Streit um "Das Leben des Jesus"

29-02-2004

Dank des Kinostarts von Mel Gibsons Film "Die Passion", der sich mit Antisemitismus- und Brutalitätsvorwürfen konfrontiert sieht, ist die Gestalt des Jesus in aller Munde. Das Leben des Jesus genauer unter die Lupe zu nehmen, und zwar aus seiner persönlichen Sicht, war auch die Intention des österreichischen Karikaturisten Gerhard Haderer, als er das gleichnamige Buch schrieb. "Das Leben des Jesus", erschienen beim Verlag Carl Ueberreuter, hat in Österreich für Furore gesorgt. Und auch in Tschechien lässt dieser Buchtitel die Wogen hochschlagen. Ein Abgeordneter pocht gar auf einer strafrechtlichen Verfolgung der tschechischen Herausgeber. Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in der anschließenden Sendung "Kultursalon" von und mit Katrin Sliva.

Jesus als eine Art humorige Comicfigur, die dem Weihrauch fröhnt. Langhaarig, oberlippenbärtig und ständig mit einem "übernatürlichen Strahlen" umgeben. So präsentiert Gerhard Harderer seine Vorstellung von Jesus in "Das Leben des Jesus". Und über einige Episoden aus dem Leben desselbigen, die man als mehr oder minder christlich sozialisierter Mensch zumindest im Ansatz zu kennen glaubt, weiß der Autor ebenfalls so manches neue Detail zu berichten. Hier eine kleine Kostprobe:

So erkannten die drei Weisen, dass eine Unterhaltung unmöglich war, ließen Goldzähne, Weihrauch und Myrrhe zurück und suchten hurtig das Weite. Gold und Myrrhe waren dem kleinen Kind in der Krippe ziemlich egal, am berauschenden Duft des Weihrauchs jedoch fand es großen Gefallen. Und siehe: je mehr es daran schnupperte, umso mehr begann es zu strahlen. Bald hörte es auf zu schreien und sein Stimmchen bekam etwas Sanftes. Es fing sogar an zu brabbeln und zu plaudern, und je mehr das Kind brabbelte und plauderte, desto heller begann sein Köpfchen zu leuchten.

Neben dem permantent Weihrauch berauschten Jesus trifft mir hier auf raffgierige Apostel und das Surfen nimmt eine zentrale Stellung in der Bewältigung des Freizeitstresses ein. Nun denn, was die einen für guten Humor halten, der niemandem weh tut, geht den anderen zu weit. Gotteslästerung sei das und pietätlos, heißt es. Der tschechische Abgeordnete Jiri Karas von der christdemokratischen Partei KDU-CSL geht so weit, strafrechtliche Konsequenzen zu fordern für den Verlag "Fragment", der das "Leben des Jesus" in Tschechien veröffentlicht hat. Er beruft sich hierbei auf Paragraf 198 des tschechischen Strafgesetzbuches, der da sinngemäß lautet:

"Die Verunglimpfung des Volkes, einer ethnischen Gruppe, einer bestimmten Rasse oder Überzeugung ist ein Straftatbestand."

In einem Interview für das Gesellschaftsmagazin "Reflex" unterstrich der Abgeordnete, dass er die Verleger des Buches "Das Leben des Jesus" nicht bestrafen will, sondern bewirken möchte, dass das Buch vom Markt genommen wird. Außerdem sei er überzeugt davon, dass sich die Verantwortlichen nunmehr vor Augen führen werden, wie intolerant das Buch gegenüber Jesus ist. Er empfiehlt den Verlegern, sich an eine "ethische Autorität" zu wenden, wenn sie selbst nicht in der Lage sind, die Konsequenzen einer derartigen Publikation abzuschätzen. Die Meinungsfreiheit sei schließlich eine wichtige Sache, aber jeder sollte sie nur im Rahmen seiner Fähigkeiten und Kenntnisse nutzen, sofern er keine Auseinandersetzungen provozieren oder die öffentliche Meinung zu manipulieren bestrebt ist. Nun, die Verleger sind offenbar anderer Meinung. Mit einem von ihnen, mit Jan Eisler, habe ich unlängst gesprochen. Ich habe ihn gefragt, welche Auswirkungen diese Strafanzeige für ihn haben wird:

"Das bedeutet, dass sich zunächst die Polizei mit dieser Angelegenheit beschäftigen wird. Dann wird die Staatsanwaltschaft entweder ein Verfahren einleiten oder eben nicht. Ich bin überzeugt davon, das letzterer Fall eintreten wird, da diese ganze Sache absurd ist. Wir haben lediglich ein humoristisches Buch herausgegeben, genauso, wie wir etliche zuvor herausgegeben haben, und wir glauben nicht, dass wir gegen das Gesetz verstoßen haben."

Welche Vorwürfe konkret dem Verlag gemacht werden, wollte ich wissen:

"Genau weiß ich das nicht, denn ich habe mit Herrn Karas weder persönlichen noch schriftlichen Kontakt und wir haben uns nicht über dieses Thema ausgetauscht."

Und, ob er befürchtet habe, nicht nur Begeisterung unter den Lesern zu ernten:

"Gewiss nicht. Wir haben das Buch als humoristisches Buch verlegt, das wir von seinem österreichischen Verleger als erfolgreichen Titel angeboten bekommen hatten, der bereits in vielen Ländern auf dem Markt ist. Wir haben keine negativen Reaktionen erwartet."

Der katholische Geistliche Tomas Halik, Prof. an der Karlsuniversität im Fachbereich Religionswissenschaften, sieht die ganze Sache recht differenziert:

"Ich habe das Buch gelesen und ich persönlich habe keinen Anstoß an ihm genommen. Dazu muss ich aber sagen, dass ich kein Maßstab bin, da ich mich seit Jahren mit der Geschichte des Christentums beschäftige, zu der u.a. etwa 20 Jahre unterschiedlichster satirischer Darstellungen gehören - das Christentum betreffend. Diese sind oft deutlich drastischer, als dieses, im Grunde doch eher etwas dumme Buch. Andererseits muss man sagen, dass es tatsächlich als Schund zu bezeichnen ist, als ein billiger und etwas dümmlicher Scherz. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es eine Menge Leute verärgert hat. Und ich spreche dem Herrn Abgeordneten keinesfalls das Recht ab, gegen den Verlag Strafanzeige zu erstatten und auch die Argumente, die dafür sprechen könnten, das Gesetz der Verunglimpfung auf dieses Buch anzuwenden, finde ich nachvollziehbar. Dem Verlag würde ich einen Mangel an menschlicher Sensibilität attestieren. Immerhin leben wir in einem Land, in dem Menschen aufgrund ihres Glaubens verfolgt wurden und gelitten haben. Ich denke aber, dass das Vorgehen des Herrn Abgeordneten nicht besonders geschickt war."

Das habe die Öffentlichkeit erst auf "Das Leben des Jesus" von Gerhard Harderer aufmerksam gemacht, die sonst vermutlich gar nicht erst über diesen Buchtitel gestolpert wäre, glaubt Tomas Halik:

"Der Titel lag wochenlang unbemerkt in den Buchhandlungen herum und in dem Augenblick, als Karas ihn zu verteufeln begann, ging er plötzlich weg wie warme Semmeln. Hier in Tschechien wissen die Leute meist überhaupt nichts über das Christentum und im Gegensatz zu Österreich wäre das Buch bei uns vermutlich völlig untergegangen, wenn nicht dieser Skandal herbei geschworen worden wäre. Wir Christen sollten meiner Meinung nach nicht so blindlings in derartige Fallen tappen. Für mein Dafürhalten wäre es weiser, solche Bücher einfach zu ignorieren."

Nun, dem Absatz des Buches hat dieser Streit offenbar tatsächlich nicht geschadet und Josef Harderer ist nun auch in Tschechien eine Berühmtheit. Entfacht ist in diesem Zusammenhang u.a. die Diskussion, wie weit Meinungsfreiheit gehen darf.

29-02-2004