Trillerpfeife und Lakritz: 100 Jahre Verkehrspolizei

05-09-2019

Weiße Handschuhe, schwarze Uniform und natürlich die charakteristische Trillerpfeife. Vor gut einhundert Jahren stellte sich der erste Verkehrspolizist auf den Prager Wenzelsplatz, um mehr Ordnung in den Straßenverkehr zu bringen.

Theodor von Liebieg in seinem Benz Victoria (rechts). Foto: Archiv DaimlerTheodor von Liebieg in seinem Benz Victoria (rechts). Foto: Archiv Daimler Als der Fabrikant Theodor von Liebieg im Jahr 1893 den ersten böhmischen Führerschein ausgestellt bekam, hatten er und sein Benz-Patent-Motorwagen Victoria die Straßen hierzulande noch ganz für sich. Kaum dreißig Jahre später sah das schon anders aus, und es herrschte gar Anarchie auf dem Prager Kopfsteinpflaster. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg sah sich die Verwaltung in der Hauptstadt der neuen Tschechoslowakei gezwungen, rigoros für Ordnung zu sorgen. Ein besonderer Hotspot war dabei der untere Teil des Wenzelsplatzes. Marcela Machutová ist Chefin des Polizeimuseums in Prag:

„Es war der ungemütliche Morgen des 2. September 1919. An der besagten Kreuzung versammelte sich eine Menschenmenge, die verwundert einen Mann beobachtete, der ganz merkwürdige Handzeichen machte. In seiner ungewöhnlichen und neuartigen schwarzen Uniform, mit seinem komischen kleinen Helm sowie silbernen Abzeichen auf der Brust erklärte er Fußgängern, Reitern und Autofahrern, wie sie sich im Straßenverkehr zu verhalten haben.“

Foto: Archiv des Museums der tschechischen PolizeiFoto: Archiv des Museums der tschechischen Polizei Da es sehr ruppig zuging auf den Straßen der Hauptstadt, übernahmen diese Aufgabe in Zukunft die kräftigsten und durchsetzungsstärksten Wachtmeister. Ein Utensil der Beamten sorgte bei den ersten tschechischen Autofahrern aber besonders für Verwunderung, aber auch für Respekt und Furcht – es zwar der Schlagstock. Dieser bekam später einen süßen Spitznamen:

„Der Wachtmeister gab mit seinem Schlagstock die Richtung vor. Den Pragern, die ihm so bei seiner Arbeit zusahen, kam das recht sonderbar vor. Sie tauften den schwarzen Gummiknüppel schließlich ‚Pendrek‘, also Lakritzstange. Dieser Begriff hat sich seit damals im Volksmund gehalten. Der Beamte gab seine Anweisungen übrigens jedem Verkehrsteilnehmer einzeln, was an sich recht kompliziert war.“

Ein kleiner Exkurs: das tschechische Wort „Pendrek“ kommt vom Bärendreck, also dem süddeutschen Namen für die Lakritze. Dieser Begriff stammt wiederum vom Ulmer Konditor Karl Bär, der in seinem Nürnberger Betrieb die charakteristischen schwarzen Lakritzstangen herstellte. Diese fanden ihren Weg in der Form dann in die ganze k. und k. Monarchie, also auch nach Prag.

Foto: Archiv des Museums der tschechischen PolizeiFoto: Archiv des Museums der tschechischen Polizei Kaum zehn Jahre später kam der Anfang vom Ende des menschlichen Verkehrsreglers. 1927 wurde in der Tschechoslowakei nämlich die erste Ampel aufgestellt, ironischerweise ebenfalls am unteren Ende des Prager Wenzelsplatzes. Diese musste in ihrer Anfangszeit zwar noch von einem Beamten bedient werden, mit der Einführung der automatischen Lichtzeichenanlagen wurde aber auch das überflüssig. Da die Ampeln nicht immer zuverlässig sind, müssen auch moderne Beamte noch die typischen Handzeichen der ersten Verkehrspolizisten beherrschen. Wie wichtig das ist, erklärt der stellvertretende Chef der heutigen Verkehrspolizei in Tschechien, Michal Hodboď:

„Wir veranstalten jedes Jahr sogar einen republikweiten Wettbewerb der Verkehrspolizisten. Eines der Kriterien ist die Regelung des Autoaufkommens an Kreuzungen, wo der Verkehr dadurch möglichst flüssig sein soll.“

Die Verkehrspolizei ist hierzulande übrigens älter als die erste Straßenverkehrsordnung, die trat nämlich im Jahr 1935 in Kraft. Geldstrafen für Verkehrsdelikte gab es sogar erst ab 1951.

05-09-2019