Bier, Würstchen, Knödel und andere Spezialitäten

29-01-2003

Internationale Grüne Woche ist eines der bedeutendsten Schaufenster für die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie. Etwa eine halbe Millionen Besucher haben sich die Ausstellung angesehen, die am vergangenen Sonntag in Berlin zu Ende ging. Wo den Verbrauchern und einer wachsenden Zahl von Fachbesuchern landwirtschaftliche Produkte und Spezialitäten aus aller Welt präsentiert werden, darf Tschechien natürlich nicht fehlen - vor allem angesichts seines ansteigenden negativen Saldos im Agraraussenhandel und in Erwartung des Beitritts zur EU. In der heutigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazines möchten wir Sie über den Beitrag der Tschechischen Republik zur diesjährigen Internationalen Grünen Woche informieren. Dazu begrüßt Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer am Mikrofon in Prag Jürgen Siebeck.

Die tschechische Landwirtschaft hat seit 1989 einen grundlegenden Transformations- und Privatisierungsprozess erlebt, an dessen Ende eine Verringerung der Produktion um etwa ein Drittel und ein Abbau an Arbeitskräften von 60% stehen. Schon der niedrige Anteil der Agrarexporte von etwa 3-4% am Gesamtexportvolumen macht deutlich, dass Tschechien kein typisches Agrarland ist. Während im Import nach Tschechien weiterhin Obst und Gemüse dominieren, versucht man den Export von tschechischen agrarischen Qualitätsprodukten mit hohem Veredelungsgrad und Mehrwert sowie von landestypische Spezialitäten zu steigern.

Der tschechische Gemeinschaftsstand auf der Grünen Woche wurde vom Landwirtschaftsministerium der Tschechischen Republik als indirekte Förderung des Agarexportes mitfinanziert. Dazu Dr. Emerich Vacek, der stellvertretende Leiter der Abteilung Internationales Protokoll und Werbung des Ministeriums:

"2003 organisiert das Ministerium die elfte Präsentation an der Grünen Woche. In diesem Jahr sind hier 14 Firmen und der Stand des Ministeriums."

Im Agraraussenhandel nehme Deutschland bei der Einfuhr in die Tschechische Republik die erste Position und in der Ausfuhr die zweite Stelle ein.

"Dieser Markt ist für unsere Firmen sehr wichtig. Wir wollen hier typische böhmische Produkte vorstellen, zum Beispiel Bier, Molkereiprodukte, Käse, Fleischprodukte oder Bäckereiprodukte."

Trotz des schärferen Wettbewerbes, auf den sich die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelerzeuger Tschechiens im Zuge des EU-Beitritts vorbereiten, sieht Herr Dr. Vacek vom Landwirtschaftsministerium die Aussichten positiv:

"Wir haben alle Bedingungen erfüllt. Für uns bringt das sicher eine weitere Entwicklung der Landwirtschaft. Ich kann sagen, dass die Situation sicher nicht schwieriger wird als jetzt."

Ingenieur Michal Gabriel vertritt die Firma JIMA, eine Molkerei aus Jihlava/Iglau, die zum ersten Male auf der Grünen Woche ausstellt:

"Wir sind eine der fünf größten Molkereien in der Tschechischen Republik. Wir haben ungefähr 240 Leute beschäftigt. Wir verarbeiten pro Jahr 130 Millionen Liter Milch für die Käseproduktion. Das ist die größte Käsekapazität in der Tschechischen Republik - ungefähr 9000 t pro Jahr. Wir produzieren einen typischen mährischen Käse. Das ist das beste Produkt für den Export, denn auch in Frankreich und Deutschland will man speziell diesen Typ von Hartkäse, ein Typ wie Emmentaler aber ohne Löcher."

Daneben produziere man noch Butter und Eidamer-Käse mit verschiedenen Gewürz- oder Gemüsezutaten, mit denen man neu auf den deutschen oder EU-Markt vordringen wolle.

"Wir exportieren 70% unserer Produktion. Aber das geht nicht alles in die EU. Wir sind hier, um dem deutschen Kunden unsere Produkte vorzustellen und zu lernen, welchen Geschmack der deutsche Kunde hat. Aber wir möchten auch Kontakte mit dem Großhandel für Milchprodukte oder mit verschiedenen andere Handelsorganisationen finden."

Ingenieur Gabriel glaubt, dass der EU-Beitritt Tschechiens den Export seiner Produkte erleichtern wird.

"Im Moment ist es manchmal schwierig wegen verschiedener zolltechnischer Grenzen und Begrenzungen. Es gibt eine Begrenzung der Warenmenge und die Zoll- und anderen Gebühren sind ziemlich hoch. Für das Geschäft speziell im Rahmen der EU werden wir konkurrenzfähiger als jetzt."

Der Preis für den Rohstoff Milch sei zwar schwankend, aber im Durchschnitt sehr ähnlich in Tschechien und Deutschland. Durch die billigere Arbeitskraft in Tschechien könne man die Endprodukte dann jedoch preiswerter gestalten. Wahrscheinlich würde dieser Kostenvorteil noch ein paar Jahre andauern.

Etwas skeptischer beurteilt der Vertreter einer anderen Branche die Marktchancen seiner Firma nach einem EU-Beitritt. Dr. Frantiek tefunka präsentiert auf der Grünen Woche zum siebten Male die Produkte der Firma Chov Service AG aus Hradec Králové/Königgrätz. Diese ist im Bereich hochwertiger Viehzucht tätig und vertreibt unter dem Markennamen Toro preisgekrönte Fleisch- und Wurstwaren, die sich durch eine feine, naturbelassene Qualität und traditionelle ostböhmische Rezepturen auszeichnen. Dr. tefunka geht davon aus, dass mit dem Beitritt zur EU der wachsende Konkurrenzdruck und der ganze Prozess der Anpassung an den Europäischen Markt und die EU-Normen seine Firma und die meisten landwirtschaftlichen Firmen vor schwierige Aufgaben stellen.

Auf der Grünen Woche waren - wie schon seit 1993 - auch mehrere Betriebe vertreten, die Back- und Konditoreiwaren vertreiben. Dr. Ji"i Uhlí" von der Jizerské Pekárny in Liberec/Reichenberg meint:

"Hier sind wir deshalb, weil wir möchten wissen, welches Interesse die deutschen Kunden an unserer Ware haben. Das Interesse an diesen Produkte ist groß. Aber trotzdem liefern wir unsere Ware nicht nach Deutschland, weil heute noch große Schwierigkeiten sind, mit den Waren über die Grenze zu kommen."

Daneben spiele natürlich eine Rolle, dass der Vertrieb von Brot und Backwaren aufgrund der vom Verbraucher geforderten Frische gewöhnlich nur ein regional begrenztes Einzugsgebiet hätte. Trotzdem setze man auch hier auf Erleichterungen beim Grenzübergang durch die EU, denn gerade traditionelle böhmische Backspezialitäten würden auch in Deutschland ihren Markt finden.

"Diese böhmische Knödeln sind das beste Produkt, was wir hier verkaufen. Diese Ware können sie zu Hause einen Monat ganz ruhig im Kühlschrank haben."

Die Bäckereibetriebe freuten sich über einen besonders regen Zuspruch von Messebesuchern, die ursprünglich aus Böhmen stammten und deshalb besonders an den dortigen Brot- und Backspezialitäten interessiert seien.

Die Firma Boneco, die tschechischen Senf, Mayonnaise und Saucen verschiedener Geschmacksrichtungen produziert, kann auch auf einem traditionellen Kundenstamm aufbauen. Neben handwerklicher Fertigung und guten Gewürzrezepturen sei für den Markterfolg nach Ilona Schreiber hilfreich:

"Dass es eben sehr bekannt ist noch aus früheren Zeiten. Viele ehemalige DDR-Bürger sind da extra hingefahren nach Tschechien und haben sich diese Spezialitäten da mitgebracht."

Aber heute würden auch Deutsche aus den alten Bundesländern diese schmackhaften böhmischen Senfspezialitäten entdecken.

Optisch und akustisch wird das Bild des Tschechischen Gemeinschaftsstandes auf der Grünen Woche dominiert von einer anderen tschechischen Spezialität: an den Ständen der Brauereien, Budweiser, Staropramen, Kruovice und Louny wird den Besuchern der Ausstellung tschechisches Bier kredenzt.

Frau Hannelore Pönitzsch von der Varimex Handels GmbH:

"Wir importieren exklusiv Louny Bier nach Deutschland. Wir haben 1994 beim Punkt Null angefangen und wir importieren jetzt ungefähr 30000 Hektoliter jedes Jahr. Das ist nach den großen tschechischen Marken sicher eine der wichtigsten Marken, die hier in Deutschland vertrieben werden. Wir wenden uns vorrangig an die Handelsketten, weil dort eben der größte Umsatz läuft und natürlich auch in den Getränkefachmärkten, die unsere wichtigen Partner sind. Die Grüne Woche ist für uns eine ganz wichtige Veranstaltung, um den Kunden, den Endverbrauchern, das Louny Bier auch mal in einer Atmosphäre einer kleinen Kneipe nahe bringen zu können und wir haben sehr viel Kunden, die das sehr schätzen und jedes Jahr wieder kommen."

Ein Konsument, also jemand aus der eigentlichen Zielgruppe der Grünen Woche, sagt, wie ihm eines der tschechischen Biere schmeckt:

"Na wunderbar! Das tschechische Bier ist ja dafür bekannt, dass es zu den besten der Welt gehört und das kann man hier eigentlich nur bestätigen. "

Na, sind Sie auch auf den Geschmack gekommen? Na zdraví/Prost und Dobrou Chut/Guten Appetit wünscht Ihnen am Ende des Berichtes von der Grünen Woche und des heutigen Wirtschaftsmagazines Jürgen Siebeck.

29-01-2003