Weltmeister Lála: Meine Reihe schoss im WM-Finale 1985 vier Tore von fünf!

27-04-2020

Die Eishockey-Mannschaften der früheren Tschechoslowakei haben sechs WM-Titel gewonnen. Den letzten davon 1985 in Prag. Das ist genau 35 Jahre her. Einer der WM-Helden des siegreichen ČSSR-Teams war der damalige Flügelstürmer Jiří Lála, der heute mit seiner Familie bei Regensburg lebt. Im Interview für Radio Prag International schildert der 60-Jährige dieses Highlight seiner aktiven Karriere.

Jiří Lála (Foto: Andrea Poláková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jiří Lála (Foto: Andrea Poláková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Im Jahr 1985 feierte der Internationale Eishockey-Verband (IIHF) ein Jubiläum: Er veranstaltete seine 50. Weltmeisterschaft der Männer. Sie wurde vom 17. April bis 3. Mai 1985 in Prag ausgetragen. Die gastgebende Nationalmannschaft der Tschechoslowakei hatte sich zielgerichtet auf dieses Turnier vorbereitet. Jiří Lála erinnert sich:

„Für die Nationalmannschaft der Tschechoslowakei war die WM in Prag der Höhepunkt, den wir innerhalb eines fünfjährigen Zyklus stets vor Augen hatten. Ich selbst bin in der Saison 1980/81 zum Nationalteam gestoßen. Meine erste WM habe ich 1981 in Schweden gespielt. Es war die Ära, in der wir von Trainer Luděk Bukač gecoacht wurden. Dass wir den Gipfel dann ausgerechnet bei der Heim-WM bestiegen haben, das war gigantisch.“

Tschechoslowakei wollte Dominanz der UdSSR brechen

Silbermedaille von Sarajevo (Foto: ČT24)Silbermedaille von Sarajevo (Foto: ČT24) Der Gewinn des Weltmeistertitels war für die Tschechoslowakei ein Riesenerfolg. Zwar gehörten die Puckjäger aus Prag, Pardubice, Bratislava und Košice damals auch zur Weltspitze, doch die alles überragende Mannschaft jener Zeit war die Sowjetunion. Unter der Führung von Trainer Wiktor Tichonow hatte die UdSSR seit 1978 fünf WM-Siege in Folge errungen sowie im Jahr zuvor auch das olympische Turnier in Sarajevo gewonnen. Die Mannschaft der Tschechoslowakei aber war der scheinbar übermächtigen Sbornaja immer dicht auf den Fersen. Und bei der Weltmeisterschaft 1985 im eigenen Land wollte sie den Bock endlich umstoßen. Doch man wusste auch, wie schwer das wird, sagt Lála:

„Wir konnten nicht davon ausgehen, dass wir diese Weltmeisterschaft trotz Heimvorteils gewinnen. Damals dominierte die Mannschaft der UdSSR. Deren erste Reihe mit Makarow, Larionow und Krutow sowie Fetissow und Kasatonow in der Abwehr, die war wirklich herausragend. Wir waren nur Außenseiter, denn die Tschechoslowakei war ein kleines Land im Vergleich zum Riesenreich der Sowjetunion, in dem man auch auf weitaus mehr Eishockeyspieler zurückgreifen kann. Daher freut es mich noch heute, dass wir sie 1985 besiegt und den WM-Titel geholt haben. Wir waren ein Jahr zuvor, bei den Olympischen Spielen in Sarajevo, schon nahe dran, doch das Finale gegen die UdSSR haben wir leider mit 0:2 verloren. Dennoch muss gesagt werden: Auch wir hatten damals eine sehr gute Mannschaft.“

Jiří Lála (Foto: Tschechisches Fernsehen)Jiří Lála (Foto: Tschechisches Fernsehen) Die zwei Torhüter und die 20 Feldspieler, die damals in den Kader des Nationalteams nominiert wurden, haben den Weltmeistertitel indes nicht allein gewonnen. Bei dem Erfolg hätten mehrere Faktoren eine wichtige Rolle gespielt, meint Lála:

„Ich sage es noch einmal: Die tschechoslowakische Mannschaft war stark, sehr stark. Für einen Turniersieg aber braucht man einen sehr guten Torwart. Den hatten wir mit Jiří Králík. Zu solch einem Erfolg braucht man nicht nur eine Angriffsreihe, oder zwei oder fünf. Man braucht eine sehr gute Mannschaft, mit einem sehr guten Torwart, vor allem aber auch sehr gute Trainer, Ärzte und Betreuer. Alles muss passen. Das ist das Wichtigste.“

Trainer Bukač hämmerte uns Scheibenbesitz ein

Auf die Weltmeisterschaft 1985 im eigenen Land hatten sich die Gastgeber langfristig vorbereitet. Schon 1979 – ein Jahr nach der zuvor letzten WM in Prag – übernahm mit Luděk Bukač und Stanislav Veselý ein neues Trainergespann das Kommando. Der Chefcoach war Bukač, der aufgrund seines fachlichen wie pädagogischen Geschicks und seines Doktortitels in Philosophie viele Jahre lang als der „Professor“ unter den Eishockey-Trainern bezeichnet wurde. Auch Lála schätzte den anerkannten Experten. Bukač war ein sehr korrekter Trainer. Zudem sei er ein intelligenter Mensch gewesen, der sich von niemandem habe in seine Arbeit reinreden lassen, lobt der gebürtige Südböhme den zweifachen Weltmeister-Coach noch heute. Und Lála weiß auch noch, welche Prämisse Bukač seinen Schützlingen vor jedem Spiel mit auf den Weg gab:

„Doktor Bukač gab uns damals die Weisung, dass wir die Scheibe nicht einfach nur aus dem Drittel herausschießen sollten, sondern wir sollten den Puck möglichst lange in den eigenen Reihen halten. Denn Scheibenbesitz macht den Gegner mürbe, wenn er dem Puck immer hinterherlaufen muss. Zudem sollten wir die Zweikämpfe gewinnen, dann kommt auch der Erfolg, sagte Bukač.“

Jiří Lála (rechts). Foto: ČT24Jiří Lála (rechts). Foto: ČT24 Weil die sowjetische Sbornaja seinerzeit nahezu nach Belieben dominierte (17 WM-Titel ab 1963), wurde 1983 der Modus geändert, um die oft langweilige Finalrunde zu beleben. Nach der Vorrunde, in der die acht Teilnehmer der A-WM je einmal aufeinandertrafen, spielten die vier besten Teams noch eine Finalrunde aus, bei dieser wurden die zuvor erreichten Punkte gestrichen. Für ihn aber sei der Modus eines Turniers nie entscheidend gewesen, schwört Lála:

„Ich war Spieler, und der Modus eines WM-Turniers war mir im Grunde genommen egal. Wir sind immer aufs Eis gegangen, um zu gewinnen. Wir haben dafür auch sehr hart trainiert. Ich sage es mal so: Es ist egal, gegen wen man antritt. Man muss gewinnen und Erfolg haben, sonst zählt das Ganze nichts. So einfach ist das.“

Jiří Lála (Foto: ČT24)Jiří Lála (Foto: ČT24) Trotzdem profitierte die Tschechoslowakei vom damaligen Turniermodus. Nach der Vorrunde war sie nach vier Siegen, einem 4:4-Unentschieden gegen Kanada und den beiden Niederlagen gegen die USA und die UdSSR nur Vierte. Das reichte aber, um in die Finalrunde einzuziehen. Und da nutzten die Mannen von Trainer Bukač gleich in der ersten Partie die Chance zur Revanche. In einem spannenden und nervenaufreibenden Match bezwangen sie die Sowjetunion mit 2:1. Trotz aller Rivalität mit dem Team der UdSSR, das damals unschlagbar schien, habe er sich gut mit seinen sportlichen Konkurrenten verstanden, so Lala:

„Nach den Spielen mit der Sowjetunion habe ich mich immer mit Sergei Makarow oder Wjatscheslaw Fetissow getroffen. So eine halbe Stunde nach der Partie haben wir uns hinter der Bar versteckt. Dort hat man uns dann schnell zwei Bier ausgeschenkt, wir haben die Biere zusammen getrunken und etwas geplauscht.“

Jiří Lála (Foto: Archiv ČEZ Motor České Budějovice)Jiří Lála (Foto: Archiv ČEZ Motor České Budějovice) Der Sieg über die UdSSR ebnete der tschechoslowakischen Mannschaft den Weg zum ganz großen Coup. So wie Kanada, das nach der Vorrunde auf Platz drei platziert war, steigerte sich die ČSSR nun von Spiel zu Spiel. Die US-Amerikaner wurden souverän mit 11:2 bezwungen, so dass sich am Abschlusstag die Kanadier und die Gastgeber in einer Partie mit Finalcharakter gegenüberstanden. Denn anstatt um Bronze spielten beide Teams im direkten Duell den Titel aus. An dieses Match hat Lála besonders gute Erinnerungen:

„Ich habe zusammen mit Jiři Šejba und Dušan Pašek in einer Reihe gespielt. Und im Finale gegen Kanada haben wir vier Tore geschossen, vier Tore von fünf! Das war ausgerechnet vor eigenem Publikum in Prag. Alles hat super geklappt, Gott sei Dank.“

Trikottausch mit Mario Lemieux

Šejba, der einen Hattrick markierte, habe einen Sahnetag erwischt, und Pasek sei einfach ein „gigantischer Center“ gewesen, schwärmt Lala noch heute. Er selbst machte mit seinem Treffer zum 5:3-Endstand sozusagen den Deckel drauf. Und überhaupt: Lála war mit acht Treffern und fünf Vorlagen der zweitbeste Scorer des Turniers, der führende Sergei Makarow hatte nur einen Assist mehr. Wie zur Belohnung hatte Lála nach dem Finalduell mit Kanada noch ein ganz spezielles „Rendezvous“ – er traf auf dem Eis mit dem später sehr berühmtem Angreifer Mario Lemieux zusammen:

Mario Lemieux (Foto: Tony McCune, Flickr, CC BY 2.0)Mario Lemieux (Foto: Tony McCune, Flickr, CC BY 2.0) „Den Mario Lemieux hat zu der Zeit eigentlich keiner gekannt, er war damals noch jung. Zufälligerweise bin ich gerade ihm nach dem Spiel als Erstem auf dem Eis begegnet. Dann haben wir die Trikots getauscht. Er spielte schon damals mit der Nummer 66. Sein Trikot von 1985 war jedoch, glaube ich, das einzige, das er jemals bei einer Weltmeisterschaft trug. Ich denke nicht, dass er noch eine weitere WM gespielt hat. Ich weiß es aber nicht genau.“

Dem ist tatsächlich so: Mario Lemieux, der später Olympiasieger wurde, den Kanada- und den Weltcup sowie zweimal auch den Stanley Cup gewann, hat nur einmal bei einer Weltmeisterschaft gespielt – 1985 in Prag. Demzufolge ist das einzige WM-Trikot von Super Mario, wie Lemieux einst genannt wurde, bis heute im Besitz von Jiří Lála. Der Trikottausch mit dem berühmten Kanadier war aber nur ein zusätzliches Highlight im Erlebnisbad der Gefühle von Lála während der Weltmeisterschaft. Noch stärker in Erinnerung blieb ihm die Begeisterung der Menschen im ganzen Land. Jeweils 14.000 Zuschauer verfolgten die Spiele der Mannschaft live in der stets ausverkauften Sporthalle im Prager Stadtteil Holešovice, mehrere Millionen sahen am Fernseher zu. Und Tausende Menschen säumten die Straßen, wenn die Mannschaft unter Polizeischutz von ihrem Hotel zur Eishalle fuhr:

Jiří Lála (Foto: ČT24)Jiří Lála (Foto: ČT24) „Wir sind von Průhonice, das ist so 15 Kilometer von Prag entfernt, immer mit dem Bus zur Sporthalle gefahren. Wir wurden jedes Mal von der Polizei eskortiert, mit Blaulicht und Sirene. Je länger das Turnier dauerte und umso öfter wir so auch gewonnen haben, umso mehr Menschen säumten uns die Straßen. Das war Wahnsinn.“

Lála selbst musste noch fünf Jahre warten, bis er seine Erfolge auch finanziell etwas aufbessern konnte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ging er nach Deutschland, wo er in Bundesliga und DEL für Frankfurt und Mannheim spielte und stets zu den Top-Scorern gehörte. Er sei sehr glücklich, sagt er heute über das Leben in seiner Wahlheimat Deutschland, in der er auch seine zweite Ehefrau Silvia kennenlernte.

27-04-2020