Positive Energie aus Hasskommentaren

18-09-2019

Auch in Tschechien ist sogenannte Hate speech ein großes Thema. Vor allem im Netz scheinen rassistische Beleidigungen vollkommen normal zu sein. Die NGO Varietas will aber nun etwas Positives aus dem Hass im Internet ziehen und damit die humanitäre Hilfe in Afrika unterstützen. Dabei kamen die Macher aber auch zu überraschenden Schlüssen.

Flüchtlinge (Foto: Scott Chacon, Flickr, CC BY 2.0)Flüchtlinge (Foto: Scott Chacon, Flickr, CC BY 2.0) Rassistische Beleidigungen und Drohungen sind in Tschechien trauriger Alltag in den sozialen Medien. Auf wen diese besonders zielen, das weiß Kamil Vacek von der NGO Varietas:

„In erster Linie gibt es da zwei Kategorien: Muslime und Schwarze. Grundlegend ist immer die Verschiedenheit von der Mehrheitsgesellschaft.“

Früher richtete sich der Hass vor allem gegen die Roma. Diese sind jedoch als Ziel von verbalen Attacken in den vergangenen Jahren eher in den Hintergrund getreten. Die Prioritäten der Fremdenfeinde haben sich deutlich verschoben, Grund ist unter anderem die Flüchtlingskrise in Europa:

„Zuletzt gab es in den Jahren 2015 und 2016 eine Hysterie rund um Muslime. Mit unserem Projekt wollen wir aber auch ein bisschen in eine andere Richtung schauen. Wir möchten deshalb Kindern in Uganda helfen. Sie sind zwar keine Moslems, anders als wir hier sind sie aber trotzdem. Sie sind nämlich schwarz.“

Kamil Vacek (Foto: Archiv der NGO Varietas)Kamil Vacek (Foto: Archiv der NGO Varietas) Bei dem Projekt, hinter dem Kamil Vacek mit Varietas steht, geht es um „Hate unplugged“, das seit August online ist. Varietas will das Beste aus dem Internet-Hass machen und hat eine besondere Kampagne gestartet. Damit soll aus der negativen Energie der beleidigenden Kommentare eine sehr positive Energie für humanitäre Projekte entstehen. Kamil Vacek erklärt, wie das funktioniert:

„Gemeinsam mit der Agentur McCann haben wir einen Algorithmus entwickelt, der die tschechischen Inhalte in sozialen Netzwerken durchkämmt. Dieser soll dann Kommentare ausfindig machen, die Hass gegenüber anderen Ethnien oder Religionen verbreiten. Dazu haben wir einen Koeffizienten festgelegt, mit dem ausgerechnet wird, wie viel Energie eigentlich für jeden einzelnen Hasskommentar aufgewendet wird. Dadurch können wir schätzen, wie viel Strom jemand für das Schreiben einer solchen Botschaft verbraucht hat. Schließlich übertragen wir diese Zahl dann, und genauso viel elektrische Energie wird für ein Flüchtlingslager in Uganda gespendet.“

Strom aus Hass für Projekte in Afrika

Der Strom wird jedoch nicht direkt an den Zielort geliefert. Das Ganze ist eigentlich ein Marketing-Gag mit Tiefgang:

„Uns geht es um die Symbolik. Die Verbrauchszahlen sind ja nur Schätzungen und nicht exakt. Wir wollen aber damit zeigen, dass diese überschüssige Energie, die für den Hass aufgewendet wird, eigentlich einem guten Zweck dienen könnte.“

Praktisch sieht das dann folgendermaßen aus:

„Wir als Organisation rechnen die für Hasskommentare aufgewendete elektrische Energie in einen Geldbetrag um. Dafür kaufen wird dann spezielle Solar-Kioske für Flüchtlingslager in Afrika.“

Solar-Kiosk (Foto: YouTube Kanal von SK Online)Solar-Kiosk (Foto: YouTube Kanal von SK Online) Das Geld kommt allerdings aus Spenden und sonstigen Zuwendungen, auf die Varietas angewiesen ist.

Die Solar-Kioske stellt Varietas gemeinsam mit dem internationalen Projekt Hello World auf. Dieses unterstützt seit gut zehn Jahren zahlreiche humanitäre Vorhaben in Entwicklungsländern, vor allem in Afrika. Kamil Vacek erklärt, wie diese sogenannten Hello Hubs genau funktionieren:

„Wir arbeiten mit Hello World zusammen und installieren in einem Flüchtlingslager in Uganda einige Solar-Kioske. Dort können die Kinder dann ihre Handys aufladen – oder auch ihre Tablets, sofern sie welche haben.“

In einer Klasse in Teplice war ein hoher Anteil an Ausländerkinder (Foto: Facebook)In einer Klasse in Teplice war ein hoher Anteil an Ausländerkinder (Foto: Facebook) Dabei geht es jedoch nicht darum, dass die kleinen Ugander auf ihren Handys etwa spielen. Vielmehr sollen ihnen so Lernprojekte zugänglich gemacht werden. Deshalb gibt es dort Weiterbildungssoftware zum freien Download. Tatsächlich sind die Elektro-Stationen sehr beliebt bei den Ugandern. Laut Angaben von Varietas wird jeder Hub im Schnitt täglich 19 Stunden lang genutzt.

Weniger Hass als erwartet

Das Projekt Hate unplugged bezieht seinen Strom aus Hass vor allem in den sozialen Medien. Das hat auch einen bestimmten Grund. Denn gerade Hasskommentare unter einem Foto einer Schulklasse aus Teplice / Teplitz auf der Facebook-Seite einer Lokalzeitung hatten in der Vergangenheit für Aufsehen gesorgt hierzulande. In der Klasse war ein hoher Anteil an Ausländerkinder. Viele Kommentatoren beschimpften diese wüst, manche User wünschten den Schülern sogar den Tod. Wer steckt aber hinter den Beleidigungen und Drohnachrichten? Das sei schwer zu sagen, meint Kamil Vacek:

Hasskommentare auf der Facebook-Seite (Foto: Facebook)Hasskommentare auf der Facebook-Seite (Foto: Facebook) „Hasskommentare schreibt in der Regel jemand, bei dem es gerade nicht klappt im Leben. In jeder Gesellschaft gibt es davon rund 20 bis 30 Prozent, und meist sind das ganz bestimmte Phasen im Leben dieser Menschen. Spezifizieren kann man das nicht unbedingt, denn bisher gibt es dazu keine verlässlichen Daten. Außerdem werden viele dieser Kommentare anonym oder unter falschem Namen verfasst. Deshalb ist es nicht ganz so einfach, ein sozio-demografisches Bild dieser Menschen zu zeichnen.“

Im Fokus der Analysen von Hate unplugged stehen in erster Linie die sozialen Netzwerke, weniger beispielsweise die Kommentarspalten unter Artikeln von Onlinemedien. Die Macher hinter dem Projekt sind dabei aber zu einem überraschenden Schluss gekommen. Vor allem beim negativen Feedback an die eigene Adresse:

„Hate speech ist eigentlich ein Thema, das von den Medien gerne sehr groß gemacht wird. Unter anderem vor Wahlen, wie zum Beispiel bei unseren Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr. Wir haben damit auch Erfahrungen gemacht, als wir unser Hilfsprojekt für Afrika gestartet haben. Am Anfang haben viele Menschen Angst gehabt, bei uns mitzumachen. Als ich das Vorhaben dann auf mich genommen habe, war ich überrascht, wie wenige Hasskommentare an meine Adresse gegangen sind. Ich habe, glaube ich, weniger als zehn Mails mit entsprechendem Inhalt bekommen. Ich wurde auch nicht sonst irgendwie bedroht, verfolgt, und ich habe keine Drohanrufe bekommen. Mir scheint deshalb, dass das Thema gern vor Wahlen aufgebauscht wird, um die Menschen zu polarisieren.“

Illustrationsfoto: Gerd Altmann, Pixabay / CC0Illustrationsfoto: Gerd Altmann, Pixabay / CC0 Bisher ist Hate unplugged mit seiner Hilfe lediglich in Uganda präsent. Ob man jedoch expandieren kann, hängt laut Kamil Vacek mit dem Hass in der tschechischen Gesellschaft zusammen.

„Das hängt wirklich davon ab, wie viele Hasskommentare geschrieben werden hierzulande. Wie gesagt, derzeit bin ich eher überrascht, wie wenige es davon gibt. Das liegt wahrscheinlich an der aktuellen politischen Lage. Ein Faktor ist bestimmt auch, dass es wirtschaftlich recht gut aussieht zurzeit, die Arbeitslosigkeit ist beispielsweise auf einem Tiefststand. Es kann schon sein, dass es in einer Zeit, in der Bauunternehmen kaum Arbeiter finden und die Supermarktkassen unterbesetzt sind, eher weniger Hass gibt. Sicher ändert sich das wieder, sollten wir in eine Rezession schlittern. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass vor allem die Politik den Hass befeuert. Denn vor Wahlen ist die Verschiedenheit immer ein dankbares Thema für bestimmte politische Strömungen. Das ist aber überall auf der Welt so.“

Es bleibt also abzuwarten, ob in zwei Jahren die Solar-Kioske von Hate unplugged heiß laufen. 2021 stehen nämlich die Parlamentswahlen hierzulande an.

 

Weitere Informationen finden Sie auf Englisch auf der Webseite von Hate unplugged: hateunplugged.com. Wie genau die Hello Hubs funktionieren, erfahren Sie auf der Internetpräsenz der Initiative Hello World dazu, und zwar hellohub.org.

18-09-2019