Dorotheum - Marktplatz für Kunst und Antiquitäten

21-05-2003

Österreicher kennen das Dorotheum als eines der ältesten Auktionshäuser der Welt für Kunst und Antiquitäten. 1707 wurde es durch Kaiser Joseph I. in Wien als Pfandleihhaus gegründet. Seit 1992 gibt es auch in Prag eine Filiale des Dorotheums. Mittlerweile hat sich das Gebäude in der Nähe des Ständetheaters, also mitten in der Altstadt, zu einer der besten Adressen in Tschechien für Kunstsammler und Liebhaber von Antiquitäten entwickelt. In der heutigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazines möchten wir Ihnen das Dorotheum Prag mit Hilfe seiner geschäftsführenden Direktorin Dr. Mária Gálová vorstellen. Dazu begrüsst Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, am Mikrofon in Prag sehr herzlich Jürgen Siebeck.

"Die Hauptgründe für die Eröffnung der Filiale in Prag waren die engen Verbindungen zwischen Österreich und Tschechien, die gemeinsame Geschichte und auch die sehr ähnliche Einstellung der Menschen zur Kunst und zu Antiquitäten. Prag war immer ein Zentrum der Kunst und bot von daher interessante Möglichkeiten nach der Samtenen Revolution den Kunstmarkt zu entwickeln, auch wenn es anfangs hier noch kaum Erfahrungen mit den Gegebenheiten eines freien Kunstmarktes gab. Daher hat das Dorotheum Prag zu Beginn mit seinen zunächst sehr kleinen Geschäfts- und Büroräumen eigentlich mehr als eine Art Einkaufsstelle für die Wiener Zentrale gedient. Aber das hat sich seit 1997 mit unseren neuen Räumen grundlegend verändert. Unsere Position ist jetzt sehr wichtig und Wien hat uns alle Kompetenzen gegeben, die wir brauchen."

So charakterisiert die Direktorin, Frau Dr. Gálová, die ersten Jahre des Prager Dorotheums. Heute hat man 12 Mitarbeiter, darunter mehrere hochqualifizierte Kunstsachverständige, die Interessierten in Prag aber bei Bedarf auch in anderen Orten Tschechiens zur Verfügung stehen, um Expertisen zu Kunst- oder Antiquitätsobjekten abzugeben. Die wesentlichen Tätigkeiten des Dorotheums in Prag sind:

"Zuerst arrangieren wir die Auktionen. In den letzten Jahren haben wir jeweils vier Auktionen pro Jahr durchgeführt - zwei im Frühjahr, März und Mai, und zwei im Herbst, Oktober und November. Das zweite Standbein ist unsere das ganze Jahr hindurch geöffnete Verkaufsgalerie für Kunstgegenstände und Antiquitäten. Unsere Experten sind immer auf der Suche nach qualitativ hochwertigen Objekten, um so unser Angebot für die Auktionen noch zu verbessern oder den Markt für unsere Verkaufsgalerie zu erweitern. "

Der Umsatz des Unternehmens werde jeweils etwa zur Hälfte durch die Auktionen und durch den Verkauf in der Galerie erzielt. Für die Auktionen kämen nur wenige und vor allem sehr exquisite, ausgewählte und besonders hochwertige Objekte ausschliesslich aus den vier Bereichen, Gemälde, Glas, Porzellan sowie Möbel in Frage. Dagegen sei das Angebot in der Verkaufsgalerie bewusst breiter angelegt und umfasse eigentlich alle gängigen Marktsegmente, also zum Beispiel zusätzlich auch Schmuck.

Eine besondere Spezialisierung auf eine bestimmte Zeitepoche oder Stilrichtung der Kunst habe man bei den Auktionen bisher nicht vorgenommen. Aber dies sei in der Zukunft durchaus vorstellbar. Im Angebot herrschen Objekte tschechischer oder, etwas weiter gefasst, mitteleuropäischer Provenienz vor, denn das sei nach Frau Dr. Gálová das, wonach die tschechischen Kunden im Dorotheum suchen würden.

"Etwa 70% der Kunden kommen aus Tschechien und circa 30% sind Ausländer. Dies gilt für die Auktionen. Die ausländischen Kunden kommen aus der ganzen Welt, aber die Deutschsprachigen stellen mit über zwei Dritteln der Ausländer den grössten Anteil. In der Verkaufsgalerie bilden die Touristen etwa 40% der Kundschaft. Aber auch hier liegen die Tschechen deutlich vorn, und zwar nicht als Laufkundschaft, sondern als Stammkunden. Wir legen sowohl in unserer Akquisition als auch im Verkauf grossen Wert auf ein stabiles, zum Teil schon langjähriges Vertrauensverhältnis zwischen unseren Kunden und dem Dorotheum, unsere fachliche Reputation und unseren Service. So gibt es zum Beispiel auch keinerlei Verpflichtung für Interessenten, die bei unseren Fachleuten eine Expertise haben anfertigen lassen, die begutachteten Dinge nur über unser Haus zum Kauf anzubieten."

Der hohe Anteil an tschechische Kunden mag etwas überraschen: Natürlich sind Antiquitäten oder Kunstgegenstände keine Verkaufsobjekte für jedermann - nicht nur vom Preis her, sondern auch von der geistigen Beziehung zu dieser Welt der schönen Dinge. Aber es gibt auch hier im Lande offenbar genügend Leute, die sich gerne ihre Umgebung mit solchen Objekten verschönern möchten. Das sind nicht nur die Wohlhabenden, die es auch in Prag und Tschechien gibt, sondern auch einfach Kunstliebhaber, die sich an den erworbenen Kulturgütern erfreuen können. Vielleicht lässt sich sogar sagen, dass es von den Letzteren im Vergleich zu anderen Ländern besonders viele in Prag und Tschechien gibt. Jedenfalls kann man nach Frau Dr. Gálová feststellen, dass sich der Markt nicht nur umsatzmässig vergrössert, sondern in den letzten Jahren auch qualitativ verändert hat. Während unmittelbar nach der politischen Wende so ziemlich alles ge- und verkauft wurde, sei heute im Käufermarkt eindeutig ein Trend für die höherwertigen Objekte und für die etwas aus dem üblichen Rahmen fallenden Dinge erkennbar.

"Andererseits sind die Leute, die Kunst verkaufen, meist Menschen in keiner guten wirtschaftlichen Situation, häufig aus heute niedrigeren sozialen Schichten oder alte Menschen, die sich von traditionellen, oft mit emotionellen Beziehungen verbundenen Gegenständen aus dem Besitz ihrer Familien trennen müssen."

Aber neben diesen philosophisch-moralischen Überlegungen, die weltweit mit dem Kunst- und Antiquitätenmarkt verknüpft sind, erschweren sehr konkrete Probleme im Export die tägliche Arbeit des Dorotheums. Frau Dr. Gálová ist der Überzeugung, dass die Bedeutung der tschechischen Kunst und Kultur weltweit nur dann richtig wahrgenommen werde, wenn auch das Ausland entsprechende Objekte kaufen könne. Es sei eine schwierige Balance zu meistern zwischen der Gefahr eines gewissen "Provinzialismus" im heimischen Kunstmarkt und einem möglichen "Ausverkauf" des nationalen Kulturerbes.

"Das Hauptproblem ist, dass es keine klaren und transparenten Regeln gibt, welche Objekte man exportieren kann und welche nicht. Es ist zum Beispiel nicht eine Frage des Alters eines Gegenstandes, sondern viel häufiger abhängig vom Motiv oder Thema des Objektes. So ist zum Beispiel erstaunlicherweise fast alles Religiös-Spirituelle als nationales Kulturerbe einer Art von Ausfuhrembargo unterworfen. Hier ist die Situation für uns halbwegs klar und wir können potentielle Kunden warnen. Aber es gibt auch die überraschenden und für uns sehr unangenehmen Fälle, in denen nach einem Kauf zunächst die National Galerie und später auch das Kulturministerium die Ausfuhrgenehmigung verweigert, ohne dass uns die Gründe einsichtig sind."

Hier werde wahrscheinlich der bevorstehende EU-Beitritt Tschechiens zu mehr Offenheit, zumindest aber zu mehr Transparenz der Regeln führen. Es werde dabei nicht zu einem "Ausverkauf" des nationalen Kulturerbes kommen, sondern zu einem grösseren Angebot, mehr Auswahl und zu mehr Wettbewerb auf dem Markt. Dem sehe das Dorotheum Prag gelassen entgegen:

"Wir sind eines der drei besten und erfolgreichsten Auktionshäuser hier in Tschechien. Unsere Position ist sehr stabil und unsere Zukunftsaussichten sind trotz der derzeitigen allgemein wirtschaftlichen Krisenstimmung positiv."

Die starke Position des Unternehmens wird nicht zuletzt daran deutlich, dass der höchste je in Tschechien getätigte Auktionspreis im Dorotheum erzielt wurde. Bei der Märzauktion in diesem Jahr gab es den Zuschlag für ein Gemälde aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erst bei der Rekordsumme von 6 Millionen Kronen oder etwa 200 000 Euro. Der Eingangspreis wurde dabei um das Zwölffache überboten. Aber wer weiss, vielleicht bringt die bevorstehende Mai-Auktion in dieser Woche ja sogar einen neuen Rekord. Wenn Sie mitbieten wollen, müssen Sie schon nach Prag kommen, denn online kann man leider aufgrund der jetzigen tschechischen Gesetzeslage noch nicht mitbieten - trotz des guten Internetauftrittes des Dorotheums.

Damit sind wir am Ende des heutigen Wirtschaftsmagazines. Aus der Welt des Kunst- und Antiquitätenmarktes in Prag verabschiedet sich von Ihnen mit einem Dank für Ihre Aufmerksamkeit Jürgen Siebeck.

21-05-2003