Die Prager Zeitung

07-05-2003

Viele Deutschsprachige in Prag und Tschechien zählen zu den regelmäßigen Lesern der wöchentlich erscheinenden "Prager Zeitung". Aber auch über die Tschechische Republik hinaus findet das Blatt interessierte Abnehmer. 1992 gegründet, knüpft die "Prager Zeitung" an die große journalistische Tradition der deutschsprachigen Zeitungen in Prag vor der Okkupation und dem Zweiten Weltkrieg an. Vom stellvertretenden Chefredakteur, Dr. Ewald Trojanský, werden wir in der heutigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Näheres über die wirtschaftlichen Hintergründe der "Prager Zeitung", ihre Leserschaft, ihre aktuelle und künftige Positionierung im Markt erfahren. Dazu begrüßt Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer am Mikrofon in Prag, Jürgen Siebeck.

"Heute sehen wir uns als Zeitung, die Leser in Tschechien, in der Slowakei, in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich darüber informiert, was in den Nachbarländern und in Tschechien und Polen und in der Slowakei vor sich geht."

Prager ZeitungPrager Zeitung So beschreibt der stellvertretende Chefredakteur Dr. Ewald Trojanský die inhaltliche Ausrichtung der "Prager Zeitung". Zielgruppen des Wochenblattes seien: Erstens, Menschen aus deutschsprachigen Ländern, vor allem Manager, Investoren, Führungskräfte, die jetzt in Tschechien oder der Slowakei leben und der hiesigen Landessprache nicht so mächtig seien, aber auf Informationen über ihre neue Umgebung angewiesen seien. Zweitens, deutschsprachige Tschechen und Slowaken, die die deutsche Sicht über Vorgänge in ihrem Land kennen lernen möchten. Drittens, Leser in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die ein spezielles Interesse an Tschechien und der Slowakei hätten und denen das etwas spärliche Informationsangebot ihrer heimischen Zeitungen nicht ausreiche. Und Viertens, die Touristen, die praktische Tipps oder zusätzliche Informationen über Land und Leute haben wollten.

"Wir haben 20 000 Druckauflage. Davon sind etwa 12-15 000 verkaufte Auflage und, soweit ich weiß, 5 000 verbreitete Exemplare in Airlines, in Fernzügen etc, die dort ausliegen."

Dr. Trojanský schätzt, dass etwa die Hälfte in Tschechien verkauft wird und die andere Hälfte im Ausland ihre Leser findet. Der Vertrieb laufe über mehrere Kanäle - je nach Absatzland unterschiedlich organisiert.

Man sehe sich überhaupt nicht als Konkurrenz zur "Landeszeitung", dem Organ der im Lande verbliebenen deutschsprachigen Minderheit.

"Die 'Landeszeitung' lag uns ja früher als Beilage bei. Man hat sich irgendwann einmal in beiderseitigem gütlichem Einvernehmen getrennt, weil die beiden Konzepte der Zeitungen letztendlich nicht miteinander vereinbar waren. Die Landeszeitung hat eine Zeitung gemacht, die auf die Interessen der deutschen Minderheit in Tschechien ausgerichtet ist. Das ist aber eine Thematik, die unsere Leser allenfalls einmal alle zwei, drei Monate interessiert, als ein Thema unter anderen. Ein deutscher Investor, der hier ist und der sich über Wirtschaftsnachrichten informieren will, für den sind die Belange der deutschen Minderheit hier verzichtbare Information."

Im Vergleich zum englischsprachigen Wochenblatt "Prague Post" wird die Positionierung der "Prager Zeitung" im Markt noch deutlicher:

"Wir haben zwei verschiedene Blickwinkel. Die 'Prague Post' hat einen amerikanischen Blickwinkel und wir haben einen europäischen. Das merken Sie also an der Aufbereitung einiger Themen. Wir bemühen uns Tschechien, Polen, die Slowakei darzustellen im Hinblick auf die EU-Osterweiterung, sehr breiten Raum der Problematik dieser Erweiterung zu geben, auch in den Grenzregionen, sehr viel darauf einzugehen, auf gemeinsame Geschichte. Die 'Prague Post' hat jetzt den großen Vorteil, dass jeder Englisch spricht, auch die Deutschen. Wir haben den Vorteil, dass erstens Deutschland der größte Investor hier in Tschechien ist, dass zweitens sehr viele österreichische Investitionen getätigt werden in Tschechien und der Slowakei, und dass drittens auch die Schweizer hier präsent sind vor Ort. Wir haben den großen Vorteil, dass wir Grenzregionen haben, in denen die Leute ein natürliches Interesse daran haben, was jenseits der Grenze passiert. Dass heißt, wir können ganz stark auch in Österreich, ganz stark auch in Deutschland unsere Zeitung verkaufen."

Ähnliches gelte für die "Prague Post" nicht, die zudem nur auf Tschechien fixiert sei, weil es in der Slowakei, in Ungarn und in Polen bereits englischsprachige Konkurrenzblätter gebe und diese zudem in Prag, Warschau und Budapest noch das englischsprachige "Business Journal" als Mitwettbewerber hätten.

"Im Raum Polen, Tschechien, Slowakei, Österreich, Schweiz und Deutschland selbst haben wir quasi eine Monopolstellung, was deutschsprachige Leserschaft angeht, die aus europäischem Blickwinkel mit Hinsicht auf die EU-Erweiterung über diese Länder informiert werden will. Beispielsweise: was ist die Haltung dieser Länder zu einer neuen EU-Verfassung, die Frage des Euro, die Frage der Immigration, illegale Immigration, die Frage der Arbeitserlaubnis. Auf diese Probleme gehen wir natürlich sehr viel stärker ein."

Zur Zeit arbeite man daran, noch deutlicher dem Anspruch "Wochenjournal aus der Mitte Europas" gerecht zu werden, der mit dem Untertitel der "Prager Zeitung" erhoben wird. Man habe sich in der Slowakei etabliert mit eigenen Korrespondenten und werde dort auch gut gekauft.

"Als nächsten Schritt wollen wir Polen mit ins Blatt nehmen. Die Erweiterung des Marktsegmentes ist sehr signifikant, wenn Sie Polen dazunehmen. Wir werden das Berichtsgebiet Mitteleuropa, Polen, Tschechien, Slowakei, haben."

Etwa 25 Mitarbeiter beschäftigt die "Prager Zeitung". Sie ist im Besitz der Prago-Media GmbH, deren Mehrheitsgesellschafter ein bayerischer Verleger ist. Ab und an verknüpft man hier in Tschechien die Tatsache, dass die hiesigen Pressemedien zu einem großen Teil im Besitz von deutschsprachigen Verlagen seien, mit der Befürchtung, damit sei auch eine inhaltliche Einflussnahme der Deutschen vorgegeben. Dies hält Dr. Trojanský für unbegründet:

"Das stimmt einfach nicht. Das ist für die ein Investment und das Investment muss Gewinn abwerfen. Und von daher gesehen, glaube ich, dass niemand hier sozusagen deutsche Ideologie verbreitet, weil ihm das dann die Auflage runterhaut und er zuzahlt. Und die Verlage in Deutschland haben, weiß Gott, nichts mehr zu verschenken im Moment."

Auch die "Prager Zeitung" ist ein Wirtschaftsunternehmen, das Gewinne erwirtschaften muss und keine öffentlichen Subventionen erhält. Eine wesentliche Einnahmequelle sind die Anzeigen. Die Anzeigenkunden sind sowohl deutsche Firmen, die in Tschechien werben wollen, aber auch tschechische Unternehmen, die ihre Produkte oder Angebote speziell den deutschsprachigen Lesern vorstellen möchten.

"Das Anzeigenaufkommen entwickelt sich sehr positiv. Wir hatten im Gegensatz zu jedem anderen deutschsprachigem Presseprodukt im letzten Jahr zweistellige Zuwächse. Wir streben sehr deutliche zweistellige Zuwächse in diesem Jahr an."

Themenbeilagen böten die Verknüpfung von Leserinformationen und PR und damit eine gute Möglichkeit, zusätzliches Anzeigenaufkommen zu erzielen, wenngleich dieser Aspekt nicht immer im Vordergrund stünde. Aber auch Beiprodukte, die sich aus der regulären und regelmäßig aktualisierten Informationsbeschaffung für die Zeitung ergäben, wie zum Beispiel ein Führer der tschechischen IT-Branche, seien für den Verlag wirtschaftlich interessant.

Selbstverständlich ist die "Prager Zeitung" im Internet vertreten. Auch dieses müsse sich wirtschaftlich durch Werbeeinnahmen selbst tragen. Man betrachte den Internetauftritt zunächst einmal als Marketing für die Druckausgabe, will ihn aber in Zukunft noch erweitern.

Leserumfragen hätten ergeben, dass die Leserschaft eher zu den oberen Einkommensstufen zähle, was einen im Vergleich zu tschechischen Zeitungen höheren Preis ermögliche.

"Unsere Situation ist die, dass wir ein Nischenprodukt sind. Und diese Nische hat Konjunktur, bedingt durch die EU-Osterweiterung und das ist unser Vorteil. Was die tschechischen Zeitungen angeht, haben sie natürlich einen massiven und äußerst scharfen Konkurrenzkampf. Die tschechischen Zeitungen haben ganz massiv Probleme, sich zu verkaufen - nicht etwa, weil sie schlecht gemacht sind, sondern schlicht und einfach, weil die Lage der privaten Haushalte angespannt ist."

Viele Leser in Tschechien müssten sich jeden Tag neu entscheiden, ob sie das Geld für eine Zeitung ausgeben könnten. Gratiszeitungen, wie die in der Prager U-Bahn verteilte "Metro" und die Medienkonkurrenz durch Radio und Fernsehen würden zudem den Markt für die heimische Tagespresse noch verschärfen. Für die "Prager Zeitung" gelte jedoch:

"Die Zeitung ist konsolidiert sowohl im personellen Bereich als auch im finanziellen Bereich. Allerdings: zuviel Optimismus schadet. Man tut immer gut daran, das eigene Produkt kritisch zu begutachten und zu überlegen, was man daran noch verbessern kann. Man muss jede Woche neu optimieren, dann hat man eine gute Chance."

Damit sind wir am Ende des heutigen Wirtschaftsmagazins. Mit einem Dank an den stellvertretenden Chefredakteur der "Prager Zeitung", Dr. Ewald Trojanský, und an Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, verabschiedet sich in Prag Jürgen Siebeck.

07-05-2003