Die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer in Prag - Mittler von Wirtschaftsbeziehungen

25-09-2002

In loser Folge stellt Ihnen Radio Prag Institutionen vor, die sich besonders um die Beziehungen zwischen der Tschechischen Republik und den deutschsprachigen Nachbarländern bemühen. In der heutigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazines möchten wir Sie mit der Arbeit der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer in Prag bekannt machen, die sich als Mittler von Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern versteht. Am Mikrofon in Prag begrüßt Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, herzlich Jürgen Siebeck.

Der Pressereferent der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer, Herr Diplom Volkswirt Andreas Schäfer, stellt die Entwicklung und die vielfältigen Aufgaben der Kammer vor:

"Seit 1993 sind wir hier vor Ort in Prag. Und das hat sich natürlich seit den Anfangsjahren sehr weit entwickelt. Wir sind einmal Mitgliedervertretung für unsere 540 Mitgliedsunternehmen, die sowohl in Tschechien sind als auch in Deutschland. Das heißt, wir beraten die Unternehmen, wir vertreten die Interessen der Unternehmen gegenüber der Politik und wir organisieren Veranstaltungen, seien es Seminare, seien es Mitgliedertreffen, sei es einmal im Jahr unseren Jahresball. Das sind alles Gelegenheiten, sich auszutauschen, neue Kunden zu treffen, neue Abnehmer zu treffen, neue Lieferanten zu treffen oder vielleicht auch Unternehmen aus der gleichen Branche zu treffen, wo man sich austauschen kann und über Probleme reden kann und sich gegenseitig Tipps geben kann."

Mit den zur Zeit 25 Mitarbeitern deckt die Deutsch-Tschechische Industrie-und Handelskammer aber auch noch andere Bereiche ab - wie die Beratungen für deutsche Unternehmen, die sich wirtschaftlich in Tschechien betätigen wollen, zum Beispiel durch Informationen über potentielle Standorte, über mögliche Partnerunternehmen, oder Hinweise in allgemeinen Rechtsfragen, zum Steuersystem oder im Umweltbereich. Zu den Aufgaben der Kammer zählen auch Messevertretungen:

"Wir vertreten die Messen Nürnberg, Berlin und Stuttgart und die Spielwarenmesse. Wir sind der Vertreter der sächsischen Wirtschaft in Tschechien, wir vertreten das Duale System Deutschland und wir haben, ähnlich wie in Deutschland, die kooperative Berufsausbildung, also das System mit der Mischung aus Theorie und Praxis, wo die Auszubildenden danach Abschlüsse machen können als Industriekaufmann, als Bankkaufmann, als Außenhandelskaufmann und als Einzelhandelskaufmann."

Zu diesen Ausbildungsgängen gibt Herr Schäfer noch einige Erläuterungen:

"Was wir dann organisieren ist die Berufsschulausbildung, d. h. wir arbeiten mit Berufsschulen zusammen, die den theoretischen Teil übernehmen und wir betreuen die Auszubildenden während ihrer zweieinhalbjährigen Ausbildung und am Ende der Ausbildungen werden bei uns dann die Prüfungen durchgeführt und im Anschluß daran haben die Auszubildenden ein IHK-Diplom, das in Deutschland anerkannt ist, das in Tschechien anerkannt ist, dadurch daß wir auch den tschechischen DIS haben, das ist ein tschechisches Diplom, und darüberhinaus in der ganzen Welt bei deutschen Unternehmen anerkannt ist."

Neben diesen Ausbildungsangeboten betreut die Kammer auch einige konkrete Kooperationsprojekte mit den Bundesländern Bayern, Thüringen und Sachsen im Umweltbereich und zur Förderung von Klein- und Mittelbetrieben, mit denen unter anderem die Absicht verfolgt wird, die EU-Osterweiterung reibungsloser und für beide Seiten vorteilhafter zu machen.

Zur Unterstützung ihrer Arbeit gibt die Kammer eine Reihe von Publikationen heraus. Die alle zwei Monate erscheinende Mitgliederzeitschrift "Plus" informiert mit Beiträgen in deutscher und tschechischer Sprache über bilateral interessante wirtschaftliche Themen sowie über Rechtsänderungen oder aktuelle Entwicklungen. Daneben findet man unter den Publikationen zum Beispiel Leitfäden zur tschechischen Wirtschaft, zum tschechischen Arbeitsrecht, zum Zollrecht, zur Gründung von Unternehmen oder auch Übersetzungen tschechischer Gesetzestexte.

Zu den Mitgliedern der Kammer zählen die wichtigsten deutschen Investoren in Tschechien, aber auch zahlreiche namhafte tschechische Unternehmen.

"Wir sind hier vor Ort als bilaterale Organisation, das heißt, was bei uns im Mittelpunkt steht, ist der deutsch-tschechische Wirtschaftsaustausch und das geht natürlich in beide Richtungen. Das heißt zum Beispiel auch, daß unser Vorstand gemischt ist, die Hälfte sind Tschechen, die Hälfte sind Deutsche. Auch da ist es so, daß wir schon darauf achten, daß es ein Gleichgewicht gibt zwischen beiden Seiten. Es gibt sehr viele tschechische Unternehmen, die nach Deutschland liefern. Deutschland ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner und natürlich sind dadurch auch tschechische Unternehmen für uns genauso wichtig wie deutsche Unternehmen."

Viele Mitgliedsfirmen sind Exportunternehmen und Herr Schäfer verweist in diesem Zusammenhang auf die interessante Tatsache, daß man sowohl bei den Exporten als auch bei den Importen zwischen Tschechien und Deutschland eine ähnliche Warenstruktur vorfindet:

"In beiden Fällen dominieren die Bereiche Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahrzeugbau, Metallindustrie, d. h. eigentlich all diese klassischen Bereiche, Maschinen und Kfz- und Zulieferbetriebe sind hier vertreten . Wir sehen, daß es da bei der Struktur keine großen Unterschiede gibt, d. h. Tschechien ist eng eingebunden in Produktionsabläufe, in Produktionsstrukturen zwischen Deutschland und Tschechien und sehr viele Produkte wechseln mit den ganzen Vorprodukten mit der Endfertigung, mit der Endabnahme öfters die Grenzen zwischen Deutschland und Tschechien."

Natürlich interessiert auch die Einschätzung der Kammer zur derzeitigen Wirtschaftslage in der Tschechischen Republik und in Deutschland.

"Wir hatten eigentlich recht gute Aussichten auch fürs laufende Jahr gehabt, haben aber dann leider sehen müssen, daß sich die Prognosen doch nicht so positiv entwickelt hatten, wie es am Anfang der Fall zu sein schien und zwar kam es einmal dadurch zustande, daß in Deutschland die Wirtschaft nicht wieder Fuß gefaßt hatte, dann ist die Krone sehr stark geworden, was die Exportwirtschaft natürlich stört und dann kam jetzt noch ganz aktuell die Flut hinzu. "

Das derzeitige Investitionsklima für deutsche Firmen in Tschechien beurteilt Herr Schäfer insgesamt positiv, wenn er auch differenziert:

"Da muß man unterscheiden zwischen den verschiedenen Branchen. Also wir sehen natürlich, daß durch die immer stärker werdenden Löhne es für sehr lohn- und arbeitsintensive Branchen weniger attraktiv wird, in Tschechien zu investieren. Was sich weiterhin lohnt, sind Bereiche, in denen Ingenieurwissen gefragt ist, Bereiche, die zwar weiterhin arbeitsintensiv sind, aber trotzdem auch ein gewisses Know-how erfordern. "

Die Kammer sieht keine reale Gefahr einer zu großen wirtschaftlichen Abhängigkeit Tschechiens von Deutschland:

"Wir sehen ja, daß die Herkunft der Investoren recht breit gefächert ist. Deutschland ist mit etwa 25% gut vertreten, aber das heißt immer noch, es gibt 75 % aus anderen Ländern. Und wer als Investor hierher kommt, egal woher, dem geht es natürlich darum, daß das Unternehmen gut läuft und er sieht sich nicht als Vertreter eines Landes an, sondern als ein Vertreter eines Unternehmens an, das vernünftig arbeiten will, das gute Produkte haben will, das vernünftige Preise haben will, das gut qualifizierte und zufriedene Mitarbeiter haben will. Auch da sehen wir, daß die Chancen bei weitem überwiegen, denn deutsche Investoren oder allgemein Investoren aus der ganzen Welt führen dazu, daß in Tschechien neue Arbeitsplätze entstehen, daß in Tschechien neue Möglichkeiten entstehen für Arbeitnehmer, gute Stellen zu finden, sich weiter zu qualifizieren, attraktive Karrieremöglichkeiten in Anspruch zu nehmen und es führt auch dazu, daß die Wirtschaft insgesamt leistungsfähiger wird."

Im Katalog der noch offenen Wünsche an die Politik benennt Herr Schäfer von der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer die Reform des Rechtssystems, aber vor allem die Umsetzung der Gesetze durch die Administration und die Durchsetzung von Gerichtsurteilen, wenngleich er einräumt, daß schon viele Fortschritte gemacht worden sind - nicht zuletzt im Hinblick auf den von der Wirtschaft natürlich mir großer Mehrheit unterstützten EU-Beitritt Tschechiens.

Damit sind wir am Ende des heutigen Wirtschaftsmagazines. Aus Prag sagt Ihnen "Na shledanou" Jürgen Siebeck.

25-09-2002