Rückblick: Das Kulturjahr 2019 in Tschechien

28-12-2019

Der Gastauftritt bei der Buchmesse in Leipzig, der Nachwuchs-Oscar für eine Studentin aus Prag und der Tod von Schlagerstar Karel Gott – das gab es in der tschechischen Kultur in diesem Jahr, aber auch noch einiges mehr.

Gebäude des tschechischen Kulturministeriums (Foto: Ludek, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Gebäude des tschechischen Kulturministeriums (Foto: Ludek, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) Das Jahr 2019 war hierzulande von mehreren Skandalen begleitet, die sich zwischen Kultur und Politik entsponnen haben. So stand das Kulturministerium drei Monate lang ohne Chef da, weil sich Staatspräsident Miloš Zeman weigerte, einen ihm vorgeschlagenen Kandidaten zu ernennen. Ende August übernahm dann der sozialdemokratische Ex-Außenminister Lubomír Zaorálek den Posten. Damit wurde auch die Regierungskrise beendet, die durch die Vakanz entstanden war. Eine weitere Affäre hatte eine internationale Dimension. China sagte Konzerte mehrerer tschechischer Musikensembles im Land ab. Die Volksrepublik reagierte damit auf einen Streit mit dem Prager Magistrat. Dieser hatte aus dem Partnerschaftsvertrag mit Peking die Passage über die Anerkennung der Ein-China-Politik streichen lassen. Die Auseinandersetzung mündete schließlich in eine Aufkündigung der Städtepartnerschaft zwischen Prag und Peking.

Das Jahr 2019 war zudem geprägt durch das Erinnern an 1989. Der 30. Jahrestag der demokratischen Wende in der Tschechoslowakei, der sogenannten Samtenen Revolution, wurde in zahlreichen Ausstellungen und Festivals reflektiert. Zudem gab es eine Reihe von Debatten, Theatervorstellungen und Konzerten zu diesem Anlass. Im Folgenden aber ein kleiner Überblick, was das Jahr sonst noch alles gebracht hat.

 

Foto: Verlag LuchterhandFoto: Verlag Luchterhand „Ahoj Leipzig“: unter diesem Motto stand der Gastauftritt Tschechiens bei der Buchmesse in Leipzig. Die tschechische Literatur verdankt diesem über 70 neue Übersetzungen, die auf den deutschsprachigen Buchmarkt gekommen sind. Insgesamt 55 Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben in Leipzig aus ihren Werken gelesen. Jaroslav Rudiš etwa brachte seinen jüngsten Roman „Winterbergs letzte Reise“ mit in die sächsische Messestadt.

„Die Reise führt in Richtung Mitteleuropa, mit der Eisenbahn, durch die Geschichte. Dieser Winterberg, die Hauptfigur, 99 Jahre alt, ist eine tragikomische Figur. Er weiß wahnsinnig viel über die Geschichte und geht immer wieder in dieser Geschichte verloren. Er reist zusammen mit seinem Sterbebegleiter Kraus, so heißt die zweite Hauptfigur, einer verlorenen Liebe nach. Es ist eine winterliche, melancholische, aber auch eine sehr tragikomische und teilweise sehr lustige Reise“, so Rudiš gegenüber Radio Prag International.

Milan Kundera ist einer der größten Autoren der Gegenwart. Der in Frankreich lebende Tscheche feierte im April in Paris seinen 90. Geburtstag. Der Literaturwissenschaftler Tomáš Kubíček weiß seine Werke zu schätzen:

„Seine Bücher beweisen, dass Literatur nicht zur Unterhaltung geschrieben wird, obwohl seine Romane auch Unterhaltung bieten. Sie regen hauptsächlich zu unendlichem Nachdenken an. Dabei wird der Leser stark gefordert. Kundera ist ein Autor, zu dem man immer wieder zurückkehren kann.“

Jiří Stránský (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jiří Stránský (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Im Herbst erhielt Kundera nach 40 Jahren die tschechische Staatsbürgerschaft zurück, die ihm in den 1970er Jahren aberkannt wurde.

Die tschechische Literatur musste im zurückliegenden Jahr auch einen Verlust hinnehmen: Der Schriftsteller und ehemalige politische Gefangene Jiří Stránský starb im Alter von 87 Jahren. Nicht einmal die harten Jahre im Gefängnis konnten ihn brechen:

„Dank meiner Erziehung war ich fest davon überzeugt, dass ich den Kommunisten diese Freude nicht machen kann. Man darf jemandem, der einen erniedrigt, nicht zeigen, dass man erniedrigt wird. Dies hat mir mein Vater dem Sinn nach in einem Brief geschrieben, den ich im Gefängnis bekommen habe.“

 

Animationsfilm „Daugther“ (Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)Animationsfilm „Daugther“ (Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary) Zwei große internationale Erfolge hat der tschechische Film gefeiert. Die Studentin der Prager Filmhochschule Famu Daria Kashcheeva wurde mit dem Studenten-Oscar ausgezeichnet. In ihrem Animationsfilm „Daugther“ geht es um die schwierige Beziehung zwischen einem Mädchen und seinem Vater. Das Mädchen bringt einen verletzten Vogel mit nach Hause, womit es bei ihrem Vater jedoch nur auf Gleichgültigkeit und Ablehnung stößt.

„Es ist zum Teil meine eigene Geschichte. Wenn ich einen Film mache, ist es für mich immer interessanter, mit dem zu arbeiten, was aus meinem Inneren kommt. Der Vogel ist da eine Metapher, denn ich habe in meiner Kindheit keinen mit nach Hause gebracht. Aber ich habe Momente erlebt, wo ich viel mehr Aufmerksamkeit von meiner Mutter gebraucht hätte. Diese hat sie mir aber in diesen Momenten nicht gewidmet. Das hat mich verletzt und ist in mir stecken geblieben“, so Kashcheeva.

„Der bemalte Vogel“ (Foto: Tschechisches Fernsehen)„Der bemalte Vogel“ (Foto: Tschechisches Fernsehen) Auf einen Vogel verweist auch der Titel des neuesten Streifens von Václav Marhoul: In „Der bemalte Vogel“ („The Painted Bird“) hat der Regisseur den gleichnamigen Holocaust-Roman von Jerzy Kosiński verfilmt. Marhoul zeigte sein jüngstes Werk erstmals bei den Filmfestspielen in Venedig und gewann dafür den Unicef-Preis.

„Mein Film wird bestimmt nicht jeden Zuschauer ansprechen. Sicher ist er nichts für Menschen, die nicht nachdenken wollen. Er ist sehr schwer und ernsthaft. Aber er hat einen guten Rhythmus und ein gutes Tempo. Er ist wie ein Fluss, der mal reißend, mal faul fließt, manchmal stehen bleibt und dann zu einem Wasserfall wird. Wenn dieser Rhythmus gelingt, hat man auch die Aufmerksamkeit des Zuschauers für sich“, erläuterte Marhoul.

Familiendrama „Lara“ (Foto: Beta Cinema)Familiendrama „Lara“ (Foto: Beta Cinema) Zudem hat der Kameramann Vladimír Smutný beim internationalen Filmfestival in Chicago den Preis für die beste Kamera gewonnen.

Bei den Internationalen Filmfestspielen im tschechischen Karlovy Vary / Karlsbad punktete hingegen ein deutscher Film. Das Familiendrama „Lara“ von Regisseur Jan-Ole Gerstner erhielt den Sonderpreis der Jury. Bereits 2012 stellte er in Karlsbad seinen Debütfilm „Oh Boy“ vor:

„Ich habe in Karlovy Vary sehr gute Erfahrungen gemacht und freue mich, dass nun auch mein zweiter Film beim Festival seine Premiere feiert. Es fühlt sich an, als würde man nach Hause kommen.“

Corinna Harfouch (Foto: JCS, Wikimedia Commons, CC BY 3.0)Corinna Harfouch (Foto: JCS, Wikimedia Commons, CC BY 3.0) Die deutsche Schauspielerin Corinna Harfouch erhielt den Kristallglobus als beste weibliche Darstellerin für ihre Rolle als „Lara“. Der Regisseur:

„Schon lange bevor ich ‚Lara‘ gelesen habe, hatte ich eine Erleuchtung mit Corinna Harfouch. Ich saß im Deutschen Theater, und sie spielte in Tschechows ‚Möwe‘. Es war eines der Erlebnisse, die man nur im Theater hat, wenn man völlig verzaubert ist von dem, was vorne passiert. Damit war Corinna in mein Bewusstsein gerückt und der Wunsch geboren, irgendwann mit ihr zu arbeiten. Als ich dann ‚Lara‘ las, kamen diese Dinge zusammen. Ich habe mir Lara von der ersten Seite an mit Corinna vorgestellt.“

Von der großen Leinwand haben sich zwei große Persönlichkeiten in diesem Jahr verabschiedet. Der Regisseur des Kult-Märchenfilmes „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, Václav Vorlíček, und der Regisseur und Drehbuchautor Vojtěch Jasný sind verstorben.

Das Kino und vor allem das Theater verlor auch die anerkannte Schauspielerin Věra Chramostová. Die Künstlerin, die nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei jahrelang mit einem Berufsverbot belegt wurde, starb im Oktober im Alter von 92 Jahren.

Aus der Theaterwelt kam aber auch eine positive Nachricht: Im Dezember wurde nach drei Jahren die Renovierung der Staatsoper Prag beendet. Das Theatergebäude aus dem Jahr 1888 kann Anfang Januar die ersten Zuschauer wieder begrüßen.

 

Musikfreunde konnten sich 2019 über eine letzte Welttournee von Superstar Elton John freuen. In Tschechien zu hören waren auch Bob Dylan, Phil Collins sowie die Bands Rammstein und Metallica.

Die Bamberger Symphoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Jakub Hrůša eröffneten in diesem Jahr die Internationalen Musikfestspiele „Prager Frühling“. Beim Musikfestival „Dvořáks Prag“ gastierte im Herbst unter anderem die Israelische Philharmonie mit ihrem langjährigen Chefdirigenten Zubin Mehta in der tschechischen Hauptstadt, sie war auf ihrer überhaupt letzten Europa-Tournee mit Mehta an der Spitze. Für das Festival wurde zudem erstmals die wenig bekannte erste Version der Oper „Der König und der Köhler“ von Antonín Dvořák in ihrer kompletten Fassung einstudiert.

Nicht nur in Tschechien sorgte die Nachricht vom Tod des Schlagersängers Karel Gott für Schlagzeilen. Das Idol starb am 1. Oktober im Alter von 80 Jahren und wurde sogar mit staatlichen Ehren bestattet.

 

Václav Hollar: Frauenakt (Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag)Václav Hollar: Frauenakt (Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag) Trotz der umstrittenen Abberufung ihres Generaldirektors zu Anfang des Jahres bot die Nationalgalerie Prag eine Reihe von attraktiven Ausstellungen, unter anderem die überhaupt erste Giacometti-Retrospektive in Tschechien, die Ausstellung „Böhmen. Sachsen – So nah, so fern“ und eine Schau des Barockmeisters Wenzel Hollar. Zudem hat die Galerie auch die Präsentation ihrer eigenen Sammlungen neu gestaltet. Die bedeutendsten Werke alter Meister sind seit dem Herbst im Palais Schwarzenberg auf dem Hradschin zu sehen. Der Leiter der Sammlung alter Kunst, Marius Winzeler, zu dem Konzept:

„Es resultiert daraus, dass wir die Bestände der bisher getrennten tschechischen und sogenannten europäischen Kunst hier verstärkt zusammenführen wollten. Dabei wollten wir vor allem die Architektur des Schwarzenberg-Palais berücksichtigen. Das heißt, wir versuchen in jedem Raum eine eigene Atmosphäre zu schaffen und diese auch mit den entsprechenden Kunstwerken zu unterstreichen. Die Konzeption geht von einer Auswahl von knapp 300 Meisterwerken der Sammlung Alter Meister aus.“

Ausstellung „Der böhmische und römische König Wenzel IV. Die Kunst des weichen Stils der Gotik um 1400“ (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)Ausstellung „Der böhmische und römische König Wenzel IV. Die Kunst des weichen Stils der Gotik um 1400“ (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International) Im Sommer wurde der 600. Geburtstag des böhmischen und römischen Königs Wenzel von Luxemburg begangen. Mehrere Ausstellungen erinnerten dabei an das Jubiläum. Die prunkvollste davon war in der Kaiserlichen Reithalle auf der Prager Burg zu sehen. Jan Royt von der Prager Karlsuniversität war einer der Kuratoren der Ausstellung:

„Unter Karl IV. erlebte die gotische Kunst ihren ersten Höhepunkt, unter Wenzel IV. folgte dann der zweite. Davon zeugen Persönlichkeiten europäischen Rangs wie der Meister von Wittingau und der Meister der Krumauer Madonna. Hierzulande entwickelte sich eine böhmische Variante des weichen Stils. Dies gilt auch für die Goldschmiedekunst und die Manuskripte, die hier ausgestellt werden.“

Schlangestehen musste man für die Ausstellung von Buchautor und Illustrator Petr Sís im Prager Zentrum DOX. Seit den 1980er Jahren ist der Wahl-Amerikaner zu einem Autor von Weltrang aufgestiegen. In der Prager Schau seiner Werke ging es ums „Fliegen und weitere Träume“, wie der Titel hieß. Er erinnerte sich anlässlich der Ausstellung, wie er als kleiner Junge sich einmal in ein altes Flugzeuge setzen durfte:

„Für mich war das so, als ob ich auf einmal abheben würde und wo auch immer hinfliegen könnte. Man war einfach über der Erde. In der Pubertät wurde mir dann aber klar, dass ich nicht einfach so weggehen konnte, maximal nach Ostdeutschland. Der Himmel wurde dann für mich das Symbol dafür, dass man beim Fliegen jede Mauer und jede Grenze überwinden kann, ohne gestoppt zu werden“, so Petr Sís.

Die Stiftung und das Museum Kampa auf der gleichnamigen Prager Moldauinsel gehören zu den wichtigsten Ausstellungsräumen für moderne Kunst hierzulande. Ihre Gründerin, die tschechische Kunstmäzenin Meda Mládková feierte im Sommer ihren 100. Geburtstag.

 

Villa Bertramka (Foto: © City of Prague)Villa Bertramka (Foto: © City of Prague) Die diesjährige Burg- und Schlosssaison stand unter dem Zeichen einer weiteren Folge der Serie „Auf den Spuren der Adelsfamilien“. In mehreren der früheren Residenzen wurde dieses Mal an die Adelsfamilie Clam-Gallas erinnert.

Und wenn wir schon bei Kulturdenkmälern sind: Zu einem solchen wurde unter anderem die klassizistische Villa Bertramka in Prag erklärt. In dem Haus hielt sich Wolfgang Amadeus Mozart bei seinen Prag-Aufenthalten immer auf.

In Jan Palachs Heimatort Všetaty in Mittelböhmen wiederum wurde eine neue Gedenkstätte zu seinen Ehren eröffnet. Sie umfasst das frühere Haus der Familie Palach sowie ein neues Gebäude mit einer Multimedia-Ausstellung.

Pferdegestüt Kladruby (Foto: Palickap, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)Pferdegestüt Kladruby (Foto: Palickap, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0) Außerdem hat die Unseco die Montanregion Erzgebirge / Krušnohoří zum Weltkulturerbe erklärt. Neben dem historischen Bergbaugebiet in Sachsen und Böhmen wurde aber auch das Pferdegestüt Kladruby in Ostböhmen als Welterbe anerkannt. Seit 1579 werden dort die Kladruber gezüchtet, die damit eine der weltweit ältesten Pferderassen sind. Tschechien hat nun mit den beiden Neuaufnahmen insgesamt 14 Weltkulturerbestätten.

28-12-2019