Investoren sehen Tschechien nicht mehr vorn

28-03-2019

Drei Jahre lang war man der Spitzenreiter unter den mittel- und osteuropäischen Ländern. Doch nun ist Tschechien erstmals wieder abgesackt. Die Investoren aus Deutschland bewerten mittlerweile eine andere Marktwirtschaft besser: Estland, das zum ersten Mal das Rennen gemacht hat. Dies geht aus der aktuellen Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer hervor. Radio Prag hat nachgefragt.

Kommunikationsleiter Christian Rühmkorf und DTIHK-Präsident Jörg Mathew (Foto: Till Janzer)Kommunikationsleiter Christian Rühmkorf und DTIHK-Präsident Jörg Mathew (Foto: Till Janzer) Die Wirtschaft in Tschechien brummt weiter. Aber nach dem Rekordjahr 2018 sind die Aussichten für die anstehenden Monate deutlich schlechter. Christian Rühmkorf leitet den Bereich Kommunikation bei der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK).

„Anders als vor einem Jahr glauben deutlich mehr Unternehmen an eine Verschlechterung der weiteren Wirtschaftsentwicklung als an eine Verbesserung. Konkret sind dies 34 Prozent der Firmen. Dieser Pessimismus ist so stark ausgeprägt wie zuletzt im Jahr 2013.“

Die schlechteren Konjunkturaussichten sind derzeit jedoch nicht das Hauptproblem für die Investoren aus Deutschland. Insgesamt 150 wurden befragt. Sie haben sich detailliert zum Standort Tschechien geäußert. Viele bekennen sich zu ihrem Engagement hierzulande. Ganz wichtig ist für sie die EU-Mitgliedschaft. Auf dem zweiten Rang folgt die Zahlungsmoral. Das bedeute, dass der tschechische Markt ausreichend liquide sei, erläutert Christian Rühmkorf. Allerdings lenkt er den Blick auf einen weiteren Standortfaktor, der für die tschechische und die deutsche Wirtschaft enorm wichtig ist:

Foto: Archiv Škoda AutoFoto: Archiv Škoda Auto „Die Qualität und die Verfügbarkeit lokaler Zulieferer ist ausgezeichnet. Das betrifft nicht nur, aber vor allem den Automotiv-Sektor. Er ist der Motor der Wirtschaft und wird von unglaublich vielen Firmen aus Deutschland, aber auch genuin tschechischen am Laufen gehalten.“

Schnelle Lösung durch Umschulung?

Das große Problem des Standortes Tschechien findet man am anderen Ende der Skala. Das Kriterium „Verfügbarkeit von Fachkräften“ zum Beispiel belegt seit drei Jahren nur noch den abgeschlagenen Platz 21. Der Arbeitsmarkt ist leergeräumt, und die Firmen suchen händeringend nach Leuten. Damit einher geht das Berufsbildungssystem. Die Investoren zeigen sich tendenziell unzufrieden in diesem Bereich. Schon lange fordern sie eine Entsprechung zur dualen Ausbildung wie in Deutschland. Es habe auch schon Projekte gegeben, und derzeit laufe ein weiteres im Mährisch-Schlesischen Kreis an, sagt Christian Rühmkorf. Zugleich meint er:

Milan Šlachta (Foto: Archiv der Firma Robert Bosch)Milan Šlachta (Foto: Archiv der Firma Robert Bosch) „Die Frage ist: Wie bringt man das über die Schwelle? Und wann können wir damit rechnen, dass deutliche Elemente des dualen Systems verankert werden? Die Slowakei hat den Schritt gemacht. Aber die Erfahrungswerte, die das bringt, fehlen in Tschechien einfach.“

Auch bei der Bosch Group kennt man die Probleme nur zu gut. Milan Šlachta ist General Manager des Unternehmens in Tschechien. Selbst ein solch großer Konzern wie Bosch tue sich zunehmend schwerer, hierzulande qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Šlachta bringt deswegen eine entsprechende Schulung bestehenden Personals ins Spiel.

„Da heute bestimmte Qualifikationen auf dem Markt nicht zu haben sind oder nicht im benötigten Umfang, wird versucht, das Ausbildungssystem anzupassen. Das ist richtig so und sollte auch weiter verfolgt werden. Doch die ersten Absolventen, so befürchte ich, werden wir angesichts des gesamten bürokratischen Prozesses mit zum Beispiel den Studienplänen frühestens in zehn Jahren haben. Aber brauchen wir sie dann überhaupt noch? Vielleicht ist es dann schon zu spät. Deswegen halte ich die Idee für sinnvoll, heutige Ingenieure, die noch 20 oder 30 Jahre Berufsleben vor sich haben, umzuschulen. Dazu sollten die Unternehmen gemeinsam mit dem Staat und den Universitäten Programme entwickeln. So würden wir die zehn Jahre überspringen und hätten nach einem Semester vielleicht schon einen neuen Software-Ingenieur, der sofort beginnen kann“, so der General Manager von Bosch.

Mangelnde Transparenz bei Aufträgen

Allerdings krankt der Standort Tschechien noch in weiteren Bereichen. So sind zwei Faktoren richtiggehend eingebrochen: die Transparenz bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und die Bekämpfung von Korruption und Wirtschaftskriminalität. Und genau in diesen Bereichen ist Estland besser – der neue Spitzenreiter im mittel- und osteuropäischen Raum. Dazu kommt die hervorragende digitale Infrastruktur in dem kleinen baltischen Staat. Aber auch der Zugang zu öffentlichen Fördermitteln spielt eine Rolle. Dazu Christian Rühmkorf von der DTIHK:

„Mit anderen Worten: Man kann sich in Tschechien nicht ausruhen auf den Lorbeeren. Gerade auch der digitale Wandel, künstliche Intelligenz und Weiteres bringen immer mehr neue Trends und die Notwendigkeit, schnell zu handeln und am Ball zu bleiben. Sonst kann es kommen, dass man von irgendwoher überholt wird. Man guckt sich nach rechts oder links um, aber zack ist derjenige schon vorbeigezogen.“

Dabei hat die tschechische Regierung im Februar ihre Innovationsstrategie 2030 vorgestellt. Bei der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer hält man dies für richtig und wichtig. Denn nun gibt es unter anderem für die Digitalisierung und die Nutzung künstlicher Intelligenz konkrete Pläne. Dazu soll auch das Gesetz über Investitionsanreize geändert werden. Man möchte nicht länger die verlängerte Werkbank sein, sondern will Top-Adresse werden für Innovationen und Hightech. Im konkreten Zuschnitt sieht die Kammer aber eine Gefahr lauern:

„Stichwort Transparenz, die in Estland wohl sehr hoch ist und in Tschechien gerade schlecht bewertet wird. Über diese Investitionsanreize soll laut der Novelle die Regierung entscheiden. Aus unserer Sicht ist das nicht besonders gut für die Planbarkeit und Sicherheit, die die Wirtschaft aber braucht. Die Regierung kann natürlich Bedingungen aufstellen, die sind dann auch transparent. Wenn der König am Ende aber doch entscheidet, dann hat das mit Planungssicherheit wenig zu tun. Da würden wir uns eine Nachbesserung wünschen, gerade auch mit Blick darauf, dass die Transparenz im Allgemeinen in Tschechien schlecht bewertet wurde“, sagt Christian Rühmkorf.

 

Peter M. Wöllner (Foto: Archiv CiS)Peter M. Wöllner (Foto: Archiv CiS) An der Umfrage der Handelskammer hat auch das Familienunternehmen CiS systems mitgemacht. Der Betrieb wurde 1975 in Krefeld gegründet und ab 1992 Tschechien als weiterer Standort ausgebaut. Insgesamt gibt es 1200 Angestellte, davon sind allein 700 im nordböhmischen Nové Město pod Smrkem / Neustadt an der Tafelfichte beschäftigt. Sie stellen sogenannte Kabelkonfektionen her, also das komplizierte Kabelwerk für unterschiedliche elektrische Apparaturen. Das reicht von medizinischer Technik wie etwa Inkubatoren in Krankenhäusern bis zum Maschinenbau, so zum Beispiel auch für Windkraftanlagen. Geschäftsführer und Inhaber des mittelständischen Unternehmens ist Peter M. Wöllner. Der Manager, dessen zweite Heimat mittlerweile Tschechien ist, hat auf einige Fragen von Radio Prag geantwortet:

Herr Woellner, das große Problem derzeit in der Wirtschaft für viele Unternehmen sind ja ein Mangel an Arbeitskräften – auch von Fachkräften – und dass die Fachausbildung nicht praxisrelevant ist. In wieweit betrifft das Ihr Unternehmen, und welche Lösungsmöglichkeiten haben Sie gefunden?

„Wir haben uns schon seit vielen Jahren mit diesem Thema beschäftigt – gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer und der Technischen Universität in Liberec. So haben wir 2009 gemeinsam mit einem Partnerunternehmen die erste Meisterschule in der Tschechischen Republik gegründet und begonnen, in enger Zusammenarbeit mit der TU in Liberec den sogenannten Industriemeister auszubilden. Das sind die Leute, die man heute in der Produktion braucht, die als Vorbild fachlich hoch ausgebildet ihre Mitarbeiter führen und Prozesse kontinuierlich verbessern. Das war für uns sehr wichtig, weil wir als mittelständisches Unternehmen nicht darauf warten können, dass der Staat für diese Ausbildung Sorge trägt.“

Im vergangenen Jahr hat sich der Mangel an Arbeitskräften ganz besonders gezeigt. Haben Sie das zu spüren bekommen?

„Ja, auch wir haben sehr stark darunter gelitten. Wir haben Mitarbeiter an umliegende Unternehmen verloren, die alle Zulieferer der Automobil-Industrie sind und die ganz gezielt Mitarbeiter abgeworben haben. Aber interessant war jetzt im Nachhinein, dass uns die von uns ausgebildeten Meister im Wesentlichen treu geblieben sind. Das heißt, wir haben vor allem Maschinenbediener verloren. Aber die Menschen, in deren Ausbildung wir viel Zeit und Geld investiert haben, sind geblieben. Das freut mich heute und motiviert, auch weiterhin in die Weiterbildung unserer Belegschaft zu investieren.“

Bei der Umfrage war zu sehen, dass eine Strategie ist, in Innovationen zu investieren. Betrifft das auch Ihre Firma?

„Auf jeden Fall. Wir sind ja kein typischer Zulieferer in Großserienfertigung, sondern eher eine Manufaktur. Für die Steuerung unserer Produktion benötigen wir ein großes Overhead. Und wir wollen versuchen, uns durch starke Investitionen in den Bereich Digitalisierung und Automatisierung von vor allem administrativen Prozessen zu entlasten und schneller zu werden. Letztlich dient das auch dazu, unsere Wettbewerbsfähigkeit wieder zu erhöhen und langfristig von Tschechien aus auf dem Markt bestehen zu können.“

Könnten Sie kurz erklären, was man unter „Overhead“ versteht?

„Das ist alles das, was man braucht, um ein Produkt herzustellen: Man braucht Menschen, die eine Anfrage bearbeiten, die für einen Kunden daraus ein Angebot erstellen und eine Machbarkeitsanalyse durchführen. Dann muss ein erstes Muster hergestellt werden, nach dem wir eine Fertigung freigeben. Wir haben Mitarbeiter, die die Produktion steuern, die die Mitarbeiter betreuen, qualitätssichernde Maßnahmen umsetzen. Alle diese Dinge sind sehr aufwändig. Aber hier kann man durch Investition in kluge IT-Lösungen deutliche Automatisierung erreichen.“

28-03-2019

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