Bohuslav Martinů: „Das Maifest der Brünnlein“

26-04-2020

Die Eröffnung der Brunnen ist hierzulande ein alter Brauch, mit dem der Frühling begrüßt wurde. Mit der symbolischen Reinigung der Quellen wurde der Winter beendet. Dieser Brauch ist auch das Thema der Kammerkantate „Das Maifest der Brünnlein“ von Bohuslav Martinů.

Bohuslav Martinů (Foto: Archiv des Stadtmuseums in Polička)Bohuslav Martinů (Foto: Archiv des Stadtmuseums in Polička)

Brunnen im Dorf Tři Studně (Foto: Irena Šarounová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Brunnen im Dorf Tři Studně (Foto: Irena Šarounová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Inspirationen für dieses Werk fand der Komponist Bohuslav Martinů während seines Aufenthaltes in seiner Heimat auf der Böhmisch-Mährischen Höhe. Im Sommer 1938 verbrachte er dort im Dorf Tři Studně fast einen Monat. Die Kantate erinnert an das dortige Frühjahrsritual der Öffnung der Brunnen, damit wurden symbolisch das Böse und das Unglück vertrieben. Die Komposition entstand jedoch erst im Abstand von einigen Jahren. Der Dichter Miloslav Bureš schrieb unter dem Eindruck des Rituals ein Gedicht mit dem Titel „Das Lied vom Rubin-Brunnen“. Im Sommer 1955 schickte er dieses an seinen Freund Bohuslav Martinů nach Nizza in Südfrankreich, der den Text dann vertonte. Er komponierte eine Kantate, die er „Otvírání studánek“ benannte. Die deutsche Übersetzung lautet wörtlich „Die Öffnung der Brunnen“, bekannt ist das Werk aber unter dem Namen „Das Maifest der Brünnlein“.

Miloslav Bureš: „Die Öffnung der Brunnen“ (Quelle: Verlag Albatros)Miloslav Bureš: „Die Öffnung der Brunnen“ (Quelle: Verlag Albatros) Am Frühlingsritus der Brunnenreinigung beteiligen sich junge Frauen, die unter sich eine Königin ausmachen. Die Musik beginnt mit einem Gesang der Sopran- und Altstimmen, die zusammen mit dem Rezitator den alljährlichen Brauch beschreiben. Eine Sopran-Solostimme verkörpert danach die Königin. Die Alt-Solostimme steht für ein Windröschen. Die Zeremonie gipfelt in einem Chorgesang. Zum Schluss kommt ein Wanderer zu Wort: Er kehrt in die geliebte Gegend zurück, so wie es der Komponist seinen Erinnerungen nach selbst empfunden hat.

Die Komposition ist sehr eindrucksvoll, innig und ergreifend. Sie drückt Martinůs Einsamkeit und unerfüllte Sehnsucht nach der Rückkehr in seine Heimat aus, die ihm vom kommunistischen Regime verwehrt wurde.

Die Kantate für Soli, Frauenchor und Instrumentalbegleitung erlebte am 7. Januar 1956 ihre Premiere – und zwar in Polička, der Heimatstadt des Komponisten. Damals sang der Chor Opus aus Brno / Brünn unter der Leitung von Martinůs Freund Zdeněk Zouhar.

Theatervorstellung von Alfréd Radok (Foto: Tschechisches Fernsehen)Theatervorstellung von Alfréd Radok (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Das Maifest der Brünnlein“ ist die erste aus dem Zyklus von vier kleinen Volkskantaten. Die übrigen drei Teile dieses Spätwerkes heißen „Legende aus dem Rauch des Kartoffelkrautes”, „Löwenzahn-Romanze” und „Mikesch vom Berge“. Die „Brünnlein“ ist von ihnen aber am populärsten. Diese Kantate war eine der wenigen Kompositionen von Martinů, die nach der kommunistischen Machtübernahme in seiner Heimat aufgeführt werden durften. 1960 inspirierte sie den Theaterregisseur Alfréd Radok zu einer multimedialen Vorstellung im Theater Laterna Magica, die allerdings gleich verboten wurde. 1981 drehte Vladimír Sís den TV-Film „Otvírání studánek“ mit der Musik von Bohuslav Martinů.

26-04-2020