Wie die Revolution begann – der 17. November 1989

17-11-2008

Für das kommunistische Regime der Tschechoslowakei kam der Anfang vom Ende eine Woche nach dem Fall der Berliner Mauer: Am 17. November gingen mehrere Tausend Studenten in Prag auf die Straße. Einige Tage später waren die Kundgebungen gegen das Regime bereits auf einige Hunderttausend Menschen angeschwollen. „Die Wahrheit siegt.“ Das war eine der Parolen von damals. In den offiziellen Medien des Landes siegte die Wahrheit allerdings noch nicht ganz so schnell wie auf den Straßen. Sie mussten sich erst einmal aus der kommunistischen Umklammerung lösen. Wir geben Ihnen zum 19. Jahrestag der Samtenen Revolution einen Überblick über das Geschehen ab dem 17. November 1989 und den Rundfunkberichten.

Als die Studenten am 17. November auf die Straße gingen, taten sie es zuerst durchaus mit Billigung von Partei- und Staatsorganen. Ganz offiziell wurde damals der blutigen Niederschlagung von Studentenprotesten und der Schließung der Hochschulen in der Tschechoslowakei durch die Nazis im Jahr 1939 gedacht. Doch was die Staatsmacht nicht ahnte: Mehr als die Ereignisse ein halbes Jahrhundert zuvor hatten die Studenten ihre eigene Lage im Kopf. Im Anschluss an die offiziell erlaubten Kundgebungen machten sich die Studenten zu einem friedlichen Protestmarsch auf. Die Machthaber fühlten sich dadurch aber bereits bedroht. Unschwer ist das in der ersten offiziellen Meldung zu hören, die in der Nachrichtensendung des Tschechischen Rundfunks am Abend des 17. November 1989 erklang:

„Laut den letzten Informationen versuchen einige Leute, das Gedenken an den 17. November 1939 zu antisozialistischen Provokationen zu missbrauchen.“

Was danach geschah, das wurde von den offiziellen Medien des Landes verschwiegen. Nur wer beispielsweise auf Radio Freies Europa schaltete, erfuhr mehr. Die amerikanische Radiostation sendete aus München in die Tschechoslowakei. Noch am selben Abend schilderte einer der Teilnehmer, wie die friedliche Demonstration auf der Národní třída, der Nationalstraße im Zentrum Prags, brutal niedergeknüppelt wurde:

„Ich stand in der ersten Reihe. Wir legten die Staatsflaggen nieder und zündeten die restlichen Kerzen unmittelbar vor den Polizisten an. Von hinten wurden an uns Blumen durchgereicht, die die Mädchen an den Schutzschilden der vordersten Polizisten anbrachten. Wir setzten uns alle auf den Boden und riefen: ´Wir wollen den Dialog, keine Gewalt.´ ´Wir wollen mit Jakeš (dem kommunistischen Parteichef, Anm. d. Red,) reden.´ ´Werft die Schlagstöcke weg und nehmt die Helme ab.´ ´Kommt mit auf ein Bier, heute zahlen wir.´ Gegen halb neun bewegte sich der Polizeikordon auf uns zu. Wir fassten uns an den Händen, dann gingen die ersten Schläge nieder. Unmittelbar neben mir bekam ein Student einen Schlag auf den Kopf und begann zu bluten. Ein Stück weiter schlugen die Polizisten einem schönen jungen Mädchen mit dem Stock auf die Nase. Als sie sich bückte, um ein Taschentuch herauszuziehen, erhielt sie einen weiteren Schlag auf den Kopf. Sie blutete stark. Es war gerade eines jener Mädchen, die zuvor den Polizisten, die sie nun schlugen, Blumen gegeben hatten.“

So der Bericht des Studenten Martin Schmoranz vom 17. November. Als die Polizei zuschlug, befanden sich mehrere Tausend Demonstranten auf der Národní třída. Offizielle Berichte sprachen später von mehreren Dutzend Menschen, die ärztlich behandelt werden mussten. Tatsächlich waren es aber fast 600 Verletzte. Dies fand eine ärztliche Kommission heraus, die später offiziell eingesetzt wurde, um die Geschehnisse aufzuarbeiten. Die Studenten jedenfalls reagierten auf den Einsatz mit der Bildung von Streikkomitees an den Hochschulen. Auch Theaterschauspieler schlossen sich an. Empört waren aber auch weitere Teile der Bevölkerung. So langsam sickerte allgemein durch, dass die kommunistischen Sicherheitskräfte ausgerechnet an dem Tag geknüppelt hatten, als die Studenten an die blutige Verfolgung durch die Nazis gedachten. Und das auch ohne objektive Medienberichte.

Der Stein kam nun ins Rollen. Am 19. November bildeten unabhängige Gruppen das Občanské forum, also das Bürgerforum. Dies begann einen Generalstreik vorzubereiten. Einen Tag später fanden in Prag und in anderen Städten des Landes friedliche Demonstrationen statt. Immer mehr Menschen kamen. Am 22. November waren es bereits 200.000, die sich auf dem Prager Wenzelsplatz einfanden. Der katholische Pfarrer und Dissident Václav Malý verlas damals die Forderungen des Bürgerforums. Ein Rundfunkmitarbeiter hat die Kundgebung aufgezeichnet, gesendet wurden die Ausschnitte jedoch nicht. Eine Forderung des Bürgerforums lautete, „dass unverzüglich jene Mitglieder des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei zurücktreten, die unmittelbar mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in unser Land im Jahr 1968 verbunden sind.“

Die Menschen auf dem Wenzelsplatz riefen: „Rücktritt“. Sie forderten, „Parteichef Jakeš in den Abfallkorb zu stecken“. Und sie skandierten: „Wir haben genug.“ Wer wissen wollte, was auf dem Wenzelsplatz gefordert wurde, der musste schon persönlich vor Ort sein. Die Hauptnachrichtensendung des Tschechischen Rundfunks, die Rozhlasové noviny (Rundfunkneuigkeiten), berichtete zwar bereits ausführlich über die Situation im Land. Im Vordergrund stand in diesen Tagen aber immer noch, wie dies die Parteispitze sah.

Hier hieß es, dass Regierungschef Ladislav Adamec sich mit Vertretern von Studenten, Künstlern und Bürgerrechtlern getroffen habe. Interviewt wurde dazu der Regierungssprecher, aber kein Vertreter der oppositionellen Gruppen. Am 24. November trat aber die Spitze der kommunistischen Partei zurück. Der Weg für die Opposition war frei. Am folgenden Tag übertrug der Rundfunk bereits live von der Massen-Demonstration aus dem Letná-Park mit mehreren Hunderttausend Menschen.

17-11-2008