Markteinstieg eines russischen Stahlriesen sorgt in Tschechien für Unbehagen

27-07-2005

Im nun folgenden Wirtschaftsmagazin befasst sich Lothar Martin noch einmal mit der vor zwei Wochen abgeschlossenen Privatisierung der nordmährischen Eisenhütte Vitkovice Steel. Die Übernahme des drittgrößten tschechischen Stahlproduzenten durch ein russisches Unternehmen hat nämlich nicht nur Jubel ausgelöst. Lothar Martin berichtet.

In der Wirtschaft läuft es in ziemlich ähnlicher Weise wie im Tierreich: Kleine Tiere können in der Regel nur noch kleinere Tiere erlegen und verschlingen, große Tiere hingegen machen oft fette Beute, von der sie eine ganze Zeit zehren können. Und so haben kleine Länder relativ häufig nicht die Chance, sich in vielen Wirtschaftszweigen des Druckes größerer Länder zu erwehren, da ihr Kapitalvermögen ganz einfach begrenzt ist. Oder aber es wird als schwächer bewertet als das von Industrienationen, die auf eine langjährige kontinuierliche Wirtschaftsentwicklung verweisen können. Ein solches Land, in dem die finanziellen Mittel begrenzt sind und die Wirtschaft aufgrund von 40 Jahren Kommunismus ins Hintertreffen geraten ist, ist die Tschechische Republik. Daher hat Tschechien im Zuge der seit Anfang der 90er Jahre eingeleiteten und ständig forcierten Privatisierung die Besitzrechte an seinen rentablen Bankhäusern und den gut florierenden Großunternehmen nach und nach an ausländische Finanzgruppen oder Firmen abtreten müssen. Angefangen von der Übernahme des populären PKW-Herstellers Skoda durch den Volkswagen-Konzern über die Privatisierung der drei wichtigsten Kreditinstitute, zweier renommierter Brauereien bis hin zur jüngst vollzogenen Entstaatlichung der Telekommunikationsgesellschaft Cesky Telecom - all diese Wirtschaftssubjekte befinden sich nunmehr in deutscher, österreichischer, französischer, belgischer, südafrikanischer, spanischer oder einer anderen ausländischen Hand. Und so war es auch kein Wunder, dass das drittgrößte und einzig noch zu privatisierende tschechische Stahlunternehmen, die Gesellschaft Vitkovice Steel, im Ergebnis der staatlichen Ausschreibung vor genau zwei Wochen auch an einen ausländischen Interessenten veräußert wurde. Wer unter den fünf Bewerbern letztlich das Rennen gemacht haben könnte, das wurde bereits vor der offiziellen Bekanntgabe durch Katerina Koubová von der Presseabteilung des tschechischen Wirtschaftsministeriums verkündet:

Industrie- und Handelsminister Milan Urban (Foto: Zdenek Valis)Industrie- und Handelsminister Milan Urban (Foto: Zdenek Valis) "Die Regierung hat die Parameter für eine transparente, in zwei Etappen erfolgte Ausschreibung festgelegt, auf deren Grundlage eine ressortübergreifende Kommission die Empfehlung gab, den russischen Konzern Evraz als Sieger zu küren."

Und dieser Empfehlung hat dann am 13. Juli die Prager Regierung auch tatsächlich entsprochen. Industrie- und Handelsminister Milan Urban hat diese Entscheidung auf einer Pressekonferenz wie folgt bekannt gegeben:

"Auf der Grundlage einer transparenten Ausschreibung hat sich das Kabinett heute anhand der Empfehlung der Privatisierungskommission für die Evraz Holding als neuen Besitzer des staatlichen Mehrheitsanteils am Stahlunternehmen Vitkovice Steel entschieden."

Mit einem Angebot von 7,05 Milliarden Kronen - das entspricht ca. 235 Millionen Euro - konnte sich die russische Holding in der Endkonsequenz gegen die zwei verbliebenen Mitbewerber, die ukrainische Gesellschaft System Capital Management, die 7,02 Milliarden Kronen bot, und die tschechischen Eisenhüttenwerke Trinecke zelezarny, die bereit waren, sechs Milliarden Kronen zu zahlen, durchsetzen. Doch das war längst nicht der einzige Vorzug, der den Ausschlag für den größten russischen Stahlproduzenten gegeben hat. Minister Urban nennt weitere:

"Bestandteil dieser Entscheidung ist auch die von Evraz Holding eingegangene Verpflichtung, innerhalb der Jahre von 2005 bis 2008 eine Investition von weiteren 2,5 Milliarden Kronen in dem Unternehmen Vitkovice Steel zu tätigen. Das sollte eine Garantie dafür sein, dass sich diese Gesellschaft weiter entfalten will. Des weiteren hat sich das russische Unternehmen in seinem Angebot verpflichtet, die Zahl der Beschäftigten bei Vitkovice Steel beizubehalten. Bei Nichteinhaltung dieser Verpflichtung ist die Firma bereit, Sanktionen zu akzeptieren, und zwar in einer Höhe von bis zu 500.000 Kronen für jeden gestrichenen Arbeitsplatz, da dann ein Widerspruch zur unternehmerischen Absicht vorliegt."

Die Absicht, den Stahl produzierenden Konkurrenten Vitkovice Steel zu übernehmen, hatten auch die nach der ersten Runde der Ausschreibung ausgeschiedenen Firmen Mittal Steel und Penta. Dabei hatten beide Mitbewerber sogar den Kaufbetrag von jeweils neun Milliarden Kronen geboten. Doch während die Gesellschaft Penta in ihrem Angebot zu stark von den vorgegebenen Auswahlbedingungen abgewichen war, wurde die Mittal Steel Gruppe - Besitzer des auch in Ostrava/Ostrau ansässigen gleichnamigen Stahlunternehmens - aus einem anderen Grund ausgebootet. Zwischen der zu Mittal Steel gehörenden Gesellschaft Vysoke pece Ostrava und der Stahlfirma aus dem Stadtteil Vitkovice war es nämlich zu einem scheinbar unversöhnlichen Streit über die Preise bei der bilateralen Lieferung von Roheisen gekommen, weshalb die Privatisierungskommission Mittal Steel vom weiteren Verlauf der Ausschreibung ausschloss. In diesem Zusammenhang erfüllte die Evraz Holding einen weiteren Wunsch der Prager Regierung, den Minister Urban so darstellte:

"Des weiteren hat sich die Gesellschaft Evraz zu Verhandlungen mit der Gesellschaft Mittal Steel über die Lieferung von Roheisen verpflichtet. In diesem Moment besteht daher keine relevante Befürchtung, dass es zu einer Unterbrechung der Lieferung von Roheisen durch die Gesellschaft Vysoke pece Ostrava kommt."

Die Evraz Holding konnte also den Vorstellungen und Forderungen der tschechischen Regierung zur Übernahme des 99-prozentigen Staatsanteils an der Firma Vitkovice Steel am besten entsprechen, zumal sich der russische Gigant auch noch dazu bereit erklärte, in naher Zukunft weitere 800 Millionen Kronen in die bessere Ausstattung und Versorgung der Region zu investieren. Diese Finanzmittel sollen dabei vor allem in die Bereiche Bildung, Gesundheitswesen und Sport gesteckt werden. Vollkommene Zufriedenheit also rund um den neuen Mehrheitseigner von Vitkovice Steel? Mitnichten! Gerade die in der Ausschreibung unterlegenen Unternehmen haben bereits ihre Befürchtungen gegenüber dem neuen Konkurrenten ausgesprochen. "Europa ist nicht vorbereitet auf den Markteinstieg eines russischen Investors", ließ zum Beispiel der Chef der Eisenhüttenwerke Trinecke zelezarny, Jiri Ciencala, verlauten. Seiner Ansicht nach könne dieser Einstieg längerfristig das Hüttenwesen in ganz Mitteleuropa gefährden. Und der Gewerkschaftsboss des gleichen Unternehmens, Frantisek Ligocki, ließ die Regierung bereits wissen, dass man ihr in gebührender Art und Weise ihre Entscheidung vorhalten werde, falls mit der Vergabe des Mehrheitsanteils von Vitkovice Steel an die russische Holding das befürchtete negative Szenarium eintreten sollte, dass Arbeitsplätze rasant abgebaut, Eisenerzeugnisse beschränkt und die eigene Marktposition entscheidend geschwächt würden. Diese Befürchtungen hat auch die angesehene tschechische Wirtschaftszeitung "Hospodarske noviny" aufgegriffen und in ihrem Kommentar von einem Durchbruch innerhalb der tschechischen Privatisierung gesprochen, da sich erstmals ein russisches Unternehmen bei einer Ausschreibung durchgesetzt habe. Das Blatt schraubt diese Befürchtungen jedoch auf das erträgliche Maß zurück und schreibt weiter: "Mit dem Verkauf von Vitkovice Steel endet die nachrevolutionäre Ära, bei der russische Investoren auf der schwarzen Liste standen. Die Russen in ´strategische Bereiche´ vordringen zu lassen kann für Mitteleuropa immer risikoreich sein. Aber in unserer heutigen Informationsgesellschaft sind Stahlwerke schon längst nicht mehr von strategischer Bedeutung".

Man darf also gespannt sein, inwieweit russische Großunternehmen von heute noch etwas gemein haben mit den ideologisch gelenkten und unrentabel betriebenen Kombinaten von gestern. Die Vorbehalte aber bleiben und liegen in der 40-jährigen, von Moskau dirigierten kommunistischen Diktatur begründet.

27-07-2005