Tschechische moderne Malerei der Zwischenkriegszeit – Ausstellung in Pilsen

Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie

Die Zeit zwischen den Weltkriegen war die letzte Phase der klassischen Moderne. Die tschechische Malerei und bildende Kunst waren damals geprägt von einigen großen Namen. Werke von ihnen kann man nun im westböhmischen Plzeň / Pilsen bewundern.

Roman Musil  (Foto: Archiv Centrum Bavaria Bohemia)
Die Stadt Pilsen stand im vergangenen Jahr im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, und zwar als europäische Kulturhauptstadt. Dieses Jahr ist es zwar etwas ruhiger geworden, doch wird derzeit dort eine interessante Ausstellung gezeigt. Es sind Werke der Moderne aus der Zwischenkriegszeit, sie stammen aus den Sammlungen der Westböhmischen Galerie. Roman Musil leitet die Galerie und erläutert:

„Vor nicht so langer Zeit haben wir die Werke der frühen Moderne vorgestellt, vor allem der Kubisten. Die jetzige Schau knüpft daran an. Wie im ersten Fall handelt es sich praktisch um eine einzigartige Sammlung, die der erste Direktor der Westböhmischen Galerie aufgebaut hat. Die Sammlung umfasst Künstler, die sich in der Zwischenkriegszeit in der Szene etabliert haben. Dazu gehören zum Beispiel Emil Filla, Václav Špála, Jan Zrzavý, Josef Šíma oder auch Toyen. Die künstlerischen Richtungen reichen von Post-Kubismus über Surrealismus bis hin zu sozialen Themen in der damaligen Kunst.“

Erstmals öffentlich zu sehen

Masné krámy in Pilsen  (Foto: lujerista,  Panoramio)
Dass die Werke aus der Zwischenkriegszeit in einer eigenen Ausstellung gezeigt werden, hat einen triftigen Grund. Die Westböhmische Galerie leidet unter akutem Platzmangel. Schon zum Jahr der Kulturhauptstadt sollte dieses Problem eigentlich behoben werden. Die Stadt hatte dafür ein entsprechendes Grundstück erworben. Und sogar ein Entwurf für den neuen Sitz der Galerie wurde erstellt. Doch drei Dinge haben das Projekt zum Erliegen gebracht: Als man zu baggern begann, stieß man auf dem Grundstück auf archäologisch bedeutende Hinterlassenschaften; zudem verunreinigen ökologische Altlasten den Boden, weil dort früher einmal eine Tankstelle stand; vor allem aber fehlen weiter die nötigen Finanzen. Deswegen liegt das Projekt derzeit auf Eis – und deswegen werden die Modernisten nur vorübergehend im Ausstellungssaal Masné krámy gezeigt. Es sind rund 100 Ölbilder, Zeichnungen und Plastiken.

Alena Pomajzlová  (Foto: Archiv VŠUP)
„Diese Sammlung ist überhaupt zum ersten Mal öffentlich zu sehen, sie wird ansonsten in den Depots der Westböhmischen Galerie aufbewahrt. Zur Ausstellung gehört auch ein Katalog, in dem die Autorin der Schau sehr fundiert die Sammlung bewertet“, so Musil.

Hauptautorin ist die Prager Kunsthistorikerin Alena Pomajzlová. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks erläuterte sie vor kurzem, wie sie die Pilsner Sammlung moderner Kunst sieht:

„Die Sammlung hat eine spezifische Ausrichtung wie die meisten anderen Sammlungen auch. Bei ihr liegt der Schwerpunkt auf der Generation der Kubisten und ihren Werken aus den 1920er und 1930er Jahren. Ergänzt wurde die Sammlung um Vertreter von, man könnte sagen, etwas traditionelleren Kunstrichtungen und der Avantgarde.“

Von den „Störrischen“ bis zu den Surrealisten

Alfred Justitz  (Foto: Public Domain)
Die Ausstellung ist aufgeteilt nach sechs künstlerischen Hauptrichtungen, und das in zeitlicher Abfolge. Den Anfang bildet die Gruppe Tvrdošíjní („Die Störrischen“). Sie propagierte keinen konkreten Stil, sondern einfach nur den modernen künstlerischen Ausdruck. Wie die Künstler das umsetzen wollten, wurde ihnen selbst überlassen. Als Beispiel dienen kann Václav Špálas „Velké koupání“ (Großes Bad) aus dem Jahr 1920.

Anfang der 1920er Jahre entstand auch unter den tschechischen Künstlern eine primitivistische Richtung, teils inspiriert von der naiven Malerei des französischen Autodidakten Henri Rousseau. Dazu gehört unter anderem ein Aktbild von Alfred Justitz von 1921, das eine füllige junge Dame zeigt, nur bekleidet mit einem gelben Hut.

Moderne und Tradition nennt sich der dritte Schwerpunkt. Er zeigt eine erneute Hinwendung der Künstler zu klassischen Stilen in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Anfang des darauffolgenden Jahrzehnts knüpften tschechische Maler dann an Fauvismus und Kubismus an und konzentrierten sich verstärkt auf die künstlerische Qualität ihres Schaffens. Illustrieren lässt sich dies etwa mit Emil Fillas „Stillleben mit Mandoline“, das aber bereits 1928 entstanden ist.

Kunsthistorikerin Alena Pomajzlová nennt ergänzend die letzten beiden Phasen der modernen Malerei in der Zwischenkriegszeit:

Jan Zrzavý  (Foto: Public Domain)
„Das ist der Schwerpunkt, den ich ‚Das Bild als Erinnerung‘ genannt habe. Es ist der Weg zum Surrealismus. Zu Ende der 1930er Jahre entstand dann noch eine zweite Welle des Expressionismus. Damals gab die Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland den Impuls, sich für das politische und gesellschaftliche Geschehen zu interessieren.“

Der Weg zum Surrealismus ist in der Ausstellung unter anderem vertreten durch die Bilder imaginärer Landschaften, die etwa Jan Zrzavý, František Muzika und Josef Šíma geschaffen haben. Jindřich Štyrský und Toyen propagierten wiederum zunächst den sogenannten Artifizialismus, um ab 1934 auch das letzte Stück des Wegs zu gehen und surrealistisch zu malen.

Den Expressionismus aus der zweiten Hälfte der 30er Jahre griff wiederum zum Beispiel Emil Filla auf oder auch Josef Čapek. Dieser schuf zwischen 1933 und 1937 etwa das Gemälde Černá noc (Schwarze Nacht). Dieses verweist ziemlich klar auf Edvard Munch und lässt das heraufziehende Unheil deutlich erahnen.

Für wenig Geld im Kommunismus erstanden

Die Ausstellung ist relativ klein, aber ausgesprochen repräsentativ für die Zeit. Es handelt sich vor allem um Malerei, aber nicht nur, wie Petra Kočová sagt. Sie hat von Seiten der Westböhmischen Galerie die Ausstellung gestaltet.

„Es sind auch Zeichnungen zu sehen, besonders von Josef Šíma. Sie wurden für die Ausstellung eigens restauriert, stammen vom Ende der 1920er Jahre und werden überhaupt zum ersten Mal ausgestellt. Darüber hinaus mussten auch drei Ölbilder restauriert werden. Und zwar ein schönes Porträt ebenfalls von Josef Šíma, das den Bildhauer Bedřich Stefan zeigt. Dann ein Stillleben von František Muzika, das die Moderne unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg repräsentiert. Und zuletzt ein Porträt des gekreuzigten Jesus Christus von Jan Bauch“, so Kočová.

Milada Marešová: Prager Café  (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie)
Die Pilsner Sammlung moderner Kunst wurde schon in den 1960er und 1970er Jahren aufgebaut. Das ist erstaunlich, weil zu Beginn des kommunistischen Regimes viele der Modernisten noch als „bourgeoise“ Künstler verfemt gewesen waren. Auf der anderen Seite ermöglichte dies dem damaligen Direktor der Westböhmischen Galerie, Oldřich Kuba, die Werke für nur wenige Tausend Kronen zu erwerben. Heute sind Künstler wie Filla, Čapek oder Toyen für eine öffentliche Institution praktisch unbezahlbar. Dennoch wurde die Sammlung auch nach der Wende von 1989 noch leicht ergänzt. Kunsthistorikerin Alena Pomajzlová:

Die Ausstellung in Pilsen nennt sich „Moderne der Zwischenkriegszeit in den Sammlungen der Westböhmischen Galerie (1918-38)“. Sie ist zu sehen im Ausstellungssaal Masné krámy, die Öffnungszeiten sind täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr. Die Ausstellung dauert noch bis 19. September.

„In den vergangenen Jahren wurden hier in Pilsen einige Werke von Milada Marešová gekauft, einer Vertreterin der ‚Neuen Sachlichkeit‘. In den 1990er Jahren war zudem Svatopluk Máchal wiederentdeckt worden, jetzt ist es auch gelungen, von ihm Zeichnungen und Ölbilder zu erwerben.“

Autor: Till Janzer
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