Franz Werfel - ein Portrait

27-08-2011

Prag, Anfang des 20. Jahrhunderts: Die deutschsprachigen Literaten dieser Zeit haben einen gemeinsamen Treffpunkt - das Cafe Arco in der Hybernska-Gasse. Ein Gegenpol zum Cafe Union, das der tschechischen Intelligenz als Ort für Zusammenkünfte dient. Zu den Gästen zählt neben bekannten Größen wie Max Brod, Willy Haas und Ernst Polak gelegentlich auch der Schriftsteller Franz Kafka. Der lernt hier die tschechische Journalistin Milena Jesenská kennen, zu der er eine einzigartige Beziehung entwickelt, was sich nicht zuletzt in seinen später veröffentlichten "Briefen an Milena" manifestiert. Viel häufiger ist jedoch ein Namensvetter Kafkas in diesen Räumlichkeiten zugegen: der 1890 in Prag geborene Franz Werfel. Mehr über diesen Schriftsteller, der in den 20er und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts zu den meist gelesenen deutschsprachigen Autoren zählte, erfahren Sie im heutigen Kultursalon. Am Mikrofon begrüßt Sie hierzu Katrin Sliva.

Werfel ist das erste Kind eines wohlhabenden jüdischen Handschuhfabrikanten und dessen Frau. Er wächst in Prag auf, wo er bereits als Jugendlicher seine ersten Gedichte schreibt, die er dann, zunächst im Kreise seiner Freunde, später vor einem größeren Publikum, lauthals zum Besten gibt. In einem Tagebucheintrag Franz Kafkas aus dem Jahre 1912 heißt es in diesem Zusammenhang:

"Vorigen Samstag rezitierte Werfel im Arco die Liebeslieder und das Opfer. Ein Ungeheuer! Aber ich sah ihm in die Augen und hielt seinen Blick den ganzen Abend."

Ich bat Professor Dr. Milan Tvrdík, Leiter des Instituts für Germanistik an der Karls-Universität in Prag, uns die Beziehung der beiden Schriftsteller zueinander sowie den Zirkel im Cafe Arco insgesamt, näher zu bringen:

„Das Café Arco war überall als Treffpunkt der deutschsprachigen Schriftsteller aus Prag bekannt, auch der ganz jungen. Dieses Café Arco war der Treffpunkt der Schriftsteller um Max Brod und um die letzte Generation der Prager deutschen Literatur. Im Café Arco begegnete Werfel auch Kafka. Kafka hielt sich immer zurück, er griff nie in die eifrigen Gespräche der Autoren ein, so dass man davon ausgehen kann, dass die Bekanntschaft nur sehr vage war. Werfel verkehrte eher mit Max Brod, mit dem er befreundet war. Ich kann aber nicht sagen, Werfel und Kafka befreundet waren. Er kannte ihn bestimmt sehr gut, gerade von diesen Versammlungen der Prager deutschen Autoren. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass Kafka und Werfel etwas gemeinsam hatten, auch nicht in der Zeit, als die Arco-Runde vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stattfand.“

Viel intensiver war Werfels Beziehung zu Max Brod und vor allem zu Willy Haas, der sich für die Veröffentlichung der ersten Gedichte Werfels einsetzte. Mit Erfolg. Im Jahre 1908 erscheint in Wien, in der Tageszeitung "Die Zeit", das erste Gedicht Werfels; der Titel: "Die Gärten der Stadt Prag". Professor Tvrdík beschreibt diesen Abschnitt in Werfels Werk folgendermaßen:

„Zu jener Zeit war Franz Werfel einer der führenden Vertreter des Expressionismus in Prag. In der Sekundärliteratur wird sogar oft betont, Franz Werfel sei einer der Begründer dieser Richtung in der deutschen Literatur überhaupt, und zwar durch seine Gedichtsammlungen, die zwischen 1910 und 1920 erschienen sind. 1911 ist es der berühmte ´Weltfreund´, eine Gedichtsammlung, die bei der Entwicklung der expressionistischen Welle den Auftakt machte. 1913 folgt die Gedichtsammlung ´Wir sind´ und 1915 die Sammlung ´Einander´. Der Expressionismus war in dieser Zeit für Franz Werfel sehr wichtig. Er hat sich mit ihm nicht kritisch, sondern eher fruchtbar auseinandergesetzt. Das war wichtig für die weitere Entwicklung seines eigenen Schaffens, vor allem in den 1920er Jahren in seinen Erzählungsbänden. Die wichtigsten Bände aus diesen Jahren sind ´Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig´ und ´Der Tod des Kleinbürgers´. Das ist die Periode des Expressionismus bei Franz Werfel. Später hat er sich vom Expressionismus losgesagt und hat sich mehr bürgerlichen Schriften, also humanistischen Romanen und Romanen über berühmte Persönlichkeiten gewidmet.“

Den ersten seiner historischen Romane veröffentlicht Werfel 1924. Er trägt den Titel "Verdi". Werfel gilt als großer Liebhaber der italienischen Oper.

Zu jener Zeit lebt der Schriftsteller bereits in Wien, wohin er im Sommer 1917 ins Kriegspressequartier versetzt worden war, nachdem er zuvor ein Jahr lang an der ostgalizischen Front gedient hatte. Im Jahre 1918 ist er Mitglied der Roten Garde, die ein "rotes" Wien fordert. In Wien lernt er auch seine spätere Ehefrau Alma Mahler-Gropius kennen. Der gemeinsame Sohn des Paares, Martin-Carl-Johannes, stirbt ein Jahr nach seiner Geburt. Dieses tragische Ereignis verarbeitet Werfel in einer Vielzahl von Werken. Ein ähnlicher Schicksalsschlag ereilt ihn 1935 noch einmal: Seine Stieftochter Manon Gropius stirbt in diesem Jahr an Kinderlähmung. Doch wenden wir uns wieder Werfels Werk zu, und zwar in den 30er-Jahren:

„In den 30er Jahren, also mit der zunehmenden Gefahr des Faschismus hat er sich mit diesem Phänomen vermehrt auseinandergesetzt. Als Jude, der sehr stark dem Katholizismus anhing, als jemand, der im Glauben eine der möglichen Rettungen der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts sah. Davon zeugen solche Werke wie ´Die vierzig Tage Musa Dach´, die Chronik der Armenier im Ersten Weltkrieg, und ´Jeremias. Höret die Stimme´. Das waren Sachen, die sich immer wieder mit dem Phänomen des Einzelnen und mit dem der Gesellschaft auseinandersetzten. Der Gipfel dieser Richtung seines Schaffens war der Roman ´Stern der Ungeborenen´, der 1945 posthum erschienen ist. Es ist eine Vision der Gesellschaft, eine Vision der Kunst und der Künstler, die sich 1000 Jahre später zusammenfanden, um sich mit der neuen Welt auseinanderzusetzen. Es ist teilweise eine mythisch-mystische Literaturlinie, auf der man mit Fragen konfrontiert wird, von denen er sich als Mitglied der jüdischen Gemeinde, als Anhänger des Katholizismus sehr betroffen fühlte. Er ist einer der Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die nicht so sehr an den Forttritt geglaubt hatten, das heißt an den Liberalismus, an moderne Strömungen der Zeit, sondern eher an die bewährten Traditionen und Werte, wie der Glaube. Dazu möchte ich auf einen Essay von ihm hinweisen, nämlich ´Kann die Menschheit ohne Glauben leben´. Das ist eine der Hauptlinien der Auseinandersetzung Franz Werfels mit der Welt um ihn herum.“

Die Religion nimmt eine zentrale Stellung in Werfels Schaffen ein. Doch schwankt er zwischen dem Judentum und dem katholischen Glauben und versucht in seinen Schriften, beide Religionen miteinander zu vereinen. Große Bedeutung für seine religiöse Entwicklung kommt seiner früheren Kinderfrau, Barbara Šimůnková, zu, der er in frühester Jugend zu Messen folgt. Die Atmosphäre in der Kirche, der Prunk und nicht zuletzt der Gottesdienst an sich beeindrucken ihn nachhaltig. In seinem Roman "Barbara und die Frömmigkeit", der eindeutig autobiografische Züge aufweist, setzt er dieser Angestellten seiner Eltern ein literarisches Denkmal.

1938 muss Werfel vor den deutschen Nationalsozialisten fliehen. Als Zufluchtsort dient ihm zunächst einmal das französische Sanary-sur-Mer. Von dort aus flieht er zwei Jahre später über die Pyrenäen und erreicht im Oktober 1940 Amerika. Während der aufreibenden, mit zahlreichen Gefahren verbundenen Flucht gelobt er, dass wenn sie gerettet würden, er eine dem französischen Wallfahrtsort Lourdes ein literarisches Denkmal setzten würde. Er hält Wort und schreibt - in Amerika angekommen - den Roman "das Lied von Bernadette".

Werfel wird vor allem in den 20er und 30er-Jahren mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet. 1945 stirbt er im amerikanischen Exil. So, liebe Hörerinnen und Hörer, ich hoffe, dass ihnen unser heutiger Ausflug in die Literatur gefallen hat. Unser Kultursalon schließt für heute seine Pforten. Am Mikrophon verabschiedet sich von Ihnen Katrin Sliva.

 

Dieser Beitrag wurde am 9. Februar 2003 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.

27-08-2011