Neues Schulgesetz: Pro und Contra

16-03-2004

Das tschechische Schulgesetz soll reformiert werden. Die Regierung hat am vergangenen Mittwoch ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Das Parlament muss noch darüber abstimmen. Wir haben darüber berichtet. Im heutigen Forum Gesellschaft wollen wir das Gesetz aber ein bisschen genauer unter die Lupe nehmen. Interessiert haben uns in erster Linie die Pro und Contras aus der Sicht der Lehrer und ihrer Zusammenschlüsse. Katrin Sliva wird diese in den kommenden Minuten vorstellen:

Rahmenvorgaben statt strikter Lehrpläne lautet die neue Devise. Auf diese Weise sollen tschechische Schülerinnen und Schüler neue Schlüsselkompetenzen erwerben. Der Unterricht wird künftig nicht mehr auf sturem Auswendiglernen von Daten und Fakten basieren. Vielmehr sind Lehrer aufgerufen, Kommunikationsfähigkeit, Problemlösungsstrategien und kritisches Denken aus ihren Schülern "herauszukitzeln". Die neuen Rahmenvorgaben legen die groben Lernziele für die jeweilige Jahrgangsstufe fest, lassen aber mehr Raum für individuelle Unterrichtskonzeptionen und größere Spielräume für die Lehrer als bisher. Diesen Gedanken begrüßen die meisten Mitarbeiter im Schulwesen. Der Gesetzentwurf als solcher sorgt dennoch für allerlei Zwistigkeiten. Zwischen der Schulministerin Petra Buzkova und dem Vize-Premier Petr Mares beispielsweise, der das Gesetz für unzulänglich hält. Unzufrieden ist aber auch so mancher Lehrer und Schulleiter. Karel Barta leitet eine Grundschule in Turnov und ist darüber hinaus Vorsitzender der Assoziation tschechischer Grundschulen. Er kritisiert den Gesetzesentwurf aus mehreren Gründen:

"Das Finanzierungskonzept, das das Gesetz vorsieht, ist ausgesprochen unglücklich. Es sieht vor, dass die Landkreisämter mit der Verteilung der Mittel betraut werden. Früher gingen die Gelder direkt an die Schulen. Jetzt ist die Situation folgende: Wir haben Mitte März und ich habe noch keinen Haushaltsplan für die Schule erhalten, an der ich unterrichte. Das ist so, als wollten Sie ein neues Haus bauen und erst wenn Sie mit einem Drittel der Arbeiten fertig wären, über die Finanzierung nachdächten. Das nächste große Problem ist, dass sich das Gesetz in sich widerspricht: Einerseits will es mit den Rahmenvorgaben neue Schwerpunkte in der schulischen Ausbildung schaffen, und zwar weg vom mechanischen Erlernen von Lehrstoff, um das eigenständige Denken und das Erkennen von Zusammenhängen zu fördern. Das Ziel ist, Schülern beizubringen, wie man lernt und in ihnen das Bedürfnis zu wecken, aus eigenem Antrieb zu lernen, nicht aus einem äußeren Zwang heraus. Andererseits werden aber die Aufnahmeprüfungen für weiterführende Schulen nicht abgeschafft. Mehr noch, sie werden in ihrer bisherigen Form beibehalten, das heißt, es werden Daten und Fakten abgeprüft. Das bedarf einer Änderung, die das Gesetz allerdings nicht vorsieht."

Die stellvertretende Vorsitzende des Schulgewerkschaftsbundes, Marketa Vondrackova, hält dagegen:

"Unser Gewerkschaftsbund würdigt, dass überhaupt ein neues Schulgesetz erlassen wurde. Sicherlich beinhaltet es in seiner gegenwärtigen Form noch Punkte, die wir versuchen wollen, mit Hilfe der Abgeordneten nachzubessern. Aber es handelt sich nur noch um Kleinigkeiten."

Konkret benennen will Marketa Vondrackova die Kritikpunkte zum derzeitigen Zeitpunkt nicht, mit dem Hinweis darauf, dass der Gewerkschaftsbund diese zunächst mit den Abgeordneten diskutieren will. Viele von ihnen haben bereits angekündigt, Korrekturen durchsetzen zu wollen. Karel Barta sieht darin nicht die Lösung des Problems:

"Der Entwurf respektiert weder die Zielsetzungen des Weißbuches für das Schulwesen noch die langfristigen Ziele zur Entwicklung des Bildungswesens in der Tschechischen Republik. Deshalb ist der Entwurf meiner Meinung nach inakzeptabel. Daran können auch eventuelle kleinere Korrekturen des Gesetzes im Abgeordnetenhaus nichts ändern. Ich halte für wichtig, dass ein alternativer Gesetzentwurf ausgearbeitet wird, der auf die Integration der Tschechischen Republik in der EU abzielt und nicht auf Grundsätzen aufbaut, die aus dem letzten Jahrhundert stammen."

Das Gesetz soll ab dem Jahr 2008 für alle Schulen verbindlich gelten. Bereits ab dem kommenden Schuljahr beginnt aber eine Übergangsphase und es gibt bereits Schulen, die nach dem neuen Konzept unterrichten. Die Schule, deren Leiter Karel Barta ist, unterrichtet schon seit einigen Jahren etwas "anders". Er behauptet, dass dies auch ohne das neue Schulgesetz möglich sei und gibt zu bedenken:

"Unsere Schule ist eine "Pilotschule", wir unterrichten bereits mit anderen Schwerpunkten und ich kann nur sagen, dass, falls die Rahmenvorgaben, die im derzeitigen Gesetzesentwurf vorgesehen sind, in Kraft treten, das für uns sogar einen Schritt zurück bedeutet. Beispielsweise müssten wir das Angebot an Wahlfächern einschränken."

Frau Vondrackova ist überzeugt davon, dass das neue Gesetz einen positiven Effekt auf das Schul- und Bildungswesen in der Tschechischen Republik haben wird:

"Wir gehen davon aus, dass das neue Gesetz den Schulen mehr Autonomie einräumt. Das bisherige Gesetz gilt unverändert seit 20 Jahren. Wir begrüßen, dass es jetzt novelliert wird. Auch dass es landesweit eine verbindliche Richtlinie geben wird und die Schulen dabei genug Raum haben, den Unterricht an die Bedingungen und Erfordernisse vor Ort anzupassen."

Auf die Frage, ob darin nicht vielleicht auch eine Gefahr liegt, weil ein Schulwechsel beispielsweise mit größeren Problemen für die Schüler verbunden sein könnte, antwortete Frau Vondrackova:

"Nein, diese Befürchtung hegen wir ganz und gar nicht. Dafür gibt es ja die Rahmenvorgaben, das heißt, die grundlegenden Kenntnisse, die Schüler einer bestimmten Altersstufe erreicht haben sollen, sind durchaus festgelegt."

Neben diesen Änderungen sieht das reformierte Schulgesetz auch eine neue Abiturprüfung vor, bei die Hälfte der Aufgaben zentral vergeben und bewertet wird. Vertreter der Partei ODS haben angekündigt, im Abgeordnetenhaus gegen das Gesetz zu stimmen.

16-03-2004