchste Zeit für eine offizielle Anerkennung von Seiten der Tschechischen Republik, meint Marcel Winter, Vorsitzender der tschechisch-vietnamesischen Gesellschaft:

Marcel Winter,  Vorsitzender der tschechisch-vietnamesischen Gesellschaft
"Ich würde mir wünschen, dass die Vietnamesen als Minderheit anerkannt werden. Manche Vietnamesen leben hier schon seit dem Jahr 1950, also mehr als 50 Jahre. Sie sollten die gleichen Rechte wie die tschechischen Bürger haben oder es sollte gesetzlich möglich gemacht werden, dass sie zwei Staatsbürgerschaften haben können. Denn die Vietnamesen, die eine Uni abgeschlossen haben, die ihre Geschäfte sehr gut führen, die zwei, drei Weltsprachen beherrschen, sollen auch in der Gemeindevertretung sitzen, und ins Parlament und den Senat gewählt werden können."

Die tschechisch-vietnamesische Gesellschaft soll die Freundschaft zwischen der Tschechischen Republik und Vietnam vertiefen, dient als Plattform für eine gemeinsame wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit und leistet den in Tschechien lebenden Vietnamesen Hilfestellung. So wurde beispielsweise vor drei Jahren das Gesundheitsprojekt "Hilfe für die Freunde" initiiert, das den Vietnamesen das Gesundheitssystem näher bringen und sie damit besser in die tschechische Gesellschaft integrieren soll. Dafür wurden Informationsmaterialien auf Vietnamesisch ausgearbeitet und unter anderem eine Hotline eingerichtet, bei der im akuten Krankheitsfall auf Vietnamesisch weitergeholfen wird. Darüber hinaus werden kulturelle Veranstaltungen organisiert, wie beispielsweise im letzten Jahr die Ausstellung eines vietnamesischen Malers, der schon lange in Tschechien lebt. Dieses Jahr findet vom 24. bis 28. April eine Woche vietnamesischer Kultur in Slany statt. Das umfangreiche kulturelle Programm dieser Woche ist in Zusammenarbeit mit dem Verband der Vietnamesen in der Tschechischen Republik entstanden. Die Vietnamesen sind bescheiden, arbeitsam und die Familie hat für sie erste Priorität. Umso mehr ärgert sich Marcel Winter über das schiefe Bild, das die Medien von ihnen vermitteln würden. Denn sie, so Winter, seien an dem schlechten Ruf der Vietnamesen hierzulande Schuld, da sie immer nur im Zusammenhang mit gefälschten Waren, die auf den Marktständen verkauft werden, berichten würden:

"Hier schreiben sie nur darüber, dass die Vietnamesen Betrüger an den Marktständen sind. Warum hat niemand darüber berichtet, dass, als es das Hochwasser in Tschechien gab, eine vietnamesische Unternehmerin in Cheb, keine Standbesitzerin, einige Millionen Kronen für die Hilfe der Opfer gespendet hat? Warum haben sie nicht darüber berichtet, dass die Vietnamesen mehr als zehneinhalb Millionen Kronen gesammelt und den tschechischen Hochwasseropfern gespendet haben? Das passt offensichtlich nicht."

26.000 der 35.000 legal in Tschechien lebenden Vietnamesen haben einen Gewerbeschein, nach Angaben des Arbeitsministeriums befanden sich im Jahr 2005 lediglich rund 250 vietnamesische Bürger in einem Angestelltenverhältnis. Die meisten haben einen Stand, an dem sie Obst, Gemüse, Textilien oder Schuhe verkaufen, viele sind bereits in Geschäfte übersiedelt, wo sie sieben Tage in der Woche von morgens bis abends arbeiten. Für Kino oder andere Freizeitaktivitäten bleibt da natürlich kaum Zeit. Frei habe der seit zehn Jahren in Tschechien lebende junge Vietnamese, der in einem Geschäft für Obst und Gemüse im Prager Stadtteil Letna arbeitet, nur am Samstag Nachmittag. Aber das störe ihn nicht, meint er, er sei mit seinem Leben ganz zufrieden:

Musikeinlagen sorgen für stimmungsvolle Abwechslung
"Es gefällt mir. Es ist ruhig hier, die Leute sind angenehm, insgesamt ist es gut. Ich habe nie ein Problem gehabt, außer manchmal in der Schule, weil ich Ausländer bin, aber das kam nur selten vor und das ist doch überall so."

Marcel Winter von der tschechisch-vietnamesischen Gesellschaft sieht Parallelen zwischen den beiden Mentalitäten, wie zum Beispiel in der Arbeitsamkeit, der Musikalität und auch der Liebe zum Sport. Nur sei dies leider den wenigsten Tschechen bekannt. Dabei, so Winter, könnten sie auch einiges von den Vietnamesen lernen:

"In mancher Hinsicht sind wir uns ähnlich und dessen sollten sich die Leute bewusst werden und in den Vietnamesen nicht nur Marktstandbesitzer sehen. Für sie war der Stand, als sie noch nicht so gut die Sprache beherrschten, die erste Möglichkeit, ihre Familie zu ernähren und eine finanzielle Grundlage zu schaffen, damit sie ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen können. Denn für sie haben die Ausbildung ihrer Kinder und die Fürsorge um ihre Familie Priorität. Und in beidem könnten wir uns ein Vorbild an ihnen nehmen."

So, wie die Vietnamesen auch am tschechischen Leben teilnehmen, indem sie unter anderem auch die hiesigen Feiertage begehen. Das hat dann den Vorteil, dass sie die Feste feiern können, wie sie fallen, wie beispielsweise zweimal das Neue Jahr. Nach einem tschechischen Wunsch für ein gutes Neues Jahr am 1. Januar hieß es dann gestern ein "Glückliches Neues Jahr" oder, auf Vietnamesisch:

"Chuc Mung Nam Moi!"

Foto: Sandra Dudek





Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische Union:



www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für europäische Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union

www.euroskop.cz

www.evropska-unie.cz/eng/

www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU Actors online

www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt