Diplomatie zur Förderung des Exports

09-10-2002

Diplomatischen Vertretungen eines Landes haben immer auch die Aufgabe die eigene Exportwirtschaft zu fördern. In der heutigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazines von Radio Prag möchten wir Ihnen die Arbeit der Wirtschaftsabteilung der Botschaft der Tschechischen Republik in Berlin vorstellen und Sie werden erfahren, wie man dort die Wirtschaftsbeziehungen Tschechiens zu Deutschland einschätzt. Dazu begrüßt Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, Jürgen Siebeck.

Die wichtigsten Arbeitsbereiche der Handels- und Wirtschaftsabteilung der Tschechischen Botschaft in Deutschland beschreibt ihr Leiter, Herr Handelsrat Ladislav áral, wie folgt:

"Die Hauptaufgaben sind die Präsentation der Tschechischen Republik als industrielles, entwickeltes und zuverlässiges Partnerland, dann selbstverständlich die Information der staatlichen Organe, aber besonders der Firmen über die Wirtschafts- und Absatzlage in der Bundesrepublik Deutschland, die Beratung der Firmen, Lobbying für die Firmen, die Organisation und Beteiligung unserer Firmen an den wichtigen Messen."

So fördere zum Beispiel die tschechische Regierung die Präsentation tschechischer Firmen bei 17 wichtigen Branchenmessen in Deutschland, indem man die Kosten der Standflächen übernähme und sich auch an anderen Kosten beteilige.

"Selbstverständlich ist es auch unsere Aufgabe, daß wir bei der Vorbereitung und auch im Laufe der Messe dabei sind, daß wir den Firmen behilflich sind mit Informationen, mit Kontakten. Wir organisieren manchmal auch Workshops bei diesen Messen für unsere Firmen."

Die Handels- und Wirtschaftsabteilung der Botschaft versteht sich also als Vermittler wirtschaftlicher Kontakte nicht nur zwischen den Staaten oder einzelnen Regionen, sondern vor allem zwischen Firmen - insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen. Handelsrat áral berichtet, daß man Veranstaltungen zur Exportförderung im Botschaftsgebäude selbst durchführen könne.

"Unsere Botschaft wurde für 150 Mitarbeiter eingerichtet und die Flächen sind da, einschließlich Kinosaal für 200 Leute. Also wir haben hier zum Beispiel vor zwei Wochen ein Seminar organisiert, bei dem der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses des Senates der Tschechischen Republik anwesend war und auch der Generalsekretär der Handelskammer der Tschechischen Republik unsererseits und ihrerseits auch die Partner."

Am Vormittag seien ein Seminar und zwei Workshops - einer für deutsche, einer für tschechische Firmen - über die Rahmenbedingungen für Geschäfte und Investitionen durchgeführt worden. Nachmittags wurde dann eine Kooperationsbörse für 25 tschechische und 16 deutsche Firmen organisiert, die gemeinsam über Möglichkeiten der konkreten geschäftlichen Zusammenarbeit verhandelt haben.

"Zum Beispiel am 15. Oktober organisieren wir jetzt in Zusammenarbeit mit der Handelskammer Schwerin so ein Seminar und im Dezember bereiten wir ein Investitionsforum vor."

Zusätzlich müssen die Einzelanfragen tschechischer oder auch deutscher Unternehmen bearbeitet werden. Pro Tag gehen in der Botschaft etwa 20 Anfragen zur Firmenkooperation sowie zu den rechtlichen oder ökonomischen Rahmenbedingungen der Absatzmärkte ein.

Eine spezifische Aufgabe des Handelsrates in der Botschaft ist auch die Koordinierung der Arbeiten der nachgeordneten Außenstellen:

"Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland vier handelsökonomische Abteilungen in Dresden, München, Bonn und Berlin."

Die Zusammenarbeit in der Exportförderung mit den für das Industrie- und Handelsministerium tätigen Agenturen CzechTrade in Köln bzw. CzechInvest sowie mit den drei Tschechischen Zentren in Deutschland wird auch von der Botschaft koordiniert.

Überhaupt sei die Exportförderung in den letzten Jahren zu einer Priorität der tschechischen Regierung geworden. Zunächst habe man die Rolle der Tschechischen Nationalbank und der EGAP gestärkt, einer Art Kreditgarantieversicherung, ähnlich der Hermes Versicherung in Deutschland. Zudem habe man in den letzten drei Jahren das Personal der Handels- und Wirtschaftsabteilungen in den Botschaften insgesamt um 40 Mitarbeiter aufgestockt. Diese kommen vorwiegend als Experten, nicht aus dem Außenministerium, sondern aus dem Ministerium für Industrie und Handel. Die Gründung der Agenturen CzechInvest und CzechTrade waren weitere erfolgreiche Maßnahmen.

"CzechInvest für Investitionen und CzechTrade für die Förderung gerade der Exporttätigkeit kleiner und mittlerer Firmen. CzechTrade hat ungefähr 80 Mitarbeiter. Das ist momentan schon eine entsprechend große Organisation, die im Ausland jetzt fast 20 Kanzleien hat."

Die Arbeit von CzechTrade sei praxisbezogen und an den realen Bedürfnissen der tschechischen Unternehmen orientiert. Natürlich sei auch der tschechische Verband der Industrie- und Transportunternehmen SPAD, ähnlich dem BDI in Deutschland, ein wichtiger Partner der Botschaft. Handelsrat áral würde sogar ein noch stärkeres Engagement der Verbände der privaten Unternehmen im Außenhandel begrüßen. Die Organisation der Kammern in Deutschland und Österreich und auch die dortigen Formen der Zusammenarbeit von Unternehmen zur Pflege von Exportmärkten seien als Vorbild anzusehen.

Zur allgemeinen und aktuellen Situation der Außenhandelsbeziehungen zwischen Tschechien und Deutschland stellt Handelsrat áral zunächst erfreut fest:

"Die Beziehungen zwischen der Tschechischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland sind schon traditionell sehr stabil und Deutschland ist unser Hauptpartner - das ist schon allgemein bekannt - und zwar mit einem Anteil von ungefähr 35 % an unserem Außenhandel."

Da die Exporte nach Deutschland prozentual höher liegen als die Importe aus Deutschland, habe man hier einen für die tschechische Wirtschaft und Außenhandelsbilanz günstigen Aktivsaldo.

"Mich freut, daß die tschechische Republik in diesem Jahr zum ersten Mal größter Handelspartner der Bundesrepublik Deutschland von den mittel- und osteuropäischen Ländern ist. Wir haben Polen überholt, das Land, das bis jetzt immer der größte Partner Deutschlands war."

Aber Handelsrat áral weist auch auf die aktuell absehbare, geringfügige Abschwächung des Exportes nach Deutschland hin infolge der Rezessionstendenzen in Deutschland, der Flutkatastrophe in beiden Ländern und des hohen Wechselkurses der Tschechischen Krone.

"Das Volumen wird in diesem Jahr wahrscheinlich um ein halbes Prozent oder maximal um dreiviertel Prozent niedriger sein."

Es sei deutlich, daß mehr und mehr hochwertige Verarbeitungsgüter in beide Richtungen exportiert würden. Gewisse Absatzprobleme gebe es in den Branchen Textilien, Glaswaren, Lebensmittel und möglicherweise auch im PKW-Export. Dies sei weitgehend auf die abgeschwächte Inlandsnachfrage in Deutschland zurückzuführen.

Die tschechische Industrie müsse ihre Anstrengungen fortsetzen, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen und auch andere organisatorische Maßnahmen müssten fortgeführt werden, um für den bevorstehenden härter werdenden Wettbewerb nach einem EU-Beitritt vorbereitet zu sein.

Das hohe Maß an Auslandsinvestitionen - pro Jahr etwa 5-6 Milliarden Dollar - spiegele andererseits das Vertrauen des Auslandes in die wirtschaftliche Entwicklung Tschechiens wider. Angesichts der Steigerungen des Bruttoinlandproduktes, der politischen und sozialen Stabilität und der qualifizierten Arbeitskräfte sei das auch weiterhin gerechtfertigt.

Die Auslandsinvestitionen Deutschlands und anderer Länder bedeuteten keine Gefahr einer wirtschaftlichen Abhängigkeit und diese Furcht werde in Tschechien auch kaum noch von seriösen Leuten geäußert.

"Im Gegenteil, es ist geschätzt als eine Förderung unserer Transformation. Wie positiv hat sich der Anteil von Volkswagen in Skoda-Auto entwickelt, wo man statt 100.000 Autos jetzt schon fast 500.000 produziert und selbstverständlich hat das Arbeit für die Region gebracht."

Nach Meinung von Handelsrat áral bedarf die Verkehrsinfrastruktur dringend der Verbesserung zur Förderung des bilateralen Warenaustausches. Das beziehe sich sowohl auf die Fertigstellung der Autobahn Prag-Dresden und Pilsen-Nürnberg, als auch auf die Eisenbahn. Aus ökologischer Sicht sei der Ausbau der Elbe als Verkehrsträger ebenfalls sehr sinnvoll und vorrangig.

Damit endet unser Ausflug nach Berlin, in die Diplomatie und die Exportförderung und am Ende des heutigen Wirtschaftsmagazines verabschiedet sich Jürgen Siebeck.

09-10-2002