Mähren bis Mexiko: Strážnice feiert die Folklore

25-06-2018

Das ostmährische Strážnice stand am vergangenen Wochenende ganz im Zeichen der Trachten und Volksmusik. Auf dem Gelände des dortigen Schlosses fand nämlich das 73. Internationale Folklorefestival statt.

Folklorefestival in Strážnice (Foto: Strahinja Bućan)Folklorefestival in Strážnice (Foto: Strahinja Bućan) Normalerweise hat das mährische Städtchen Strážnice / Straßnitz rund 5500 Einwohner. Am vergangenen Wochenende zählte man an den Ufern des Baťa-Kanals aber rund 30.000 Menschen. Sie alle pilgerten zum alljährlichen internationalen Folklorefestival, das in diesem Jahr zum 73. Mal stattfand. Wegen des trüben Wetters seien es diesmal aber nicht so viele Besucher wie sonst gewesen, meint Organisator Martin Šimša. Er leitet das Institut für Volkskultur in Brno / Brünn:

„Die Besucheranzahl war früher sehr hoch. Es sind Zehntausende, ja bisweilen auch Hunderttausend Menschen nach Strážnice gefahren. Ich kann mir das heute nicht mehr vorstellen, aber die Amphitheater waren damals riesig. Es waren Holzbauten, die man jedes Jahr ein wenig erneuert hat. Man ist damals auf Motorrädern hierher gefahren, also gab es auch große Parkplätze. Geschlafen hat man im Zelt irgendwo auf den Feldern rundum, wenn man sich denn überhaupt hingelegt hat. In Strážnice wird nämlich nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht getanzt und gesungen.“

Martin Šimša (Foto: Loreta Vašková)Martin Šimša (Foto: Loreta Vašková) Wie viele Folkloregruppen tatsächlich auf dem Schlossgelände in Strážnice auftreten, weiß nicht einmal der Organisator. Manchmal würden auch kleine Gruppen aus den umliegenden Dörfern kommen, ihre Instrumente auspacken und einfach zum Spaß aufspielen, so Šimša. Das sei aber gerade das Schöne an Strážnice und Mähren, denn hier lebt die Folklore noch wirklich:

„Unsere größte Leistung in den vergangenen 20 Jahren ist, dass wir das Festival am Leben halten konnten, vor allem für die jungen Leute. Das halte ich für sehr wichtig, denn in den 1990er Jahren gab es die Befürchtung, dass mit dem Rückzug der bis dahin aktiven Tänzer auch unser Publikum nach und nach verschwindet. Doch genau das Gegenteil ist heute der Fall. Der Nachwuchs kann hier alles auf eigene Faust erleben und genießen. Es ist nichts Künstliches oder Elektronisches, sondern ein unmittelbares Erlebnis von Tanz und Gesang.“

Foto: Strahinja BućanFoto: Strahinja Bućan Doch nicht nur mährische Klänge sind in Strážnice zu hören. Traditionell nehmen auch Gruppen aus aller Welt an dem Festival teil und zeigen das Beste aus der eigenen Folklore. Laut Martin Šimša war das immer ein Highlight, denn die Ensembles bringen schon seit 1959 eine gute Portion Exotik nach Südostmähren. Markéta Lukešová ist beim Festival sowie dem Institut für Volkskultur für internationale Beziehungen zuständig und holt die Folkloreclubs aus dem Ausland nach Strážnice:

„Was das bisher Exotischste hier war, ist schwer zu sagen. Wir hatten hier schon Vereine von nahezu allen Kontinenten. Die afrikanischen Ensembles zum Beispiel waren sehr naturalistisch. Sie haben auf der Bühne Bräuche und Rituale vorgeführt, die für uns sehr ungewohnt sind. Für unsere Besucher gilt aber: je exotischer die Gruppe ist, desto zufriedener ist man.“

In diesem Jahr sind Ensembles aus Indonesien, Russland, China, Mexiko und Ungarn zu Gast. Woher und welche Folklore-Klubs letztlich kommen, das liegt vor allem am Interesse der Festivalgäste. „Das Programm soll möglichst bunt sein, so dass für jeden Besucher etwas dabei und viel Leben auf dem Festival ist“, erklärt die studierte Folkloristin Markéta Lukešová.

Patenty (Foto: Strahinja Bućan)Patenty (Foto: Strahinja Bućan) Highlight des Festivals in Strážnice ist aber etwas anderes – und zwar der Wettstreit im mährischen Rekrutentanz Verbuňk. Von insgesamt über 100 Bewerbern und letztlich 19 Tänzern im Finale setzte sich Antonín Žmola aus Babice bei Úherský Brod durch. Für den 29-Jährigen war es jedoch nicht das erste Auftritt in Strážnice. „In den vergangenen Jahren war ich schon zweimal Dritter und einmal Zweiter“, so der gelernte Versicherungskaufmann. Tatsächlich ist der Antonín Žmola ein alter Hase unter den Wettkämpfern, die Mehrheit seiner Mitbewerber war in der Regel noch keine 20 Jahre alt.

Doch nicht nur für die Augen und Ohren bot das Folklorefestival in Strážnice eine Menge. Auch Gourmets kamen voll auf ihre Kosten, ob nun mit mährischem Wein oder traditionellen Speisen wie den Patenty – einer Art Palatschinken mit Powidl. Oder den Baléše – diese sind so etwas wie gebratene Fladen. Zubereitet wurden diese Spezialitäten natürlich von geübten mährischen Großmüttern.

25-06-2018