Ausstellung über sudetendeutsche Sozialdemokraten in Ústí nad Labem

Foto: Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung

Das Bild der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien hat sich in Tschechien in den vergangenen Jahren gewandelt. Früher wurden sie häufig mit Henlein und Hitler-Deutschland gleichgesetzt, mittlerweile wird stärker differenziert. Gerade unter den sudetendeutschen Sozialdemokraten gab es zahlreiche Antifaschisten. Das Schicksal dieser Sozialdemokraten zeigt eine Ausstellung in den Räumen des Collegium Bohemicum im nordböhmischen Ústí nad Labem / Aussig. Die Vernissage fand vergangene Woche im Rahmen der Übergabe des deutsch-tschechischen Verständigungspreises statt.

Foto: Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung
Es ist eine Wanderausstellung, die in Ústí nad Labem gezeigt wird. Sie war bereits in Deutschland zu sehen und ist nun nach Tschechien zurückgekehrt. Konzipiert wurde sie von der Seliger-Gemeinde, der bundesdeutschen Nachfolgeorganisation der sudetendeutschen Sozialdemokratischen Partei. Karl Garscha gehört dem Bundesvorstand der Seliger-Gemeinde an:

„Auf 40 Tafeln wird die Geschichte der DSAP gezeigt, der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei, wie ihr voller Name lautet. Informiert wird nicht nur über die Geschichte ab den Anfängen, sondern auch über das Zusammenleben der tschechischen und der deutschen Bürger. Das geschieht anhand von Karikaturen, die meines Wissens noch nie irgendwo so gezeigt wurden.“

Karl Garscha
Das Zusammenleben wird ab Mitte des 19. Jahrhunderts dargestellt und ist bis zur Entstehung des eigenständigen tschechoslowakischen Staates mit dem Begriff „Konfliktgemeinschaft“ umschrieben. Bis dahin waren die sudetendeutschen Sozialdemokraten ein Teil der österreichischen Sozialdemokratie. Erst 1919 erfolgte die Gründung der DSAP, die danach auch einige Male an der tschechoslowakischen Regierung beteiligt war. Der nächste Bruch kam mit dem Einmarsch Hitlers in die Sudetengebiete.

„Ein Paneel zeigt auch einen Aufruf von Wenzel Jaksch an die Bürger, dass Hitler Krieg bedeutet“, erläutert Garscha.

Doch die Mahnung des damaligen Vorsitzenden der DSAP kam zu spät. Die meisten Sudetendeutschen jubelten Hitler beim Einmarsch zu. Für die Sozialdemokraten blieb hingegen nur die Flucht - zuerst in die unbesetzten Gebiete der Tschechoslowakei, und nachdem die Nazis auch diese in ihre Macht gebracht hatten, ins Ausland. Wer die Flucht nicht schaffte, kam häufig ins KZ und bezahlte dies nicht selten mit dem Leben.

Ernst Paul
Nach dem Krieg dann die Vertreibung aus der Tschechoslowakei. Auch die meisten verbliebenen sudetendeutschen Sozialdemokraten traf es, obwohl sie gegen Hitler gewesen waren. 1951 gründeten die vertriebenen Genossen in der Bundesrepublik die Seliger-Gemeinde als Nachfolgeorganisation der DSAP.

Einer derjenigen, die die gesamte Geschichte erlebt hatten, war Ernst Paul. Nach dem Krieg war der aus Nordböhmen stammende Politiker 20 Jahre lang SPD-Bundestagsabgeordneter und von 1966 bis 1971 Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde. Informationen über sein Schicksal ergänzen die Ausstellung in Ústí. Anja Kruke, Leiterin des Bonner Archivs der sozialen Demokratie bei der Friedrich-Ebert-Stiftung:

Anja Kruke  (Foto: Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung)
„Ernst Paul steht stellvertretend für die gesamte Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokraten im 20. Jahrhundert – von ihren Anfängen in der Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, über die Verwerfungen in der Mitte des 20. Jahrhunderts - die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Er hat die sudetendeutschen Sozialdemokraten sozusagen im Exil in Schweden weitergeführt und in der Bundesrepublik die Treuegemeinschaft in die Sozialdemokratie hineingebracht, und er steht auch für den Wandel durch Annäherung durch die neue Ostpolitik Willy Brandts.“

Die Ausstellung „Von der DSAP zur Seliger-Gemeinde“ ist noch bis zum 18. Dezember in den Räumen des Collegium Bohemicum im Museum der Stadt Ústí zu sehen. Sie ist tschechisch-deutsch. Der Ausstellungsteil zu Ernst Paul ist allerdings nur tschechisch.

Autor: Till Janzer
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