Fremdenverkehr stagniert, tschechische Tourismusbranche setzt auf ängerfristige Prognosen

16-07-2003

Haben Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, ihren diesjährigen Sommerurlaub schon hinter sich? Planen Sie noch? Oder empfangen Sie Radio Prag gerade jetzt an Ihrem Ferienort? Wie dem auch sei: Jedem ist wahrscheinlich bekannt, dass Urlaub zu einem guten Teil eine Frage des Budgets ist. Und das gilt nicht nur für die Reisenden selbst, sondern auch für ganze Volkswirtschaften. Über die Rolle des Fremdenverkehrs für die tschechische Ökonomie geht es im nun folgenden Wirtschaftsmagazin von Gerald Schubert.

Wer sich einmal als Tourist von der Schönheit Prags oder anderer Teile der Tschechischen Republik überzeugt hat, wer den kulturellen Reichtum tschechischer Städte und den Reiz vieler Landstriche kennt, dem dürfte intuitiv klar sein, dass sich der Fremdenverkehr hierzulande längst zu einem der bedeutendsten Wirtschaftszweige entwickelt hat. Der Haken an der Sache: Genaue Prognosen über die Marktentwicklung sind gerade im Tourismus kaum möglich, vorausschauendes Kalkulieren ist daher meist mit einem erheblichen Restrisiko verbunden. Denn in der Branche gilt vor allem eines: Tourismus ist eine Angelegenheit, die viel mit Psychologie zu tun hat. Wer reist, will etwas positives erleben. Und da reicht dann oft schon ein verhältnismäßig kleiner Auslöser, um Urlaubspläne umzustoßen oder erst gar nicht entstehen zu lassen.

Prognosen werden aber natürlich dennoch erstellt. Die Tschechische Zentrale für Tourismus etwa rechnet für das Jahr 2003 mit insgesamt 4,8 Millionen ausländischen Gästen, die Firma Mag Consulting, die sich auf Analysen im Fremdenverkehrsbereich spezialisiert hat, mit nur 4,5 Millionen. Egal, was der Realität letztendlich am nächsten kommen wird - eine schwache Aussicht ist dies allemal. Die Zahlen entsprechen etwa denen des Vorjahres. Und das war, vor allem aufgrund der Hochwasserkatastrophe vom August, für den Tourismus besonders schlecht. Als Vorgabe würde sich also eher die Saison 2001 mit 5,2 Millionen Besuchern anbieten. Dass man jedoch im laufenden Jahr an diesen Wert herankommt, das wagen nicht einmal die größten Optimisten zu hoffen.

Worin bestehen also gegenwärtig die Hauptursachen für die anscheinend ungünstige Lage in der tschechischen Fremdenverkehrswirtschaft? Die erwähnte Firma Mag Consulting meint, die momentanen Probleme ließen sich hauptsächlich auf die ökonomische Stagnation in Deutschland zurückführen. Für diese These spricht, dass in Tschechien fast jeder dritte ausländische Tourist aus Deutschland kommt, und eine kollektive Reiseunlust beim westlichen Nachbarn daher gleich empfindlich zu Buche schlagen kann.

Freilich sieht man jedoch hierzulande den Entwicklungen nicht tatenlos zu. Die Zentrale für Tourismus etwa ist eine jener Institutionen, die sich aktiv um die Belebung des Fremdenverkehrs bemüht. Marketingdirektorin Nora Dolanska erklärt:

"Die Tschechische Zentrale für Tourismus ist verantwortlich für Promotion im Ausland. Wir haben zur Zeit 16 ausländische Vertretungen. In Deutschland sind es zwei: eine in Berlin und eine in München. Dorthin kann sich jeder deutsche Tourist wenden. Er kann dort Informationen bekommen, Ratschläge darüber, wohin er fahren kann, und welche Möglichkeiten er hat, bei tschechischen Reisebüros zu buchen. Das machen dann freilich nicht mehr wir, sondern das muss man selbst direkt bei den Reisebüros oder Reiseveranstaltern machen. Aber wir können diesen Kontakt vermitteln."

Und wie schätzt Frau Dolanska die Aussichten des tschechischen Fremdenverkehrs in der unmittelbaren Zukunft ein? In der nächsten Saison, so meint sie, sollte man wieder einen Anstieg verzeichnen können. Für das Jahr 2003 gelte dies jedoch noch nicht:

"Wir schätzen, dass dieses Jahr für uns leider noch ein vorbereitendes Jahr für eine dann ansteigende Tendenz im Tourismus sein wird. Wir erwarten, dass wir ab dem Jahr 2004 die Möglichkeit haben werden, bei uns wieder vermehrt Gäste aus den anderen Mitgliedsländern der Europäischen Union begrüßen zu dürfen, und dass der Tourismus in Europa dann allgemein wieder gestärkt wird. In diesem Jahr schätzen wir, dass die Zahlen im Tourismus sich etwas verringern werden. Nicht nur wegen des Konflikts im Irak, sondern auch wegen der Grippe in Asien. Und wir werden vielleicht auch eine schwierige Position im Zusammenhang mit der tschechischen Währung haben, wegen des Wechselkurses zum Euro und zum Dollar. Dieses Jahr wird für uns, das muss ich sagen, sehr problematisch."

Nora Dolanska hat das Problem des Wechselkurses angesprochen, das nicht nur dem tschechischen Tourismus Sorgen bereitet. Die starke Krone hat sich in letzter Zeit auch auf die Exportökonomie ungünstig ausgewirkt. Das, was auf den ersten Blick als Signal für eine vergleichsweise stabile Wirtschaftslage gedeutet werden kann, bringt überall dort Probleme, wo ausländische Devisen ins Land fließen - oder eben nicht fließen. Für den Fremdenverkehr gilt das natürlich in besonders hohem Maße. Und dies wiederum bleibt auch im größeren volkswirtschaftlichen Kontext nicht ohne Auswirkungen. Denn immerhin machten die Einnahmen in der Tourismusbranche im Vorjahr 4,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus.

 

Die Entwicklung des tschechischen Fremdenverkehrs hat also eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die gesamte Wirtschaft des Landes. Doch dieser Zusammenhang ist freilich ein wechselseitiger, die Einflussnahme funktioniert ebenso in umgekehrter Richtung. Die gegenwärtig von der tschechischen Regierung in Angriff genommene Finanzreform bringt Einsparungen in fast allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung, und auch in der Privatwirtschaft muss der Gürtel künftig wohl vielerorts enger geschnallt werden. Was den Zustrom ausländischer Touristen betrifft, so hat das vielleicht zunächst keine direkten Auswirkungen - indirekte aber sehr wohl. Denn wenn, zumindest in einigen Sektoren, der Erhalt und die Weiterentwicklung der Infrastruktur an Geldmangel leidet, dann könnte das langfristig auch Nachteile für das Angebot im Fremdenverkehr haben.

Ein Beispiel für fehlende Geldmittel betrifft etwa die Instandhaltung von Burgen und Schlössern, sowie den dazugehörigen Betrieb, etwa in Form von Führungen. So drohe nach Aussage von tschechischen Burgverwaltern etwa den bekannten Burgen Konopiste oder Krivoklat das touristische Aus. Es gäbe nicht genügend Mittel zur Bezahlung der Führer und Führerinnen. Die Verwalterin in Konopiste, Marie Krejcova etwa gab an, dass die Führer bei ihr 34 Kronen, also etwas mehr als einen Euro pro Stunde verdienen würden. Und das brutto! Dabei handle es sich aber um durchaus qualifiziertes Personal, von dem man etwa die fließende Beherrschung von Fremdsprachen fordere, so Krejcova. Und ihr Kollege Bohumil Norek, Verwalter des Schlosses im südböhmischen Telc / Teltsch, macht sich Sorgen um den baulichen Zustand seines Hauses:

"Die Gelder, die in die Kulturdenkmäler fließen, reichen nicht dafür aus, um die Instandhaltung dem ständigen Betrieb anzupassen. Ich kann sagen, dass laut Einschätzung aller Verwalter die Instandhaltung stagniert. Es kommt nur zu einer Konservierung des Zustandes, und dadurch verkommen die Denkmäler eigentlich."

Kulturminister Pavel Dostal gibt sich einstweilen optimistisch: Die Regierung würde eine Aufstockung der Geldmittel auf diesem Sektor durchaus unterstützen. Angesichts der geplanten Sparmaßnahmen im Zuge der Finanzreform ist man hier aber seitens der Burg- und Schlossverwaltungen überaus skeptisch.

 

Gibt es über die tschechische Tourismuswirtschaft gegenwärtig auch positives zu berichten? Aber ja! Vor allem für all jene, die ihren Urlaub noch nicht verplant haben und eventuell eine Reise nach Prag oder in andere Teile des Landes in Erwägung ziehen! Denn noch sind die Burgen und Schlösser ja geöffnet, die Hochwasserschäden vom Vorjahr sind längst beseitigt, und auch die Tatsache, dass insgesamt etwas weniger Touristentrubel hier herrscht, könnte manche besonders locken. Und vielleicht das wichtigste: Laut Auskunft der Firma Mag Consulting sind die Hotelpreise gegenüber dem Vorjahr im Schnitt um 15 bis 20 Prozent gesunken. Also, liebe Hörerinnen und Hörer: Vielleicht auf Wiedersehen in Tschechien!

16-07-2003