Industrieproduktion ist Lokomotive des Wirtschaftsbooms in Tschechien

27-06-2007

Die Industrie in Tschechien hat mit Beginn des 21. Jahrhunderts eine rasante Entwicklung genommen. Sie ist mittlerweile ein Garant dafür, dass die Wirtschaft des Landes hohe Wachstumsraten verzeichnet.

Seit Dienstag ist es amtlich: Ab dem 1. September wird dem Dieselkraftstoff, der an tschechischen Tankstellen verkauft wird, ein aus Rapsöl hergestellter Biodiesel beigemengt. Bei Benzin wird mit der Beimischung von Bioethanol ab dem 1. Januar 2008 begonnen. Die Befürchtung der Auto- und Motorradfahrer, dass sich der Kraftstoff dadurch wesentlich verteuern wird, teilt Senator Bedrich Moldan nicht:

"Die Regierung wird die Biokraftstoffe zwar nicht unmittelbar subventionieren, doch andererseits wird auf sie keine Verbrauchersteuer erhoben. Da diese Steuer ansonsten bei Mineralölprodukten sehr hoch ist, heißt das im Umkehrschluss, dass die Biokraftstoffe de facto subventioniert werden."

Hinter die Fassade geschaut

In den zurückliegenden Monaten hörten Sie in unseren Sendungen immer häufiger, dass die tschechische Wirtschaft boomt und dass ihr Wachstum jährlich mehr als fünf Prozent beträgt. Ein ganz entscheidender Faktor für dieses Wachstum ist die hiesige Industrieproduktion:

"Dass die Tschechische Republik ein echtes Industrieland ist, davon zeugt die Tatsache, dass die Industrie mit nahezu einem Drittel an der Bildung des Bruttoinlandsproduktes beteiligt ist", erklärte der Vorsitzende des Tschechischen Statistikamtes, Jan Fischer, am Montag auf einer Pressekonferenz in Prag. Und Fischer wusste diesen Anteil auch gleich ins rechte Licht zu setzen:

"Zum Vergleich: In den 27 Ländern der Europäischen Union beträgt der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt im Schnitt 22,2 Prozent. In Deutschland liegt der Anteil bei 25,3 Prozent und in Frankreich bei knapp 15 Prozent. Den aufgrund eines extrem hohen Ausmaßes an Dienstleistungen geringsten Anteil innerhalb der EU hat Luxemburg mit 10,4 Prozent."

Um das progressive Wachstum der einheimischen Industrie zu verdeutlichen, hat das Tschechische Statistikamt die Entwicklung der zurückliegenden Jahre von 2000 bis 2006 untersucht. Und das aus gutem Grund, denn: "Die Industrieproduktion ist in diesem Zeitraum sehr dynamisch gewachsen, und zwar um fast sieben Prozent", verriet der Oberdirektor der Sektion für Produktionsstatistik im Statistikamt, Josef Vlásek. An diesem Wachstum waren natürlich einige Branchen besonders beteiligt:

"Das ist zum einen die Elektrotechnik, und zwar angefangen von der Produktion schwerer Elektromotoren bis hin zur Herstellung von Computern und Plasmabildschirmen. Sehr stark zugenommen hat auch die Produktion von Gummi- und Plasterzeugnissen. Und nicht zu vergessen ist natürlich die Fahrzeugindustrie: Im Jahr 2006 wurden hierzulande mehr als 850.000 Autos hergestellt", sagte Vlasek und fügte an, dass insbesondere die Herstellung von Autobussen einen spürbaren Aufschwung genommen habe. Aber es gibt natürlich auch Industriezweige, die eine rückläufige Tendenz aufweisen:

"Diese Branchen sind bekannt: Es sind die Textil- und Bekleidungsindustrie sowie die Lederwarenindustrie. Letztere ist bereits bis auf ein Minimum zurückgegangen. Der Rückgang bei den energetischen Brennstoffen ist dagegen auf den milden Winter zurückzuführen", erläuterte Vlasek und ergänzte:

"Was die Lebensmittelindustrie anbelangt, so musste auch sie Federn lassen. Hier ist besonders ein Rückgang bei der Produktion von Milch und Fleisch zu verzeichnen."

Die enorme Entwicklung der Industrieproduktion in Tschechien wäre jedoch ohne das Know how und Kapital aus dem Ausland nicht so rasant vonstatten gegangen, wie es in den Jahren seit der Jahrtausendwende der Fall war, betonte der Chef des Amtes, Jan Fischer, und machte deutlich:

"Während im Jahr 2000 die Umsätze der Unternehmen mit ausländischer Kontrolle rund ein Viertel am Gesamtumsatz der Industrie ausmachten, so betrug dieser Anteil im Jahr 2006 schon nahezu 59 Prozent."

Josef Vlasek wiederum nannte noch einen weiteren Vorzug, den die ausländischen Unternehmer mit nach Tschechien gebracht haben:

"Die ausländischen Investoren können meist auf eine bereits funktionierende Vertriebsstruktur bauen. Und das wiederum hatte den relativ raschen Aufschwung des Exports zur Folge."

Mehr als die Hälfte der tschechischen Industrieproduktion ist für den Export bestimmt. Dafür sorgt die Streitmacht der großen, mittleren und kleineren Unternehmen:

"Nach den Angaben unseres Registers sind 151.000 Industriefirmen hierzulande unternehmerisch tätig. Davon haben zirka 9000 Firmen je 20 oder mehr Beschäftigte", sagte Fischer, um diese Zahlen gleich darauf noch deutlicher zu interpretieren:

"Nahezu jeder dritte Arbeitnehmer in Tschechien ist in der Industrie beschäftigt. Im vergangenen Jahr hat die Industrie einen Gesamtumsatz von 3,4 Billionen Kronen gemacht. Rund 40 Prozent davon gehen auf das Konto der kleineren und mittleren Firmen."

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Bei einem solch hohen Umsatz lässt es sich hierzulande natürlich auch ganz gut verdienen. Im Verhältnis der Arbeitsproduktivität zu den gezahlten Löhnen gibt es aber ebenfalls eine gesunde Tendenz zu verzeichnen:

"Für die tschechische Industrie kann seit dem Jahr 2000 eine typische Tendenz festgestellt werden, und zwar die, dass der Zuwachs der Arbeitsproduktivität dynamischer verläuft als der durchschnittliche Anstieg der Löhne", betonte Fischer und verwies darauf, dass die unter ausländischer Kontrolle stehenden Unternehmen auch in dieser Hinsicht die Entwicklung enorm vorangetrieben haben. Der in diesen Firmen im Jahr 2006 gezahlte durchschnittliche Monatslohn lag nämlich bei knapp 21.600 Kronen. Das sind umgerechnet ca. 750 Euro und um fast 160 Euro mehr als der Monatslohn, der im Schnitt in einheimischen Unternehmen gezahlt wurde. Daher war es auch kein Wunder, dass Fischer die Bedeutung der ausländischen Investoren in seinen Ausführungen noch einmal hervorzuheben wusste:

"Ein sehr spezifisches Phänomen der tschechischen Industrie ist die Geschäftstätigkeit der unter ausländischer Kontrolle geführten Unternehmen. Das ist in der Tat die eindeutig dynamischste Komponente der tschechischen Industrie. Oder um es anders zu sagen: Diese Firmen sind der Motor der hiesigen Industrieproduktion."

27-06-2007