T.G. Masaryk und die Hilsner-Affäre

25-08-2007

Es war so etwas wie die tschechische Dreifuss-Affäre: Der so genannte Fall Hilsner bzw. die Hilsner-Affäre. Der Mord an einer Frau im böhmischen Städtchen Polna sorgte an der Wende zum 20. Jahrhundert in Österreich-Ungarn für großes Aufsehen. Dieser wurde als angeblicher Ritualmord dem jüdischen Schustergesellen Leopold Hilsner angehängt. Tomas Garrigue Masaryk, der spätere tschechoslowakische Präsident, engagierte sich in der Hilnser Affäre und zog gegen den absurden Ritualmordglauben ins Feld. Andreas Wiedemann erinnert in unserem heutigen Geschichtskapitel an die so genannte Hilsneriade.

Anezka HruzovaAnezka Hruzova "Die Hilsneriade begann 1899 in dem Städtchen Polna. Dort wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden",

erklärt die Historikerin und stellvertretende Direktorin des Masaryk-Museums in Lany, Magdalena Mikeskova. Bei der Leiche, die am 1. April des Jahres 1899 in einem Wäldchen bei Polna gefunden wurde, handelte es sich um die 20-jährige Schneiderin Anezka Hruzova. Ihr war die Kehle durchgeschnitten worden. Normalerweise wäre dieser Mord wohl nicht über die regionalen Grenzen hinaus bekannt geworden.

"Das Besondere war aber, dass diese Tat als Ritualmord bezeichnet wurde. Plötzlich kam der Glauben an Ritualmorde wieder an die Oberfläche, der in der Bevölkerung Österreich-Ungarns tief verankert war",

so Magdalena Mikeskova. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden Juden in der Donaumonarchie wiederholt beschuldigt, das Blut christlicher Kinder und Jungfrauen am Pesachfest zu verwenden. In Polna wurde als Tatverdächtiger sehr bald der jüdische Schustergeselle Leopold Hilsner der Öffentlichkeit präsentiert. Beweise für seine Schuld gab es aber nicht. Die Behauptung, es handele sich in Polna um einen jüdischen Ritualmord, machte schnell die Runde und zwar über die Stadtgrenzen hinaus. Der Fall wurde bald im ganzen böhmischen Königreich und später in Europa bekannt. Am 10. April kam es in Polna zu antisemitischen Ausschreitungen. Jüdische Geschäfte wurden geplündert und antisemitische Parolen gerufen. Die polizeiliche Untersuchung des Mordfalls war eine Farce. Hilsner wurde in Kutna Hora der Prozess gemacht. Das Gericht stand unter dem Druck der Öffentlichkeit, die der Ritualmordtheorie anhingen. Die höchst zweifelhafte Aussage eines dubiosen Zeugen reichte aus, um Hilsner zum Tode zu verurteilen.

Tomas Garrigue Masaryk, der spätere erste tschechoslowakische Präsident, war damals noch Universitätsprofessor für Philosophie in Prag.

Leopold HilsnerLeopold Hilsner "Tomas Garrigue Masaryk interessierte sich am Anfang eigentlich nicht besonders für den Fall. Aber als er zu einem Sommeraufenthalt in der Nähe von Bystrice pod Hostinnem war, erhielt er einen Brief von einem ehemaligen Schüler. Dieser berichtete über die Entwicklungen in dem Fall und wollte von Masaryk wissen, was er über den Fall Hilsner und den Ritualmord dachte."

Masaryk äußerte in seiner schriftlichen Antwort starke Zweifel an der Schuld Hilsners und insbesondere an den Verschwörungstheorien.

"Masaryk beschloss, gegen den Ritualmordaberglauben Position zu beziehen. Er machte sich mit allen Details vertraut. Er fuhr nach Polna, um den Fall selbst zu untersuchen. Anschließend veröffentlichte er eine Broschüre mit dem Titel 'Die Notwendigkeit zur Revidierung des Polnarer Prozesses', in der Masaryk die vermeintlichen Beweise kritisch überprüfte und forderte, den ganzen Fall neu zu untersuchen."

Masaryk machte sich damit aber keine Freunde. Eine erbitterte Hetzkampagne wurde gegen ihn eröffnet: In den Zeitungen erschienen Artikel, die Masaryks Interventionen verurteilten, in Karikaturen wurde er als "Judenfreund" beschimpft. Seine Studenten an der Universität pfiffen ihn aus und er erhielt anonyme Drohbriefe. Schließlich entzog ihm der Universitätsrektor sogar den Lehrauftrag.

Immerhin kam es zu einem neuen Prozess im Fall Hilsner, der im südböhmischen Pisek stattfand. Zu einer Revision des Urteils kam es aber nicht, doch wurde die Verurteilung wegen Ritualmordes fallengelassen.

"Leopold Hilsner wurde wegen Mordes an Anezka Hruzova verurteilt. Später im zweiten Prozess wurde ihm aber noch ein weiterer unaufgeklärter Mord an einer jungen Frau in der Nähe von Polna angehängt. Der Prozess war konstruiert und verlief so wie er verlaufen sollte. Leopold Hilsner wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt."

Das Oberste Kassationsgericht in Wien bestätigt beide Urteile. Über den Fall Hilsner berichteten mittlerweile Zeitungen in ganz Europa. Offenbar der Druck aus dem Ausland bewegte Kaiser Franz Josef I. dazu, Hilsner im Jahr 1901 die Strafe zu lebenslanger Haft abzumildern. Eine Revision des Prozesse gab es aber nicht. Im Rahmen einer Generalamnestie von Kaiser Karl I. im Jahr 1918 wurde Hilsner begnadigt und nach 19 Jahren unschuldiger Gefängnishaft entlassen. Hilsner nannte sich nun Heller. 1928 starb er in Wien.

Auch wenn Tomas G. Masaryk wegen seines Engagements in der Hilsner-Affäre im Inland harten Anfeindungen ausgesetzt war, so registrierte man im Ausland sein standhaftes Verhalten, wie Mikeskova erläutert:

"Natürlich hat dieser Prozess Masaryk geholfen. Obwohl die Presse gegen ihn war, die Studenten in der Universität ihn ausgepfiffen haben und er anonyme Briefe erhielt, gewann er doch im Ausland an Gewicht. Das half ihm natürlich während des Ersten Weltkriegs, als er Kontakte knüpfte und nach Unterstützung für die Gründung der Tschechoslowakischen Republik suchte."

Eine vollständige Rehabilitierung Hilsners gibt es bis heute nicht. Im Februar 1998 hob allerdings die damalige tschechische Justizministerin, die heutige Verteidigungsministerin Vlasta Parkanova, die Urteile beider Prozesse 1. Instanz auf. Ihr 20-seitiges Gutachten wurde 1999 vom Jüdischen Museum Prag in Buchform veröffentlicht. Für eine vollständige Rehabilitierung Hilsners müssten die Urteile aber wohl noch vom österreichischen Justizministerium bzw. vom österreichischen Bundespräsidenten aufgehoben werden, weil sich das Oberste Gericht damals in Wien befand und Wien Hauptstadt der Donaumonarchie war. Immerhin wurde im Jahr 2002 an einem Haus in der Oberen Donaustraße in Wien eine Gedenktafel für Leopold Hilsner installiert. In Polna wurde mit französischer Finanzhilfe 2002 die renovierte Synagoge wieder eröffnet - dort gibt es eine Dauerausstellung über die Hilsneriade zu sehen. Masaryk und seine Rolle in der Hilser-Affäre dokumentiert das Masarykmuseum im mittelböhmischen Lany.

25-08-2007