Auslandsinvestitionen in Tschechien

20-11-2002

Direktinvestitionen aus dem Ausland werden häufig als ein Gradmesser für die Standortqualität sowie für die wirtschaftliche und politische Stabilität eines Landes betrachtet. Gerade die noch jungen Marktwirtschaften Mittel- und Osteuropas bemühen sich um solche Investitionen. In der Tschechischen Republik wurde dafür 1992 vom Industrie- und Handelsministerium eine eigene Agentur, CzechInvest, gegründet. Über die Ziele und die Arbeit dieser Agentur möchten wir Sie in der heutigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazines informieren. Am Mikrofon in Prag begrüsst Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, Jürgen Siebeck.

"Von 1993 - Mitte 2002 sind Gesamtauslandsinvestitionen in Höhe von ungefähr 32 Milliarden US-Dollar in die Tschechische Republik geflossen. In der ersten Hälfte des Jahres 2002 sind ungefähr 5,3 Milliarden US-Dollar gekommen. Man erwartet auch in den nächsten drei Jahren einen stabilen Trend um 5 Milliarden US-Dollar jährlich."

Nach Frau Hana Machácková von der Marketingabteilung der Agentur CzechInvest liegt Tschechien damit hervorragend im Vergleich zu den wichtigsten Mitbewerbern um Auslandsinvestitionen, Polen und Ungarn. In einem internationalen Bewertungsvergleich wurde CzechInvest in den letzten beiden Jahren jeweils ausgezeichnet als beste "Europäische Investitionsförderungsagentur des Jahres".

Bei der Herkunft der Investoren steht das Nachbarland Deutschland an erster Stelle: "Ungefähr 33% aller Investitionen sind aus Deutschland gekommen. Österreich steht auf der dritten Stelle mit ungefähr 10% und die Schweiz auf der siebten Stelle mit etwa 5%."

Die wichtigste Aufgabe von CzechInvest besteht darin, ausländische Investitionen nach Tschechien zu holen. "CzechInvest hat folgende Ziele: vor allem ist das die Unterstützung von ausländischen Direktinvestitionen, die in die Tschechische Republik kommen und die Bearbeitung der Investitionsprojekte und dadurch auch die Schaffung von neuen Arbeitsplätze in der Tschechischen Republik. Wir befassen uns auch mit der Entwicklung der Investitionsanreize und auch mit der Unterstützung der Entwicklung von Industriezonen und der Zulieferfirmen in der Tschechischen Republik."

Die Gründe, warum man auf tschechischer Seite Investitionen aus dem Ausland fördert, sind sehr einleuchtend: "Jetzt kann ich für die Investitionen sprechen, bei denen CzechInvest geholfen hat. Durch diese Projekte werden direkt ungefähr 60 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Wenn man nun die direkten und indirekten Arbeitsplätze bei den Zulieferfirmen zusammenzählt, dann würde diese Summe ungefähr 200 000 Arbeitsplätze betragen."

Mit der Investitionsförderung soll nach Frau Machácková auch die regionale wirtschaftliche Entwicklung gefördert werden, obwohl immer noch fast die Hälfte der Auslandsinvestitionen nach Prag gehen - hier sind das vorwiegend Firmen im Dienstleistungsbereich. Die Fördersätze sind regional unterschiedlich, um Firmen auch in den wirtschaftlich schwächer entwickelten Gebieten des Landes anzusiedeln, dort dann vor allem in der produzierenden oder verarbeitenden Industrie.

"Nach den EU-Regeln darf zum Beispiel in Prag das Ausmass der öffentlicher Förderung nur 20% sein im Vergleich zu, zum Beispiel Nordmähren, wo sie 50% beträgt. Das heisst, wir arbeiten eng mit den sogenannten Regionalentwicklungsagenturen zusammen, oder bereiten den Bau der Industriezonen vor und zwar in den Gebieten, die mehr Investitionen brauchen als Prag."

Mit den schon genannten Investitionsanreizen möchte man ausländische Direktinvestitionen in Tschechien fördern. Dazu Frau Machácková von CzechInvest: "Zu den konkreten Anreizen zählen die Steuerbefreiung, dann die direkten Zuschüsse für neu geschaffene Arbeitsplätze, für Schulung und Umschulung der Mitarbeiter, für die Erschliessung von Grundstücken, also für den Ausbau der Infrastruktur usw. und dann auch für den Kauf von Grundstücken - auch für einen symbolischen Preis."

Das derzeitige System der Investitionsanreize ist schon EU-tauglich, so dass es bei einem Beitritt nur ganz geringer technischer Modifikationen bedarf.

Für die potentiellen Investoren sind folgende Gründe bei ihrer Entscheidung für Tschechien ausschlaggebend: "An erster Stelle die Fähigkeiten, die Qualifizierung der Arbeitskräfte bei uns, zu denen vor allem die Sprachkompetenz gehört - Sprachkenntnisse, vor allem Englisch und Deutsch - und natürlich auch die technische Ausbildung, auch in IT. Zu den anderen Gründen gehören: die niedrigeren Arbeitskosten und natürlich auch die Investitionsanreize, die in der Tschechischen Republik angeboten werden, dazu auch die Lage der Tschechischen Republik in der Mitte Europas."

Auffallend ist, dass das niedrigere Lohnniveau und auch die geringeren Lohnnebenkosten nicht mehr als wichtigste Begründung von Investitionen genannt werden, sondern die hohe Arbeitsqualität und das Fachwissen der Mitarbeiter, danach die Investitionsanreize und die wirtschaftliche sowie politische Stabilität Tschechiens. Eine allmähliche Angleichung des Lohnniveaus an den EU-Durchschnitt wird also zu keiner nachhaltigen Schwächung der Standortvorteile Tschechiens führen. Das Investitionsklima in Tschechien wird von den Investoren als sehr gut bewertet, was regelmässige Umfragen belegen. " Die Erwartungen, die die Investoren vor der Investition hatten, werden erfüllt oder sogar überholt."

Frau Machácková von CzechInvest erläutert, wie man dort potentielle ausländische Investoren für die Tschechische Republik interessiert: "Als Hauptinstrument möchte ich die ausländischen Vertretungen von CzechInvest nennen. Wir haben insgesamt acht Büros auf der Welt - natürlich auch in Deutschland. Unsere Auslandsvertreter sprechen direkt die Firmen an und arbeiten auch eng mit den Handelsabteilungen der Botschaften zusammen. Zu den anderen Faktoren gehört auch unsere Webseite. Viele Investoren haben die ersten Informationen gerade im Internet gefunden. Weiter nehmen wir natürlich auch an verschiedenen Messen teil, organisieren sogenannten Roadshows oder machen Mailings usw. "

CzechInvest kann den ausländischen Investoren dann folgende Serviceleistungen anbieten: "Zuerst sind das Informationen über die wirtschaftliche Lage in der Tschechischen Republik, aber auch über andere Bereiche, alles was die Investoren interessiert. Natürlich dann die Hilfe bei der Antragstellung für die Investitionsanreize. Hier dient die Agentur CzechInvest als Vermittler von Investitionsanreize in Beziehung zu den anderen Regierungsinstitutionen. Zusätzlich hilft CzechInvest bei der Suche nach entsprechenden Immobilien und Grundstücken für die Investoren, wenn sie einen Standort in der Tschechischen Republik suchen. Dann ist CzechInvest auch ein Berater in Rechtsfragen usw. "

Die Investitionen werden also intensiv von CzechInvest betreut. Aber auch nach der eigentlichen Investitionsphase ist die Agentur noch bereit, bei eventuell später aufkommenden Problemen zu helfen.

Zur umfangreichen Liste der von CzechInvest betreuten ausländischen Investoren zählen auch die bekannten deutschen Konzerne Bosch, Siemens oder Miele. Natürlich bemüht man sich bei CzechInvest vor allem um strategisch wichtige Branchen in der Produktion oder in den Dienstleistungen, und hier vor allem um High-Tech, Forschung und Entwicklung. Bosch hat neben Fertigungslinien auch Forschungsabteilungen nach Tschechien verlagert. Die Schweizer Firma Rieter wird jetzt als erste Firma ein Technologiezentrum in Tschechien eröffnen.

Damit kommen wir mit einem Dank an Frau Machácková auch zum Ende des heutigen Wirtschaftsmagazines. Aus Prag verabschiedet sich von Ihnen Jürgen Siebeck.

20-11-2002