Kolín - nicht nur ein neues Automobilwerk

05-06-2002

Ende Januar gaben die Gesellschaften PSA Peugeot Citroen und Toyota Motor Corporation ihre Entscheidung bekannt, auf dem Gelände des mittelböhmischen Industriegebiets Kolín-Ovèáry ein gemeinsames Werk für die Produktion einer neuen Automobilklasse zu errichten. Um das Projekt umzusetzen, gründeten Peugeot und Toyota ein gemeinsames Unternehmen.

Das ambitionierte Vorhaben der beiden renommierten Fahrzeughersteller stellt mit der Gesamthöhe von 1,5 Mrd. Euro die bisher größte, in Tschechien getätigte ausländische Direktinvestition dar. Nicht nur die Region um die Elbestadt Kolín, sondern ganz Tschechien verspricht sich weit mehr davon, als nur eine weitere Belebung des hiesigen Automobilmarktes. Mehr über die Hintergründe dazu in den folgenden Minuten, zu denen wir guten Empfang wünschen.

Der heiß erwartete Investitionszuschlag für Kolín ist ein Erfolg für die Tschechen, denn zu Beginn war Polen - wo Toyota bereits Getriebe fertigt - ein klarer Favorit, gefolgt von Ungarn. Um so mehr kann die Entscheidung des Peugeut/Toyota Konsortiums als ein klares Zeichen der Konkurrenzfähigkeit des Standortes Tschechien auf dem Gebiet der Automobilherstellung gewertet werden. Um den strategischen Investor anzulocken, boten die Tschechen wichtige Investitionsanreize an - Steuerferien und zusätzliche Subventionen für jeden neu geschaffenen Arbeitsplatz.

Der Grundstein des Projektes wurde am 12. April gelegt, Anfang Mai begann man mit den Bauarbeiten. Ab 2005 sollen in dem neuen Automobilwerk jährlich 300 000 Kleinwagen der sog. Kompaktklasse gefertigt und mit neuster Technologie ausgestattet werden, um niedrige Unterhaltskosten, minimale Umweltbelastung und insbesondere aktive und passive Sicherheit zu gewährleisten. Mehr über die künftigen Fahrzeugmodelle und darüber, wie die Zusammenarbeit zwischen Peugeot und Toyota aussehen soll, sagte uns die Sprecherin von PSA Peugeot, Sylvia Gondokusumo:

"In diesem Automobilwerk sollen kleinere, vor allem für den Stadtverkehr bestimmte Autos hergestellt werden, die mit Gewicht und Preis unter der gegenwärtigen untersten Kleinwagenklasse liegen. Sie werden über verbrauchsarme Motoren der neusten Generation verfügen: einen 1Liter Benzin- und einen 1,4 Liter Dieselmotor. Die Wagen werden unter den drei bekannten Marken - Toyota, Peugeot und Citroen - auf den Markt kommen. Alle drei Autotypen werden mit dem gleichen Fahrgestell ausgestattet, behalten jedoch ihr individuelles Design, gemäß dem jeweiligen Charakter. Jede Marke wird auch das Preisgefüge individuell bestimmen."

Werden diese voraussichtlich verlockend preiswerten, rund 6000 Euro teuren Kleinwagen nicht eine bedrohliche Konkurrenz für die Modelle des einheimischen Aushängeschildes Skoda darstellen ? Der ökonomische Direktor von Skoda-Auto, Klaus Wulf erklärte uns, warum man bei Skoda keine direkte Konkurrenz seitens des neuen Automobilwerkes fürchtet:

"Die Aktivitäten des neuen Werkes können nicht mit denen von Skoda-Auto verglichen werden. Skoda ist ein tschechisches Unternehmen, das hierzulande Fahrzeuge entwickelt, produziert und verkauft, während das neue Toyota -Peugeot-Werk nur eine Produktionsstätte ist. Wir sehen das Positive daran, denn im Zuge des Projektes erwarten wir eine weitere, breitere Auffächerung der Zuliefererindustrie und in diesem Zusammenhang positive Scale effekte für alle Fahrzeughersteller."

Für die mittelböhmische Region um Kolín wird sich mit dem Einzug des ambitionierten Projektes viel ändern. In dem neuen gigantischen Automobilwerk sollen 2 bis 3 Tausend direkte Arbeitsplätze entstehen, die vor allem mit Arbeitern und Angestellten aus dieser, mit einer 10%tigen Arbeitslosenquote geplagten Stadt und ihrer Umgebung belegt werden sollen. Mangelnde Facherfahrungen sind kein Hindernis und sollen durch ein breites Angebot von betriebsinternen Schulungen beseitigt werden. Hinzu kommen noch weitere 8 bis 10 000 indirekte Arbeitsplätze. Um die künftige Nachfrage nach Arbeitskräften zu befriedigen, sollen Hilfsarbeiter und Topmanager aus ganz Tschechien in die Region kommen. Deshalb ist zu erwarten, dass mit der Umsetzung des gigantischen Projektes nicht nur der Wohlstand , sondern auch die Preise, allen voran die Immobilienpreise steigen werden. Daran wird auch der Regierungsbeschluss, den Bau von voraussichtlich 1000 Wohnungen für die künftigen Mitarbeiter des Automobilwerkes zu finanzieren, nicht viel ändern. Die gute Verkehrsinfrastruktur nach Prag trägt nämlich zusätzlich dazu bei, dass sich Kolín immer mehr zu einem heißen Tipp für Investoren entwickelt, die ihr Geld in Immobilien anlegen wollen. Und die Erwartung einer noch stärker anziehenden Nachfrage drückt die Preise ebenfalls in die Höhe.

Doch wie uns die Bürgermeisterin von Kolín, Zdenka Majerová, versicherte, sind die steigenden Preise das in Kauf zu nehmende Übel für die weitgehend positiven Effekte einer solchen Großinvestition.

"Wir erwarten, dass das Automobilwerk einen richtigen ökonomischen Aufschwung in die Region bringt. Ein Produktionswerk wird weitere Produktionsstätten, z. B. Sublieferanten aus dem Ausland anziehen, die Arbeitsplätze schaffen, den Wohnungsbau ankurbeln und nicht zuletzt das sportlich-kulturelle Angebot der Region beleben werden."

Und was der Region dient, kommt auch ganz Tschechien zu Gute. Der Multiplikationseffekt wird sich nicht nur in Kolín, sondern gemessen am größeren Maßstab, in der gesamten Tschechischen Republik auswirken, so zumindest die Hoffnungen der Politiker und Wirtschaftsexperten. Ausländische Zulieferunternehmen werden nun einen weiteren Anreiz haben, Fuß auf tschechischem Boden zu fassen und zusätzliches Geld ins Land zu bringen. So hat z. B. die Grammer Group, der weltweit führende Hersteller von Autositzen und Innenausstattungen, am 3. Mai den bereits 4. Betrieb in Tschechien eröffnet. Innerhalb der nächsten zwei Jahre beabsichtigt die Gruppe den größten Teil ihrer Produktion nach Tschechien zu verlegen und damit Arbeitsplätze für ungefähr 2000 Menschen zu schaffen. Der Geschäftsführer von Grammer Group in Tachov, Martin Koøínek stimmte zwar nicht der Meldung einer Wirtschaftszeitung zu, wonach die Zunahme der Aktivitäten von Grammer Group in direkter Verbindung mit dem neuen Werk stehen soll, bestätigte uns jedoch einen indirekten Zusammenhang:

"Firma Grammer dehnt ihre Aktivitäten in der Tschechischen Republik aus, aber nicht deshalb, weil in Kolin ein neues Werk entsteht. Wir werden versuchen, dem neuen Automobilhersteller unsere Produkte anzubieten. Natürlich erwarten wir im Zusammenhang mit der Entstehung der Fabrik eine stärkere Auffächerung der Zuliefererindustrie und dies wollen wir auf jeden Fall ausnutzen, um unsere Aktivitäten hierzulande noch weiter zu intensivieren."

Die zunehmende Konzentration der Großunternehmen in den strategischen Industriestandorten bringt auch neue Anforderungen an die Bevölkerung mit sich. Bisher gehören die Tschechen traditionell zu den eher weniger mobilen Völkern. Die Ursache dafür ist nicht zuletzt in dem mangelnden Angebot an preiswerten Wohnungen zu suchen.

Heute sind es vor allem jüngere und qualifiziertere Menschen, die wegen der Arbeit ihren Wohnort wechseln. Doch die Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz und die guten Verdienstmöglichkeiten, die Großprojekte wie in Kolin mit sich bringen, stellen immer mehr auch für Handwerker und weniger qualifizierte Arbeiter eine Herausforderung dar. Ein richtiger Sprungbrett für solche Tendenzen in der Bevölkerung wird erwartungsgemäß der EU-Beitritt Tschechiens sein.

Was das neue Automobilwerk für die Tschechen noch alles bringt, bleibt vorerst offen. Sicher ist jedoch, das Investitionsvorhaben wird noch zumindest einen, sehr positiven Nebeneffekt haben: Es trägt dazu bei, das Image der Tschechischen Republik als Staat mit einer traditionell hochwertigen Automobilproduktion zu stärken.

05-06-2002