Als Felkls Welt zerbrach – eine Globenmanufaktur aus Prag

23-03-2019

Wer im Habsburgerreich die Erdteile studierte, tat dies sehr wahrscheinlich mit einem Globus aus dem Hause Felkl & Sohn. Die Manufaktur aus Roztoky bei Prag produzierte in ihren besten Zeiten jährlich 15.000 Erd- und Himmelskugeln. Der Niedergang begann zwischen den Weltkriegen, als Felkls Welt immer kleiner wurde.

Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“

Jan Felkl (Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“)Jan Felkl (Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“) Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in Prag die Globenfabrik Felkl. Der Firmengründer war ein deutschsprachiger Bauernsohn aus dem kleinen Banín / Bohnau bei Pardubice:

„Jan Felkl war eine sehr interessante Persönlichkeit. Bevor er nach Prag kam, war er bei der Artillerie und diente bei einem Regiment in Mainz. Und da stellte sein Vorgesetzter angeblich hobbymäßig kleine Globen her. So könnte Felkls Beziehung zu diesem ungewöhnlichen Fach entstanden sein“, so Eva Novotná, die Leiterin der Kartensammlung an der Prager Karlsuniversität.

Zu Jan Felkls 200. Geburtstag hat die Geografin eine Ausstellung konzipiert. Eine Wiederentdeckung, denn außerhalb eines kleinen Expertenkreises war Felkl fast vergessen. Eva Novotná:

„Das hängt damit zusammen, dass die Firma seit 1952 nicht mehr existiert. Lange wurde kaum an sie erinnert, denn alles was mit Unternehmertum und Privatbesitz zu tun hatte, war zur Zeit des Kommunismus nicht gern gesehen. Das war wohl auch ein Grund, dass die Firma Jan Felkl und Sohn ihre Arbeit einstellte. Es folgten neue, staatliche Firmen und tschechische Kartografen.“

Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“ Ein tschechischer Kartograf stand jedoch indirekt auch Pate bei der Firma Felkl. Ende der 1840er Jahre war das, als Jan Felkl vom Militärdienst zurück nach Böhmen kam. Zunächst arbeitete er bei der Post.

„In Prag machte er Bekanntschaft mit dem Kreis um den Geografen Václav Merklas. Das war sehr interessant, denn es handelte sich um Patrioten, die geografische Lehrmittel und Globen in tschechischer Sprache herstellten und sie heimlich auf Märkten und Wirtshäusern verkauften. Doch die Firma machte bald pleite. Um 1851 verließ Merklas Prag und überließ Felkl die gesamte Ausrüstung.“

In allen Sprachen der Monarchie

Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“ Mitten in Prag, in der Straße Stará Poštovská unweit der Moldau, baute Felkl seine Firma auf, heute heißt die Straße Karoliny Světlé. 1854 erfolgte der offizielle Eintrag ins Geschäftsregister.

„Felkl begann mit gefüllten Gipskugeln von sieben, neun oder zwölf Zentimetern Durchmesser. Dann produzierte er sie hohl, um Material zu sparen. Felkl versuchte immer, die Produktion so billig wie möglich zu machen. Das war sein Erfolgsgeheimnis. So konnten sich auch im 19. Jahrhundert schon Privathaushalte solche kleinen Globen anschaffen.“

Erdkugeln gehörten damals zum guten Ton, sagt Eva Novotná. Um über die neuesten Entwicklungen der Geopolitik parlieren zu können, trug der Mann von Welt nicht nur eine Uhr, sondern auch einen Globus in der Tasche.

„Was die Nützlichkeit dieser globischen Darstellungen anbelangt, so wäre es überflüssig, in unserem Jahrhunderte viel darüber zu reden. Jeder gebildete Mensch wünscht ja zu wissen, wo der Ort seiner Wirksamkeit auf der Erde liegt, in welchen örtlichen Verhältnissen sein Standort und sein Land zu andern Orten und Ländern und zu der ganzen Erdoberfläche steht“, so pries Felkl seine Produkte in einem „Hilfsbuch“ über die Anwendung des Globus.

Das Angebot wuchs schnell. Anfangs konzentrierte er sich auf deutschsprachige Globen. Eva Novotná:

Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“ „Felkls Schwiegervater war Geschäftsmann in Deutschland, er hatte also gute Verbindungen zum deutschen Markt. Aber bald übten tschechische Patrioten Druck auf Felkl aus, auch Globen auf Tschechisch zu produzieren. Und nach und nach erweiterte Felkl die Sprachpalette – umUngarisch, Slowakisch, alle Sprachen der Monarchie, aber auch um Russisch und Polnisch.“

Fast bis zur Jahrhundertwende hatte Felkl ein Monopol in der Doppelmonarchie. Den ersten internationalen Erfolg feierte er auf der Weltausstellung in Paris 1867. Niemand sonst hatte Globen in so vielen verschiedenen Sprachen im Angebot. Es folgten Auszeichnungen in Wien, Prag oder Plovdiv.

„Die Goldmedaillen wurden auch in den Briefkopf der Firma aufgenommen, das war natürlich eine gute Werbung. Und dann war es sehr wichtig, dass die Globen offizielle Lehrmittel wurden. Schon ab 1870 war jede Schule verpflichtet, einen Globus zu haben. Und Felkl-Globen erfüllten nachweislich die Anforderungen des österreichisch-ungarischen Ministeriums für Schulwesen.“

Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“ Ende des 19. Jahrhunderts produzierte Felkl serienmäßig in 17 Sprachen und acht Größen – von vier bis 47 Zentimetern Durchmesser. 1870 zog die Fabrik an einen neuen Standort, von Prag zehn Kilometer die Moldau hinauf nach Roztoky. In einem umgebauten Gutshof beschäftigte Felkl bis zu 20 Mitarbeiter, vom Schmied über Schreiner, Drucker und Kleber bis zu Buchhaltern. Nur die Geografen seien nicht vor Ort gewesen, erklärt Eva Novotná:

„Felkl selbst stellte zwar einige der frühen Himmelsgloben her, aber er vertraute sehr auf Fachleute. Das heißt, er hatte einen dauerhaften Kreis von Professoren, die geografische Aufschriften für ihn anfertigten. Zunächst einmal musste nämlich eine Globenlandkarte erstellt werden. Darauf zeichneten die Autoren ein Bild der Erde oder des Sternenhimmels, denn zumeist entstanden Globen paarweise, ein Erd- und ein Himmelsglobus.“

Zu Felkls Kartenlieferanten zählten der Leipziger Geografieprofessor Otto Delitsch und der Chef des Prager Statistikamts Josef Erben. Auch für die Übersetzungen hatte Felkl externe Fachleute. In Roztoky wurden die Landkarten im Steindruckverfahren vervielfältigt und auf die Globen geklebt, lackiert und in alle Welt verschickt.

Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“ „Aber die Globen mussten auch korrigiert werden. Denn es gab die Expeditionen von Stanley und Livingston, es gab Entdeckerreisen in Afrika, in der Antarktis und in der Arktis. Damit mussten sie zu Rande kommen. Manchmal sieht man auf den Globen per Hand ergänzte Grenzen, etwa nach der Trennung von Schweden und Norwegen im Jahr 1905. Wir können aber nicht sagen, ob das in der Firma passierte oder ob es der Besitzer des Globus war.“

Eine typische Transformation

Heute sind etwa 300 Felkl-Globen weltweit bekannt, vor allem in Tschechien und Österreich. Durch die Forschung der letzten Jahre sind viele neue Exemplare aufgetaucht, viele wurden zuletzt restauriert. Zu den Aufgaben der Geografen gehört es dann, ihre Entstehungszeit zu ermitteln.

„Die Globen haben oft keine Datierung. Das heißt, wir gehen von geografischen Positionen und Entdeckungen aus und auch von der Position des Nullmeridians. Wenn er bereits durch Greenwich läuft, entstand der Globus erst nach dem Jahr 1885, die Konferenz war im Oktober 1884. Bei den älteren verläuft er noch durch Ferro auf den kanarischen Inseln.“

Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“Quelle: Ausstellungskatalog „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“ Zurück zu Firmengründer Felkl. Als der Unternehmer 1887 starb, hinterließ er seiner Familie – er hatte neun Kinder – ein florierendes Unternehmen. Zunächst übernahm der jüngste Sohn Zikmund die Geschäfte, nach dessen Tod 1894 der älteste Ferdinand. Für Eva Novotná durchlief die Familie Felkl eine ganz typische Transformation während der tschechischen Nationalbewegung:

„Jan Felkl schrieb die ersten Anleitungen für seine Globen auf Deutsch und ließ sie übersetzen. Er war also wohl nicht ganz sicher im Tschechischen. Aber interessanterweise verfügte sein jüngster Sohn Zikmund testamentarisch, dass die Firma nur jemand übernehmen dürfe, der hervorragend Tschechisch spreche. Und Ferdinand Felkl und seine Familie sprachen eigentlich nur noch Tschechisch. Das ist ziemlich typisch für die tschechische nationale Wiedergeburt. Viele Deutsche übernahmen die tschechische Sprache. Die Felkls sind ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch.“

Ausstellung „Fenomén Felkl“ (Foto: Annette Kraus)Ausstellung „Fenomén Felkl“ (Foto: Annette Kraus) Ferdinand Felkl, der zuvor bereits Kompagnon seines Vaters war und die Filiale in Wien geleitet hatte, galt als Sprachtalent und findiger Geschäftsmann. Drei Jahrzehnte stand er an der Spitze von Felkl & Sohn, als Chef von bis zu 40 Angestellten:

„Sein Wirken markiert den Gipfel dieser Firma. In die Zeit fielen auch die Globenpatente von 1902, als er sich Lohrs Faltgloben patentieren ließ. Lohr war ein Erdkundelehrer an einer Mittelschule in Žižkov in Prag. Seine Globen ließen sich auseinandernehmen, in die westliche und östliche Erdkugel und in die nördliche und südliche. Man konnte sie an die Tafel hängen oder in vier Teile zerlegen.“

Inzwischen waren Felkls Globen längst nicht mehr aus Gips, sondern aus Karton gefertigt. Ein anonymer Fachmann lobte den Faltglobus in einem Gutachten für das k. u. k. Schulministerium in den höchsten Tönen:

„Weniger begabten Schülern fällt es schwer […] sich mit der Anschauung zu befreunden, daß es nur ein einziges Weltmeer gebe, […] viele eignen sich mitunter ganz unrichtige Vorstellungen an, deren sie sich selbst im gereiften Alter nicht mehr entschlagen können. Angesichts solcher Erfahrungen mußte es wohl längst schon jedem Lehrer der Geographie als das Wünschenswerteste erscheinen, in den Besitz eines handlichen, in zwei oder mehr Teile zerlegbaren Globus zu gelangen.“

Mit Österreich-Ungarn verschwinden Felkls Märkte

Ausstellung „Fenomén Felkl“ (Foto: Annette Kraus)Ausstellung „Fenomén Felkl“ (Foto: Annette Kraus) Der teilbare Globus war der letzte große Coup der Firma, bevor sich auch Felkls Welt langsam zerlegte. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, mussten die Arbeiter einrücken. Erst 1921 rollte die Produktion wieder an:

„Damals erhielt das Unternehmen einen Staatsauftrag für Globen vom tschechoslowakischen Schulministerium. Dennoch war es der Anfang vom Ende, denn man hatte die österreichisch-ungarischen Märkte verloren. Ich denke, zur Produktion von deutschen Globen kam es gar nicht mehr, zuvor war das der größte Teil der Produktion. Zudem entstand ein Nationalstaat nach dem anderen. Polen, Russland oder Ungarn hatten ihre eigene Produktion, und der riesige Markt schrumpfte auf einmal zusammen auf die Tschechoslowakei“, sagt Eva Novotná.

Auf Ferdinand Felkls Tod 1925 folgten unruhige Zeiten. Bis 1939 wurde die Firma von Rechtsstreitigkeiten unter den Erben gebeutelt, dann brachte der Zweite Weltkrieg die Produktion zum Stillstand. Vilém Kraupner hieß der letzte Besitzer der Globenfabrik Felkl, ein Urenkel von Firmengründer Jan. Er versuchte die Firma nach Kriegsende wieder auf die Beine zu stellen:

Ausstellung „Fenomén Felkl“ (Foto: Annette Kraus)Ausstellung „Fenomén Felkl“ (Foto: Annette Kraus) „In einem Brief von 1947 heißt es, sie hätten Vertretungen in Schweden, in Island und was weiß ich in wie vielen Ländern. Doch sie schafften es nicht mehr, die Nachfrage zu erfüllen, auch nicht in der Tschechoslowakei. Es fehlte das Geld. Im Archiv gibt es eine Menge Mahnungen wegen ausbleibender Lieferungen, sie schafften die Produktion nicht mehr. Und dann kam auch noch der sogenannte Siegreiche Februar, also der kommunistische Umsturz. Vermutlich wäre die Firma aber so oder so eingegangen, ob nun mit oder ohne Kommunisten.“

Mit der maschinellen Produktion konnte die Firma Felkl längst nicht mehr mithalten. In der „Koulovná“ – der Kugelfabrik – entstanden die Globen nach wie vor in Handarbeit und bald gar nicht mehr. 1952 wurde die Produktion endgültig eingestellt. Die einstige Globenfabrik in der Riegrová-Straße wurde in den 1970ern abgerissen, heute ist dort ein Parkplatz. An Jan Felkl und seine Globen erinnert heute nur noch ein Straße im Norden von Roztoky.

 

Die Ausstellung „Fenomén Felkl“ ist im Mittelböhmischen Museum Roztoky bis zum 8. September zu sehen: https://www.muzeum-roztoky.cz/akce/777-fenomen-felkl-proslula-tovarna-na-vyrobu-globu

Der Ausstellungskatalog ist zweisprachig Tschechisch und Englisch: Eva Novotná: „Jan Felkl & syn. Továrna na glóby/Jan Felkl & son, a Globe-Making Factory“, hrsg. von der Prager Karlsuniversität, Prag 2017.

23-03-2019