Mal deutsch, mal tschechisch: das Hultschiner Ländchen

22-02-2020

Es ist 100 Jahre her, dass ein zuvor deutscher Teil Schlesiens der Tschechoslowakei zugeschlagen wurde: das Hultschiner Ländchen. Dieses Gebiet im Dreieck zwischen Racibórz / Ratibor, Opava / Troppau und Ostrava / Ostrau wurde damit für die folgenden Jahrzehnte zu einem Spielball zwischen Berlin und Prag. Im Folgenden mehr über die Geschichte dieser Gegend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Anfang Februar 1920 besetzte die tschechoslowakische Armee das Hultschiner Ländchen (Foto: Archiv von Pavel Strádal, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Anfang Februar 1920 besetzte die tschechoslowakische Armee das Hultschiner Ländchen (Foto: Archiv von Pavel Strádal, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Foto: Wikimedia Commons, CC0Foto: Wikimedia Commons, CC0 Anfang Februar 1920 besetzte die tschechoslowakische Armee das Hultschiner Ländchen. Das geschah aufgrund des Versailler Vertrags, der am 10. Januar desselben Jahres ratifiziert worden war. Bei den Friedensgesprächen nach dem Ersten Weltkrieg hatten viele Staaten ihre Forderungen an Deutschland gestellt. Doch das 312 Quadratkilometer große Gebiet war nicht ganz der Wunsch Prags gewesen. Jiří Neminář ist Historiker vom Muzeum Hlučínska in Hlučín / Hultschin:

„Die Tschechoslowakei wollte eigentlich große Teile Oberschlesiens, es ging hauptsächlich um die Kohleförderung und die Industrie. Denn Oberschlesien war eine der größten Industrieregionen Europas. Darum stritten sich natürlich auch Polen und Deutschland, zu dem diese Gegend damals gehörte. Die tschechoslowakischen Politiker waren letztlich nicht erfolgreich. Man bekam nur jenes Gebiet, für das man das Argument vorbringen konnte, dass dort tschechische Bevölkerung lebt.“

Jiří Neminář (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)Jiří Neminář (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International) Die Menschen in der Region wurden als Mährer bezeichnet. Allerdings meint der Geschichtswissenschaftler:

„Das war irgendwie ein Konstrukt. Die Bevölkerung dort sprach zwar Tschechisch, aber sie hatte eine deutsche Mentalität. Denn man war im deutschen Nationalismus aufgewachsen.“

Tatsächlich war das Hultschiner Ländchen 1742 zu Preußen gekommen und gehörte nachfolgend zum Deutschen Kaiserreich. In einem Dokumentarfilm erinnerte sich vor einigen Jahren eine Zeitzeugin, wie es mit den Sprachkenntnissen in ihrer Familie früher ausgesehen hatte:

„Meine Oma, die 1860 geboren wurde, konnte kein Wort Deutsch. Aber meine Eltern sprachen bereits die Sprache, und auch in der Kirche wurde entgegen früheren Zeiten auf Deutsch gesungen. Aber das war zu spät für eine Germanisierung der Menschen in dem Sinne, dass sie ihre mährische Mundart verloren hätten.“

Hultschiner Ländchen (Quelle: Archiv des Museums des Hultschiner Ländchens)Hultschiner Ländchen (Quelle: Archiv des Museums des Hultschiner Ländchens) Dennoch stieß die Angliederung an die Tschechoslowakei auf Ablehnung unter den Bewohnern der 38 Ortschaften dort.

„Die einzige Verbindung zu den böhmischen Ländern hatte es dadurch gegeben, dass die kirchliche Verwaltung beim Erzbistum in Olmütz lag, also aus Österreich-Ungarn erfolgte. Aber ansonsten war alles nach Norden ausgerichtet. Als die Menschen dann erfuhren, dass ein Teil des Kreises Ratibor an die Tschechoslowakei angegliedert werden soll, haben sie Protestbriefe geschrieben. Diese wurden nach Paris geschickt und, so sagt man, auch an den Papst im Vatikan. Doch es half alles nichts, die Gegend wurde 1920 besetzt“, so Historiker Neminář.

Politik der Tschechisierung

Josef ŠrámekJosef Šrámek Für die Menschen dort bedeutete die Übernahme durch Prag eine Umstellung. Dabei zeigte die tschechoslowakische Regierung nicht gerade Fingerspitzengefühl. Das Hultschiner Ländchen erhielt eine Sonderverwaltung. Diese leitete der Regierungskommissar Josef Šrámek, der dann auch erster und letzter Präsident der schlesischen Länder in der Tschechoslowakei wurde. Šrámek hatte umfangreiche Kompetenzen und drückte eine rigorose Tschechisierung durch. Jiří Neminář:

„Zum Beispiel gab es einen Kampf um die Kinder. Die Eltern wollten ihren Nachwuchs in deutsche Schulen schicken, doch der Staat pochte auf tschechische Schulen und erlaubte keine deutschen. Oder die Volkszählungen: Da haben sich die Menschen im Hultschiner Ländchen häufig zur deutschen Nationalität gemeldet, obwohl sie nur selten gut Deutsch sprachen. Die Zählungen wurden aber von sogenannten Kommissaren vorgenommen, und diese haben auch beurteilt, wer wie eingestuft wird. Sie haben dann mährisch oder tschechoslowakisch eingetragen. Das entsprach aber nicht der Meinung der dortigen Bevölkerung.“

Das Problem mit den Schulen wurde vielerorts dann so umgangen, dass man deutschen Privatunterricht organisierte.

Marie Zajíček (Foto: Archiv des Projekts „Paměť národa“)Marie Zajíček (Foto: Archiv des Projekts „Paměť národa“) Neben der Bildungspolitik verhinderte auch die Arbeitslosigkeit in der Gegend, mehr Loyalität gegenüber dem tschechoslowakischen Staat aufzubauen. Die Weltwirtschaftskrise traf die sogenannten Sudetengebiete meist härter als andere Teile des Landes. Das nutzte ab 1933 dann Hitler weidlich aus.

„Viele Menschen aus der Gegend fanden Arbeit in Deutschland. Dort wurden die Hultschiner sogar bevorzugt behandelt. Der deutsche Staat nutzte dies für propagandistische Zwecke“, wie der Historiker erläutert.

Dies zeigen auch Interviews mit Zeitzeugen. Für das Projekt „Paměť národa“ sagte etwa Marie Zajíček, die 1927 in Bolatice / Bolatitz geboren wurde:

„Mein Vater hat in Deutschland gearbeitet. Und er hat immer gesagt: ‚Beschäftigung haben die hier nicht für uns, Ihr werdet alle in die deutsche Schulen gehen und Deutsch lernen.‘ Wir haben zu Hause nur Deutsch gesprochen.“

Jene, die in Deutschland ihr Geld verdienten, konnten manchmal auch einen bescheidenen Wohlstand aufbauen. Ansonsten war das Hultschiner Ländchen eher eine arme Gegend. Doch der Tauschkurs der Mark zur Krone lag teils bei 1:10, das machte selbst schlecht bezahlte Jobs im Nachbarland noch attraktiv.

Marie Zajíček (Foto: Archiv des Projekts „Paměť národa“)Marie Zajíček (Foto: Archiv des Projekts „Paměť národa“) Die Menschen im Hultschiner Ländchen stimmten zudem bei den Wahlen zum überwiegenden Teil für die deutschen Parteien der Tschechoslowakei. In den 1930er Jahren erhielt die völkische Bewegung von Konrad Henlein immer stärkeren Zulauf. 1935 stimmten dann zwei Drittel der Hultschiner Wähler für die Sudetendeutsche Partei des späteren SS-Obergruppenführers.

Auf die zunehmenden nationalistischen bis nationalsozialistischen Tendenzen innerhalb der deutschen Minderheit reagierte Staatspräsident Edvard Beneš mit einem Unterrichtsverbot. Noch einmal Marie Zajíček:

„Dier vierte und die fünfte Klasse habe ich in einer tschechischen Schule absolviert. Wir mussten alle dort hin. Der deutsche Privatunterricht wurde damals verboten.“

Arbeit in Hitler-Deutschland

Gabriela Hluchníková (Foto: Archiv des Projekts „Paměť národa“)Gabriela Hluchníková (Foto: Archiv des Projekts „Paměť národa“) 1938 kam für die Menschen im Hultschiner Ländchen die nächste Änderung – ihre Heimat wurde wieder deutsch. Hitler zwang im Münchner Abkommen die Tschechoslowakei, die Sudetengebiete abzutreten. Als die Wehrmacht dann Anfang Oktober einrückte, waren in Hultschin, Kravaře / Krawarn, Bolatice / Bolatitz und den anderen Orten nicht wenige begeistert. Gabriela Hluchníková aus Dolní Benešov / Beneschau war damals zehn Jahre alt:

„Öffentlich hat sich niemand aufgeregt. Eigentlich haben alle die Wehrmacht begrüßt, zum Beispiel mit Blumen. Denn jeder hat geglaubt, dass es nun besser werde.“

Doch kein Jahr später begann Hitler-Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Auch die Männer aus dem Hultschiner Ländchen wurden als vollwertige Staatsbürger in die Wehrmacht eingezogen. Insgesamt waren es rund 12.000. Viele kamen aber nicht mehr zurück.

„3500 Männer sind gefallen oder vermisst. Und 4000 bis 5000 sind während des Krieges verletzt worden“, weiß Jiří Neminář.

Und wie war die Stimmung zu Ende des Krieges? Das Thema sei bisher nicht weiter erforscht worden, gesteht der Historiker. Immerhin würden die Feldpost und weitere Briefe von damals einen kleinen Einblick geben…

Hlučín 1938Hlučín 1938 „Dort lässt sich herauslesen, dass auch zu Ende des Krieges viele wohl noch glaubten, dass es zu einem deutschen Sieg kommen werde. Auf der anderen Seite sind aber auch einige Menschen in den Widerstand gegangen. Entweder engagierten sie sich in zivilen Gruppen, oder sie meldeten sich nach der Gefangennahme zur tschechoslowakischen Exilarmee, eventuell auch zur Roten Armee. Sie kehrten dann in tschechoslowakischen Uniformen heim.“

Nach dem Krieg nahm die Geschichte des Hultschiner Ländchens abermals eine interessante Wendung. Denn die Menschen dort waren praktisch nicht betroffen von den Vertreibungen der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei. Dazu Jiří Neminář:

Flüchtlingsfamilie in Oberschlesien 1945 (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0323-501 / CC-BY-SA 3.0)Flüchtlingsfamilie in Oberschlesien 1945 (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0323-501 / CC-BY-SA 3.0) „Es gab da große Diskussionen. Einige Politiker wollten alle Hultschiner vertreiben, andere sie ins Binnenland umsiedeln. Letztlich wurden die Bewohner aber durch die Volkszählung vor dem Krieg gerettet. Auch wenn es damals gegen ihren Willen gewesen war, stand hinter ihren Namen meist ‚tschechoslowakische Nationalität‘. Zudem hatte der Staat während der gesamten Ersten Republik behauptet, dass sie Tschechen seien. Deswegen konnten sie nicht vertrieben werden. Also mussten nur jene gehen, die schon vor 1938 die deutsche Nationalität hatten oder in der NSDAP gewesen waren.“

Manche wurden allerdings auch vertrieben, weil man so leichter an ihr Eigentum herankommen konnte. Insgesamt etwa 3000 Hultschiner mussten ihre Heimat verlassen. Weitere blieben einfach in Deutschland, wo sie als Soldaten nach dem Kriegsende hingekommen waren. Die große Mehrzahl aber lebte weiter in der Tschechoslowakei. Fast schon absurd ist, dass nach der politischen Wende von 1989 mehrere Tausend der dortigen Bewohner einen deutschen Pass erhalten haben. Sie konnten sich auf die deutsche Staatsbürgerschaft ihrer Vorfahren berufen, wie dies das bundesrepublikanische Recht erlaubte.

22-02-2020