Orte der Samtenen Revolution: Wenzelsplatz und Letná

13-11-2019

Der wichtigste Schauplatz der Samtenen Revolution im Jahr 1989 waren die Straßen und Plätze der tschechoslowakischen Städte. Unzählige Menschen kamen dort zusammen, um endlich öffentlich ihre Meinung zu sagen. Nach und nach kam es in allen größeren Städten des Landes zu Protesten. Die größten Kundgebungen gab es aber in Prag, und zwar zunächst auf dem zentralen Wenzelsplatz und später auf der Letná-Anhöhe. Diese beiden Orte wollen wir Ihnen in einem weiteren Teil unserer kleinen Serie zum 30. Jahrestag der Samtenen Revolution vorstellen. Radio Prag International war nämlich unterwegs zu den Originalschauplätzen des Umschwungs und hat dort mit wichtigen Akteuren unterhalten.

Kundgebung auf dem Wenzelsplatz 1989  (Foto: Josef Šrámek  Jr., CC BY 4.0)Kundgebung auf dem Wenzelsplatz 1989 (Foto: Josef Šrámek Jr., CC BY 4.0)

Tausende Menschen auf der Letná-Anhöhe (Foto: Dušan Bouška, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Tausende Menschen auf der Letná-Anhöhe (Foto: Dušan Bouška, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Die erste Woche der Samtenen Revolutionen war geprägt von spontanen Demonstrationen auf dem Wenzelsplatz in Prag. Mehrere Hunderttausend Menschen kamen dort zusammen. Die größten Demonstrationen fanden aber am Wochenende auf der Letná-Anhöhe statt. Den Schätzungen nach nahmen am Samstag, den 25. November, 800.000 Menschen daran teil. Die Protestkundgebungen verliefen alle friedlich, obwohl die Spannungen in der Gesellschaft groß waren. Das Bürgerforum bemühte sich um einen Dialog. Deswegen lud es kommunistische Politiker ein, die offen für eine Diskussion waren. Unter ihnen waren etwa das Symbol des Prager Frühlings Alexandr Dubček und der tschechoslowakische Premierminister Ladislav Adamec. Obwohl sich Adamec als Vertreter der Pro-Gorbatschow-Politik präsentieren wollte, wurde er von der Öffentlichkeit immer stärker abgelehnt. Die Menschen forderten radikalere Veränderungen als nur eine Korrektur des politischen Kurses der kommunistischen Partei. Als Moderator der damaligen Demonstrationen trat der Unterzeichner der Charta 77 und katholische Priester Václav Malý in Erscheinung.

Gebäude des Melantrich-Verlags mit dem bekannten Balkon (Foto: Martin Šanda, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Gebäude des Melantrich-Verlags mit dem bekannten Balkon (Foto: Martin Šanda, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) „Die Demonstrationen waren ein klares Zeichen, dass die Menschen eine Veränderung wünschen. Es kamen nicht mehr nur einige tausend Tapfere zusammen, sondern große Massen. Wenn sich viele Menschen irgendwo versammeln und etwas verlangen, was den Mächtigen nicht gefällt, müssen die Machthaber darauf natürlich reagieren.“

So kommentiert Václav Malý die damaligen Ereignisse. Die Lage veränderte sich von Stunde zu Stunde:

„Unser Weg führte ins Unbekannte. Als wir am 20. November den Balkon des Melantrich-Verlags auf dem Wenzelsplatz betraten, ahnten wir nicht, wie alles enden wird. Denn der damalige Verteidigungsminister Vacek wollte die Armee mobilisieren gegen die Demonstranten, und in der Nähe Prags sammelten sich bereits Truppen der Volksmiliz. Die Lage war also sehr angespannt. Wir hatten auch keine Sicherheit, dass wir akzeptiert würden von der Menschenmenge, die sich auf dem Wenzelsplatz versammelt hatte. Erstaunlicherweise reagierten die Menschen entgegenkommend, sie waren rücksichtsvoll, witzig und auch diszipliniert. Das hat uns ermuntert, so dass wir an den nächsten Tagen wieder öffentlich aufgetreten sind.“

Václav Malý erinnert sich weiter – und zwar an Freitag, den 24. November. Das war genau eine Woche nach dem brutalen Eingriff der Polizei gegen Studenten auf der Nationalstraße, der die Samtene Revolution ins Rollen gebracht hatte. Damals hätten die Menschen auf der Straße große Sympathien für Alexander Dubček bekundet, so Malý. Dieser war einst kommunistischer Spitzenfunktionär gewesen und wurde 1968 zum Symbol der Reformbewegung während des Prager Frühlings und des Widerstands gegen die Okkupation des Landes. 1970 wurde Dubček aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen.

Kundgebung auf der Letná-Anhöhe 1989 (Foto: Privatarchiv von Herrn Růžička)Kundgebung auf der Letná-Anhöhe 1989 (Foto: Privatarchiv von Herrn Růžička) Dubček galt als möglicher neuer Staatspräsident. Schließlich wurde er neuer Vorsitzender des tschechoslowakischen Parlaments.

Am Wochenende sprach dann auch Premier Ladislav Adamec zu den Demonstranten auf der Letná-Anhöhe. Doch er wurde ausgepfiffen. Denn er lehnte es ab, den geplanten Generalstreik zu unterstützen.

„Die Menschen haben wirklich schon geahnt, dass das Regime zusammenbricht. Sie haben deswegen nicht mehr nur zugehört, sondern auch ihre Unruhe und Missstimmung zum Ausdruck gebracht. Dabei fielen aber keine groben Worte, und es wurde auch nicht nach Gewalt oder einem Umsturz gerufen. Das habe ich sehr zu schätzen gewusst. Trotzdem war die Lage in einigen Momenten sehr angespannt, und ich habe ziemlich schwitzen müssen, um die Menge in Schach zu halten.“

Václav Malý (Foto: Ondřej Tomšů)Václav Malý (Foto: Ondřej Tomšů) Obwohl den Revolutionären auch alles hätte um die Ohren fliegen können, gelang eine gewaltlose Machtübergabe. Diese sei aber keinesfalls im Voraus schon ausgehandelt worden, betont Malý:

„Die Entwicklung verlief viel schneller als erwartet, das ließ sich nicht planen. Im Rückblick sieht es zwar so aus, als sei alles durchdacht gewesen, aber es war reine Improvisation, die letztlich aber geklappt hat.“

Die Demonstranten riefen bei den Kundgebungen immer wieder nach freien Wahlen in der Tschechoslowakei. Dazu Bischof Malý:

„Auf einmal zeigte sich, dass es keine geschlossene Gruppe gab innerhalb der damaligen kommunistischen Partei. Niemand der Genossen war imstande, die Macht zu übernehmen. Der Druck der Menschen war zu groß, und die Öffentlichkeit erwartete, endlich neue Gesichter zu sehen. Es sollten nicht wieder dieselben wie aus den vorangegangenen 20 Jahren sein. In dem Sinn war es eine Machtübergabe – und die lässt sich wirklich als samten bezeichnen. Mit dem Wort Revolution bin ich jedoch etwas vorsichtig. Revolution bedeutet für mich Druck, Kraft und oft auch Gewalt. Bei uns gab es – Gott sei Dank – für Gewalt keinen Platz.“

13-11-2019