Energieoptimierte Umrüstung des Prager Nationaltheaters zahlt sich aus

23-12-2009

In Tschechien gibt es einen neuen Trend: das Energiesparhaus. In Deutschland können solche Gebäude im Zuge der neuen Energieeinsparverordnung (EnEV) seit Oktober auch das Label eines so genannten „Effizienzhauses“ erhalten. Nahezu parallel zum Beginn der neuen Heizsaison ist hierzulande auch der Tschechische Rat für Energiesparhäuser entstanden.

Energieeinsparverordnung, Effizienzhaus, Tschechischer Rat für Energiesparhäuser – das sind jede Menge neuer Fachbegriffe, mit denen so manch „Otto Normalverbraucher“ noch nichts so recht anzufangen weiß. Petr Vogel, der Vizevorsitzende des Rates erklärt, was sich hinter dieser Organisation verbirgt:

„Der Tschechische Rat für Energiesparhäuser ist eine Non-Profit-Organisation, die Mitte September dieses Jahres gegründet wurde. Der Rat unterstützt den Bau von energieoptimierten Zukunftshäusern. Wir wollen erreichen, dass die Errichtung solcher Energiesparhäuser zu einem Standard wird und damit kein Ausnahmefall auf dem Immobilienmarkt bleibt.“

Neu erbaute wie auch rekonstruierte Häuser müssen nunmehr auch in Tschechien den Nachweis erbringen, kein energieintensives Bauwerk zu sein. Bei Einhaltung strenger Auflagen erhalten sie dafür ein entsprechendes Zertifikat. Der Rat für Energiesparhäuser will mit seiner Tätigkeit jedoch eine noch komplexere Bewertung der umweltschonenden Gebäude ermöglichen:

„Das Zertifikat regelt lediglich den Energieverbrauch eines Gebäudes. Wir legen jedoch Wert auf den gesamten Prozess der Gebäudeplanung, angefangen von der Entwurfsplanung bis hin zur Überwachung des technischen Betriebs im Gebäude. Das heißt, die umweltverträgliche Errichtung eines Gebäudes verstehen wir in einem breiteren Kontext, in dem wir mehrere Faktoren genauer unter die Lupe nehmen. Dazu zählen zum Beispiel die beim Bau verwendeten Materialien, die Wasserwirtschaft, die Abfallbeseitigung und anderes mehr“, sagt Petr Vogel.

Petr VogelPetr Vogel Unter Berücksichtigung all dieser Gesichtspunkte hat gerade das Prager Nationaltheater unlängst seine umfangreiche Rekonstruktion abgeschlossen. Die technische Umrüstung des traditionsreichen Gebäudes war einerseits eine hohe Investition, die sich anderseits aber auszahlt. Der stellvertretende technische Betriebsdirektor des Nationaltheaters, Miroslav Růžička, rechnet vor:

„Dazu gibt es diese Zahlen: Die Umrüstung hat nahezu 40 Millionen Kronen gekostet. Die Energieeinsparungen wiederum liegen bei etwas über 6,2 Millionen Kronen jährlich.“

Mit den baulichen Veränderungen zum Zwecke der Energieeinsparung ist das Nationaltheater bereits jetzt auf einem guten Weg, versichert Růžička:

„Die vertraglich vereinbarte Rückflussdauer des gesamten Projektes wurde auf zehn Jahre festgelegt. Gegenwärtig aber sieht es ganz danach aus, als wenn wir die Investitionskosten bereits früher begleichen könnten. Das liegt daran, dass unsere jährliche Energieeinsparung um zwei Millionen Kronen höher ist, als im Projekt geplant. Das heißt, anstatt der berechneten 4,2 Millionen Kronen sparen wir jährlich die besagten 6,2 Millionen Kronen an Energiekosten ein.“

Die eingesparten Energiekosten sind in der Tat identisch mit der jährlichen Rückzahlrate, die das Nationaltheater gegenüber seinem Vertragspartner erbringen muss. Miroslav Růžička über das Vertragsmodell:

„Die Zahlungsrate für das Projekt ist gleichzeitig die garantierte Energieeinsparung. Das heißt, der private Investor garantiert uns die Energieeinsparung. Das Ganze läuft so ab: Im Jahr null, als die Umrüstung beendet wurde, hatten wir einen Betrag X für unsere jährlichen Energiekosten. Im ersten Jahr nach Inbetriebnahme der neuen Betriebstechnik werden die Energiekosten um den garantierten Betrag gesenkt, der wiederum zur Tilgung unserer Schulden herangezogen wird.“

Ein interessantes Modell, finden Sie nicht? Für die Verantwortlichen des Prager Nationaltheaters ist es das auf jeden Fall. Und deshalb wollen sie ihre Erfahrungen im Rahmen des Projektes „Šetrná divadlo“ (Sparsames Theater) jetzt auch gern an andere kulturelle Einrichtungen des Landes weitergeben:

„Wir wollen das deshalb tun, weil wir der Meinung sind, dass wir auch etwas vorweisen können. Wir haben seit dem Jahr 2003 den komplizierten Prozess hinter uns gebracht, wie man ein solches Projekt überhaupt realisieren kann. Von daher glauben wir, dass wir dank unserer Erfahrungen anderen den Weg dahin aufzeigen und ihnen die Arbeit erleichtern können“, sagt Růžička.

In den Spuren des Nationaltheaters bewegt sich bereits das Prager Ständetheater, das eine ähnliche Rekonstruktion noch in diesem Jahr abschließen wird. Im nächsten Jahr will das Nationaltheater ein weiteres seiner Gebäude unweit der Karlsbrücke in punkto Energieeinsparung optimieren.

Mit seinen Erfahrungen bringt sich das Nationaltheater jetzt ebenso als strategischer Partner der Firmen ein, die im Tschechischen Rat für Energiesparhäuser vereinigt sind. Innerhalb der vier Monate seines Bestehens hat es der Rat schon auf rund 30 Mitglieder gebracht. Ein weiterer strategischer Partner des Rates ist auch die Technische Nationalbibliothek, die Anfang September eröffnet wurde. Sie ist es aus gutem Grund, meint der Ratsvizevorsitzende Petr Vogel:

„Eine häufige Skepsis besteht darin, dass ein Energiesparhaus automatisch eine höhere Investition erfordert. Diesen Mythos kann ich am Beispiel der Technischen Nationalbibliothek widerlegen. Beim Bau der Nationalbibliothek wurden nämlich auch in der Architektur des Gebäudes auf Energieeinsparungen ausgerichtete Prinzipien berücksichtigt. Oder anders ausgedrückt: Allein dank der Architektur wurde ein sehr effektiver Betrieb des Gebäudes erreicht, ohne das eine teuere Technologie installiert werden musste, die oft die höheren Investitionskosten verursacht.“

Sowohl der Rat als auch das Nationaltheater sind überzeugt davon, dass Energiesparhäuser ein Erfolgsmodell der Zukunft sind. Deshalb glaubt man im Theater auch fest daran, dass sie schon bald einige Nachahmer finden werden, so Růžička:

„Es wird ein Interesse dafür geben, denn wir haben ja in diese Richtung bereits einige Kontakte geknüpft. Zum Beispiel verhandeln wird derzeit ganz konkret mit dem Nationalmuseum über dieses Thema.“

Die umweltschonenden Aktivitäten des Nationaltheaters hat übrigens auch die Europäische Union gewürdigt. EU-Energiekommissar Andris Piebalgs hat Vertretern des Theaters zu Beginn des Jahres die Plakette des GreenLight-Programms überreicht.

23-12-2009