Kreneks Oper mit böhmischer Leichtigkeit

Der US-amerikanische Komponist österreichischer Herkunft Ernst Krenek bezeichnete die Oper „Jonny spielt auf“ als seinen größten Publikumserfolg. Kurz nach der Premiere 1927 in Leipzig wurde das Werk auch in Prag gespielt. Jetzt nach 91 Jahren wird die Oper wieder in der tschechischen Hauptstadt aufgeführt. Der US-amerikanische Dirigent Stefan Lano hat das Musikwerk zusammen mit Solisten aus Tschechien und dem Ausland sowie mit dem Orchester und dem Chor der Prager Staatsoper einstudiert. Die Regie hat David Drábek. Nächste Woche hat die Neuinszenierung im Nationaltheater in Prag ihre Premiere.

Oper ,Jonny spielt auf‘ (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)Oper ,Jonny spielt auf‘ (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)

Stefan Lano (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)Stefan Lano (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag) Herr Lano, Sie studieren im Nationaltheater Ernst Kreneks Oper ,Jonny spielt auf‘ ein. Das Werk ist hierzulande heute nicht mehr sehr bekannt. Manchmal wird es als eine Jazz-Oper bezeichnet. Stimmt diese Charakteristik Ihrer Meinung nach?

„Sie trifft nicht ganz zu. Krenek hat die Oper als Form sehr ernst genommen. Und es gibt darin Jazz-Elemente. Doch Krenek kannte zu der Zeit damals noch keinen Jazzmusiker. Als echte Jazz-Oper lässt sie sich nicht bezeichnen, denn hinter dem Begriff würde sich eine bestimmte Leichtigkeit verbergen. Es handelt sich aber um ein ernstes Stück, dessen Thema sich auf die Zwischenkriegszeit bezieht. Vollendet wurde die Oper 1926. Krenek war damals in Kassel. Nach dem Ersten Weltkrieg und während der Weimarer Republik hoffte Europa natürlich auf Frieden. Die Idee der Oper bezieht sich auf Jonny als ein Symbol für die amerikanische Offenheit, ein Symbol für ein gutes Amerika. Es war damals wünschenswert, Neues aus Amerika zu übernehmen. Zudem sind gerade zu dieser Zeit viele Menschen aus Europa in die USA ausgewandert – darunter auch meine Eltern. Daniello, der Geiger, repräsentiert in der Oper die alte europäische Kultur und eine Verbundenheit mit dem Konservatismus. Jonny gewinnt am Ende, Daniello stirbt bei einem Zugunfall. Es ist eine optimistische Oper mit einem ernsten Thema. Das war auch Kreneks Intention. Ich habe auch an der Inszenierung der Oper durch den Regisseur Marcelo Lombardero im Teatro Colón in Buenos Aires mitgewirkt. Es war eine historische Produktion, die sehr werkgetreu war. Die Witwe des Komponisten Gladys Nordenstrom-Krenek meinte sogar, das sei die beste Produktion von Jonny gewesen, die sie je gesehen habe. Darauf war ich natürlich stolz.“

Oper ,Jonny spielt auf‘ (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)Oper ,Jonny spielt auf‘ (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag) Wie beurteilen Sie Ihre Zusammenarbeit mit dem tschechischen Regisseur David Drábek?

„David ist ein freundlicher Mann, wir haben in den letzten Monaten viel an der Oper gearbeitet. Die Kooperation mit dem Orchester und dem Chor der Prager Staatsoper macht mir große Freude. Wir haben ein gutes Team beisammen. Es ist mein erster Aufenthalt in Prag. Vor einem Monat musste ich in Warschau einspringen. Zwei schöne Städte, die ich zuvor nie besucht habe, habe ich jetzt innerhalb von fünf Wochen kennen gelernt. In Prag verbringe ich eine längere Zeit. Die Stadt gefällt mir genauso wie die Zusammenarbeit mit den Musikern.“

Sie sind als Dirigent fast in der ganzen Welt aufgetreten: in Süd- und Nordamerika, in Asien sowie in Europa. Momentan sind Sie der erste Kapellmeister am Deutschen Nationaltheater in Weimar. Lässt sich von bestimmten Nationalklängen bei Orchestern sprechen? Unterscheiden sie sich voneinander?

„In einer Probe habe ich um eine bestimmte ,bäuerliche Leichtigkeit‘ gebeten. Ich habe die Musiker aufgefordert, wie in der Verkauften Braut von Smetana zu spielen.“

„Ich denke schon. Deutsche Orchester haben etwas, was man in den USA den ‚dunklen deutschen Klang‘ nennt. Manchmal denke ich, je weiter östlich man von Deutschland aus kommt, desto wärmer wird der Klang. Hier im Nationaltheater gibt es ein wunderbares Orchester. In einer Probe habe ich um eine bestimmte ,bäuerliche Leichtigkeit‘ gebeten. Ich habe die Musiker aufgefordert, wie in der Verkauften Braut von Smetana zu spielen. Die Musiker haben geschmunzelt und mich sofort verstanden. Ich versuche mich bei den Proben auch mit ein paar tschechischen Wörtern, aber meistens rede ich Deutsch oder Englisch. Ich bin davon überzeugt, dass es hier in Prag noch weitere sehr gute Orchester neben der Tschechischen Philharmonie gibt. Prag ist eine sehr musikalisch geprägte Stadt. So fühle ich das jedenfalls.“

Oper ,Jonny spielt auf‘Oper ,Jonny spielt auf‘ Worin besteht der Unterschied zwischen einem Kapellmeister und einem Dirigenten?

„Diesen Unterschied gibt es – sagen wir – seit dem Zweiten Weltkrieg, seit Karajan. Viele Dirigenten nennen sich aber ungern Kapellmeister. Ich habe damit kein Problem. Ein Kapellmeister ist für mich jemand, der viele Jahre als Repetitor gearbeitet hat. Ich war ein paar Jahre in Graz und dann viele Jahre an der Wiener Staatsoper tätig. Dabei lernt man, was Oper heißt. Man sitzt meist in einer nicht gut beleuchteten Ecke und spielt Klavier für Dirigenten von verschiedenem Rang. Selten habe ich schlechte Dirigenten erlebt. Ich habe das Glück gehabt, mit Menschen wie Lorin Maazel, Claudio Abbado, Zubin Mehta und Carlos Kleiber in Wien zusammenarbeiten können. Natürlich lernt man vom Klavier aus sehr viel, nicht nur was die Stimmenbegleitung und die Aneignung des Repertoires betrifft, sondern auch wie man mit einem Regisseur umgeht, wie man eine Produktion zusammenstellt. Wenn man das Jahre lang vom Klavier aus beobachtet und sich viel Repertoire aneignet, dann ist es später, wenn man ein Stück dirigiert, wie einem alten Freund zu begegnen. Es ist dieselbe Musik, aber statt eines Klavierauszugs hat man eine Partitur vor sich. Jonny habe ich beispielsweise zuerst in Graz unter Dirigent Ernst Märzendorfer gespielt. Später habe ich die Oper in Buenos Aires dirigiert – und jetzt hier.“

„Das Bühnenbild muss wie die Musik aussehen. Es muss eine Harmonie von Auge und Ohr bestehen.“

Wie ist Ihre Beziehung zur tschechischen Musik? Die Verkaufte Braut haben Sie schon erwähnt…

„Die Verkaufte Braut und auch Rusalka habe ich dirigiert. Es war eine wunderschöne Produktion der Wiener Staatsoper in Aachen von Günther Schneider-Siemssen. Er war der Bühnenbildner von Herbert von Karajan. Ich meine, dass Karajan Recht hatte, als er sagte: Das Bühnenbild muss wie die Musik aussehen. Es muss eine Harmonie von Auge und Ohr bestehen. Wenn ein allzu modernes Bühnenbild entworfen wird, das mit dem Stück nichts zu tun hat, und eine Regie hinzukommt, die mit der Musik nichts zu tun hat, dann verwirrt man das Publikum ein wenig. Ich finde, dass Klarheit in Gestik nicht nur beim Dirigieren, sondern auch bei der Präsentation einer Produktion das Sine qua non für eine erfolgreiche Produktion ist.“

Haben Sie auch schon Werke von Bohuslav Martinů gespielt oder dirigiert?

Die Premiere der Neuinszenierung von Kreneks Oper „Jonny spielt auf“ findet im Prager Nationaltheater am 24. Januar um 19 Uhr statt. Es gibt noch Restkarten. Die Oper wird des Weiteren noch am 26. und 30. Januar sowie am 7. und 20. März gezeigt.

„Ja, seine Musik liebe ich. Ich habe zum ersten Mal mit 19 Jahren seine 2. Cello-Sonate gespielt. Seitdem bin ich in Martinů verliebt. Ich würde gerne seine Musik dirigieren.“

Sie sind nicht nur Dirigent, sondern auch Komponist. Können Sie sich vorstellen, hier eines Ihrer Werke aufzuführen, wenn es die Möglichkeit gäbe?

„Sehr gern. Meine Rilke-Lieder und meine 3. Symphonie werden jetzt in Weimar gespielt – in einem Stück, das nach dem Roman ‚November 1918‘ von Alfred Döblin entstanden ist.“