"Meine geliebte Hilde!" Erinnerungen an ein sudetendeutsches Kindermädchen

Jaroslava Moserova

Jaroslava Moserova gehört zu den bedeutenden Persönlichkeiten der tschechischen Politik. Sie war Vizepräsidentin des Senats, Botschafterin in Australien, und in den 90er Jahren war sie an der Entstehung der so genannten Deutsch-Tschechischen Erklärung beteiligt. 1999 wurde sie zur Vorsitzenden der UNESCO-Generalversammlung gewählt, 2003 kandidierte sie bei den tschechischen Präsidentschaftswahlen. Mindestens ebenso vielfältig wie ihre politische Karriere nach dem Sturz des Kommunismus ist ihre persönliche Biographie: Nach dem zweiten Weltkrieg hatte sie in den USA Malerei studiert. Nach ihrer Rückkehr in die kommunistische Tschechoslowakei konnte sie sich der Kunst jedoch nicht widmen. Sie wurde Ärztin und machte sich als Spezialistin für Verbrennungen international einen Namen. Darüber hinaus ist sie auch als Übersetzerin bekannt. Alle auf Tschechisch erschienenen Werke des englischen Schriftstellers Dick Francis wurden von ihr übersetzt. Sie schreibt auch Hörspiele und Theaterstücke, ihre Begabung für die bildende Kunst konnte sie als Buchillustratorin nutzen. Über eine der Personen, die das Leben von Jaroslava Moserova am meisten beeinflusst haben, nämlich über ihr sudetendeutsches Kindermädchen, hat Jakub Siska mit ihr gesprochen.

Frau Moserova, Sie kommen aus einer reichen Familie, die in der Zwischenkriegszeit zu einer gehobenen Schicht gehörte. Sie hatten auch Ihre eigene Erzieherin, eine Sudetendeutsche. Was war das für ein Mädchen?

"Das war die Hilde. Meine geliebte Hilde! Die habe ich wirklich geliebt. Mein Mann sagt immer, dass es ein großes Glück ist, dass mich die Hilde erzogen hat. Sie war eine sehr gebildete, junge Frau, sehr lieb, und ein wirklich positives Element in unserer Familie. Meine Eltern waren sehr oft im Ausland, speziell im Winter. Mein Vater war ein großer Schi-Enthusiast, Mitglied im Komitee der Olympischen Winterspiele und jahrelang Vizepräsident der FIS, der Federation Internationale de Ski. Also waren mein Vater und meine Mutter beinahe den ganzen Winter unterwegs, und Hilde hat den gesamten Haushalt geführt. Sie war bis kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges bei uns. Dann hat sie einen Gynäkologen geheiratet, ebenfalls einen Sudetendeutschen, und hat uns natürlich verlassen. Wir waren auch schon alt genug und brauchten keine Gouvernante mehr. Sie lebte dann in Trautenau. Auch während des Krieges standen wir in Kontakt, aber wir sahen uns nicht oft. Hilde war unglücklich darüber, wie sich die Dinge entwickelt haben. Aber sie war eine Deutsche, und ihr Mann war in der Wehrmacht."

Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei
Wie haben Sie die Nachkriegsereignisse erlebt, als die Sudetendeutschen weg mussten? Das betraf ja auch Hilde.

"Ja, es kam der Moment, als die Deutschen das Sudetenland verlassen mussten. Das war nicht schön, speziell in der sowjetischen Zone nicht. Ich wollte wissen, wann Hilde aus Trautenau mit den anderen wegfahren wird, und habe meiner Mutter gesagt: Ich fahre nach Trautenau! Ich muss dort die letzte Nacht mit Hilde verbringen, und dann werde ich ihr helfen, das Gepäck zum Zug zu tragen. Das war damals ein Risiko. Der Hass war sehr groß, und es war gefährlich, zu einem Deutschen freundlich zu sein. Aber meine Mutter hat gewusst, wie sehr ich die liebte. Sie hat mich verstanden, und sagte: Gut, du kannst fahren, aber bitte sei vorsichtig! Also habe ich wirklich mit Hilde die letzte Nacht verbracht. Am nächsten Tag sind wir mit der Masse der Leute zum Bahnhof gegangen. Ich habe Hilde mit dem Koffer in den Zug geholfen, und dann habe ich dort gestanden, bis der Zug verschwand. Ich glaube, ich war nie in meinem Leben so unglücklich! Ich wusste, dass das eine Tragödie ist, aber ich hatte damals nicht im Geringsten das Gefühl, dass hier ein Unrecht geschieht! Ich hatte nur das Gefühl, es ist schrecklich, man muss das bedauern - aber es geht nicht anders."

Vertreibung der Sudetendeutschen
Hilde war derselben Meinung?

"Ja, ich glaube schon. Das einzige, was sie nicht vergeben konnte - und das kann ich auch verstehen: Ihre Mutter verschwand. Es ist klar, dass sie gestorben ist, aber man weiß nicht wo, und man weiß nicht wann. Man weiß nichts. Und das war für Hilde schwer zu ertragen."

Was geschah danach mit ihr?

"Zunächst habe ich sie natürlich aus den Augen verloren. Aber dann, 1947 / 48, war ich in Amerika, und dort habe ich mich bemüht, Hilde durch das Internationale Rote Kreuz zu finden. Das ist mir auch gelungen, und seither waren wir wieder in Kontakt. Wir haben uns später wieder getroffen. Ihr Mann war Kriegsgefangener in Russland gewesen, war aber zurückgekommen, nach Schwäbisch Hall. Dort wurde er Primar für Gynäkologie. Es ist den beiden sehr gut gegangen. Bestimmt viel, viel besser als unserer Familie - unvergleichbar! Das ist das Paradox der Geschichte."

Jaroslava Moserova
Ihr Treffen nach so vielen Jahren - das muss ein sehr glücklicher Moment gewesen sein.

"Ja, das war wirklich schön! Man konnte zur Zeit des kommunistischen Totalitarismus natürlich nicht frei reisen. Aber so etwa alle zwei oder drei Jahre konnte ich ausreisen, um zu einem Kongress zu fahren. Denn auf dem Gebiet der Verbrennungsmedizin waren wir eine Weltmacht, da waren wir besser als Deutschland oder Österreich! Also wurde ich oft zu internationalen Konferenzen eingeladen. Eine davon war in Tübingen. Ich hatte natürlich kaum Geld. Alle diese Reisen waren so genannte devisenlose Reisen. Über diese devisenlosen Reisen möchte ich gerne einmal ein Buch schreiben. Das war manchmal lustig - oder eher tragikomisch. Also: Ich fuhr nach Stuttgart. Dort musste ich umsteigen und hatte einen halben Tag Zeit. Für das gesamte Taschengeld, das ich vom Ministerium bekommen hatte, lieh ich mir einen Wagen und fuhr nach Schwäbisch Hall. Für mich war das ein großes Abenteuer, denn nie zuvor hatte ich im Westen einen Wagen gefahren. Das war natürlich ganz etwas anderes als in Prag, wo es nur sehr wenige Autos gab. Ich kam also nach Schwäbisch Hall und habe Hilde gesehen. Vorher hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl: Wenn ich jetzt nicht hinfahre, dann sehen wir uns nie wieder. Sie war krank und lag im Krankenhaus. Wir haben lange miteinander gesprochen, deutsch und tschechisch. Ich habe mich bemüht, deutsch zu sprechen, und Hilde hat sich bemüht, tschechisch zu sprechen. Das war sehr lustig. Als ich dann zum Parkplatz zurückgekommen bin, wusste ich plötzlich überhaupt nicht, was für einen Wagen ich gefahren hatte. So konzentriert hatte ich mich auf das Treffen mit Hilde. Ich wusste nicht einmal, welche Farbe der Wagen hatte. Aber glücklicherweise stand die Nummer auf dem Schlüsselbund, also habe ich den Wagen gefunden."