Auf Prager Burg: Weihnachtssammlung für SOS-Kinderdörfer

26-12-2016

Auch auf der Prager Burg strahlt in diesen Tagen ein Weihnachtsbaum. Bis zum Dreikönigstag schmückt er den dritten Burghof. Doch dieser Christbaum bietet noch mehr: In eine Spendenbox unter dem Baum kann man Geld für Kinder in Not einwerfen. In diesem Jahr findet die Spendenaktion für die tschechischen SOS Kinderdörfer bereits zum 19. Mal statt.

Blaskapelle der Prager Burgwache (Foto: Markéta Kachlíková)Blaskapelle der Prager Burgwache (Foto: Markéta Kachlíková) Mit ihren Festtagsfanfaren eröffnet die Blaskapelle der Prager Burgwache am ersten Advent die Spendenaktion. Bei Einbruch der Dunkelheit gibt Präsidentengattin Ivana Zemanová mit einer Glocke das Signal, und die Christbaumlichter beginnen zu leuchten.

Spendenbüchse unter dem Baum

Der Tannenbaum auf dem malerischen Platz vor dem Sankt-Georgs-Kloster steht inmitten eines Weihnachtsmarkts. Viele Menschen haben sich zur Eröffnung versammelt, um die Weihnachtsstimmung zu genießen. Ein Ehepaar aus Prag ist bereits zum zweiten Mal bei dieser Gelegenheit auf den Hradschin gekommen:

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková „Wir waren vor zwei Jahren hier. Damals gab es noch keinen Markt. Es wurde nur der Weihnachtsbaum feierlich erleuchtet.“

„Es ist schön hier. Uns gefällt, dass hier die Marktbuden sind. Es gibt einiges zu sehen. Die Atmosphäre ist besser als auf dem Altstädter Ring, sie ist ruhiger. Und in die Spendenbox hier um die Ecke haben wir auch etwas eingeworfen.“

Auch eine Mutter mit Kinderwagen zeigt sich zufrieden:

„Das Programm war sehr schön. Meinem Sohn hat es sehr gefallen, auch der Baum gefällt ihm, wir haben auch etwas zur Spendensammlung beigetragen. Also super.“

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková Für den musikalischen Rahmen sorgte bei der Eröffnung auch der Kinderchor Rolnička Praha unter der Leitung von Karel Virgler.

SOS-Kinderdörfer in Tschechien seit 1968

Bis zum Dreikönigstag kann man seine Spenden in eine Sparbüchse in Form eines Häuschens einwerfen. Es symbolisiert das Zuhause, das manchen Kindern leider fehlt. Die Spenden gehen an die weltweit bekannte Organisation SOS Kinderdorf, die auch in Tschechien tätig ist. Jindra Šalátová ist Nationaldirektorin von SOS Dětské vesničky / SOS Kinderdörfer:

Jindra Šalátová (Mitte). Foto: Markéta KachlíkováJindra Šalátová (Mitte). Foto: Markéta Kachlíková „Die SOS-Kinderdörfer gibt es in Tschechien beziehungsweise in der Tschechoslowakei seit 1968. Das ist auch das Jahr, in dem die erste Spendensammlung auf der Prager Burg stattfand. Das erste SOS-Kinderdorf entstand in Karlovy Vary / Karlsbad.“

Heute gibt es in Tschechien drei SOS-Kinderdörfer: Dem ältesten in Karlsbad folgte ein zweites Kinderdorf in Chvalčov im Kreis Zlín. Und das jüngste Projekt wurde 2003 in Brno / Brünn eröffnet. In den drei Kinderdörfern wurden in ihrer fast fünfzigjährigen Geschichte insgesamt etwa 600 Kinder betreut.

„Die Kinderdörfer sind Siedlungen von etwa zehn Häusern, die wir an Pflegefamilien vermieten. Gleichzeitig bieten wir diesen Familien die gesamte fachliche Unterstützung an – wie etwa psychologische Beratung, Psychotherapie und weitere Pflege.“

SOS-Kinderdorf (Foto: ČT24)SOS-Kinderdorf (Foto: ČT24) Die SOS Kinderdörfer sind ein Teil der jeweiligen Gemeinde. Die einzelnen Gebäude stehen aber in Siedlungen zusammen. In einer Familie leben von einem bis zu zehn Kinder:

„Unser Ziel ist es, dass das Leben in den SOS-Kinderdörfern dem normalen Leben möglichst ähnlich ist. Selbstverständlich herrscht dort ein gewisser Gemeinschaftsgeist. Wir bemühen uns aber, dass jede Familie ihre Privatsphäre hat. Jede Einheit ist selbstständig und eigenständig.“

Geschwister zusammen in einer Pflegefamilie

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková Geschwister zusammenzuhalten – das ist ein wichtiges Anliegen und eine Besonderheit der gemeinnützigen Organisation SOS Kinderdörfer, sagt Jindra Šalátová:

„In der Tschechischen Republik und in Europa allgemein ist es nicht einfach, Pflegefamilien für große Geschwistergruppen zu finden. Die Pflege ist natürlich viel anspruchsvoller. Mehr Kinder bedeuten mehr Sorgen, das weiß jeder, der Kinder hat.“

Die gemeinnützige Organisation SOS Kinderdörfer unterstützt mit ihrer Tätigkeit die Pflegeeltern. Manche nutzen die Möglichkeit, in einem Kinderdorf zu wohnen. Anderen helfen Sozialarbeiterinnen direkt zu Hause. Ihre Mitarbeiterinnen besuchen aber auch Familien, denen der Entzug der Kinder droht. Die Prävention ist ein wichtiger Schwerpunkt in der Arbeit der Organisation:

Kinder in einem SOS-Kinderdorf (Foto: Tschechisches Fernsehen)Kinder in einem SOS-Kinderdorf (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Wir bemühen uns, die Zahl der bedrohten Kinder zu senken und dazu beizutragen, dass die Kinder zu Hause bei ihren Eltern bleiben können.“

Für den Fall, dass dies nicht gelingt, stehen insgesamt drei sogenannte Kriseneinrichtungen für die sofortige Hilfe zur Verfügung:

„Dort kann ein Kind in einer Krisensituation in seiner Familie so lange wie nötig untergebracht werden. Etwa, wenn die beiden Eltern ihre Arbeit verlieren, bis sie eine neue Beschäftigung finden oder bis sie wieder Geld haben, um die Miete zu zahlen. Leider kommen auch Kinder dorthin, die in ihrer Familie tyrannisiert und missbraucht werden.“

Krisenzentren für Kinder

Foto: Tschechisches FernsehenFoto: Tschechisches Fernsehen Zentren, in denen Kinder und Jugendliche ihre Freizeit sinnvoll verbringen können. Oder auch das „Haus auf dem halben Weg“ für junge Erwachsene, die sich auf ihr selbständiges Leben vorbereiten. Das sind weitere Aktivitäten von SOS Kinderdörfern. Bei der Organisation sind hierzulande rund 80 Mitarbeiter beschäftigt. Ihre Tätigkeit wird zu mehr als 60 Prozent aus Spenden finanziert, und zwar sowohl von Einzelpersonen als auch von Firmen. Und die Bereitschaft zu Spenden steigt in der Weihnachtszeit, bestätigt Jindra Šalátová:

SOS-Kinderdorf (Foto: Tschechisches Fernsehen)SOS-Kinderdorf (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Die Weihnachtssammlung spielt eine bedeutende Rolle. Wir nutzen die gesammelte Summe zur Finanzierung von Kriseneinrichtungen für Kinder, die sofortige Hilfe brauchen. Besonders in der Weihnachtszeit ist es sehr wichtig, dass diese Kinder dort sind, wo es warm ist, wo das Wasser fließt und wo es Essen gibt. Und dass sie einen Weihnachtsbaum haben unter dem sie ein paar Geschenke finden.“

In den vergangenen Jahren hat die Spendenaktion auf der Prager Burg jeweils 11.000 bis 15.000 Euro eingebracht.

Jahrzehntelange Tradition der Weihnachtsspendenaktion

Petr Koura (Foto: Petr Vidomus, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Petr Koura (Foto: Petr Vidomus, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Die Tradition der Weihnachtsspendenaktion reicht in die Zeit der ersten Tschechoslowakischen Republik zurück. Der Historiker Petr Koura hat diesen Brauch in einer Weihnachtssendung von Radio Prag vor fünf Jahren erläutert:

„Die bedeutendste Tradition, die in der Ersten Republik entstand, war das Aufstellen des so genannten ‚Weihnachtsbaums der Republik‘. Der Schriftsteller und Journalist Rudolf Těsnohlídek stand damals an ihrer Wiege. Bei einem Spaziergang durch den Wald in der Umgebung von Brünn fand er gemeinsam mit seinen Freunden ein kleines Baby, das dort ausgesetzt worden war. Hätten sie das Kind nicht gefunden, wäre es erfroren. Seine Mutter, wie später von der Polizei ermittelt wurde, soll das Kind wegen sozialer Not im Wald zurückgelassen haben. Těsnohlídek schrieb darüber ein rührendes Feuilleton. Mit dem Gedanken, Ähnliches in Zukunft zu verhindern, organisierte er 1924 eine Geldsammlung unter dem Weihnachtsbaum im Stadtzentrum von Brünn.“

Ivana Zemanová (Foto: Markéta Kachlíková)Ivana Zemanová (Foto: Markéta Kachlíková) In nachfolgenden Jahren schlossen sich auch Prag, Bratislava und weitere tschechoslowakische Städte der Spendensammlung für verlassene Kinder an. Ende der 1930er Jahre stand ein solcher Baum fast in jeder Stadt und darunter immer eine Spendenbüchse in den Farben der tschechoslowakischen Fahne. Die Schirmherrschaft über der Spendenaktion übernahm die Tochter von Präsident Tomáš Garrigue Masaryk, Alice, und später die Präsidentengattin Hana Benešová. Sie eröffneten die Aktion alljährlich.

Nach einer Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg und den frühen Kommunismus begründete 1968 die Gattin des damaligen Staatspräsidenten, Irena Svobodová, eine neue Tradition: die Spendensammlungen für die SOS Kinderdörfer auf der Prager Burg. Doch ein Jahr später war sie auch schon wieder verboten. 1992 setzte sich Olga Havlová ein für die Wiederbelebung dieser Weihnachtssammlung. Dagmar Havlová, Livia Klausová und Ivana Zemanová setzten sie seitdem fort.

26-12-2016