Mentalitätsunterschiede in der Wirtschaft - Erfahrungen eines Wieners in Tschechien

26-03-2003

Wenn europäische Unternehmen Geschäftskontakte in Japan aufbauen wollen, stossen sie in der fremden Kultur sehr schnell auf Probleme, die ihre Begründung in unterschiedlichen Kommunikationsweisen, andersartigen Traditionen und Erfahrungen oder in anderen Unternehmens- und Gesellschaftsstrukturen haben. Das ist leicht einsehbar und man bereitet sich - hoffentlich - darauf vor. Wie sehen aber solche Unterschiede in der Mentalität und Unternehmenskultur zwischen Nachbarvölkern in Mitteleuropa aus? Sicherlich sind die Unterschiede weniger deutlich. Häufig werden sie einfach vernachlässigt. Aber sind sie vielleicht gerade deswegen eine besonders wichtige Ursache für Missverständnisse in wirtschaftlichen Beziehungen zwischen und innerhalb von Unternehmen, für nicht gerechtfertigte Überlegenheitsgefühle oder ebenso falsche Minderwertigkeitskomplexe? Diese interessanten Fragestelllungen der unterschiedlichen Mentalitäten von Tschechen, Österreichern und Deutschen, wobei die Abgrenzungen zwischen Klischee, Vorurteil und Realität oft schwierig und manchmal auch fliessend sein können, bilden das Thema unseres heutigen Wirtschaftsmagazines, zu dem ich Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, sehr herzlich begrüsse.

Vor etwa zwei Wochen haben die aufmerksamen Hörer von Radio Prag in der Sendung "Heute am Mikrofon" schon Herrn Kommerzialrat Rudolf Javurek kennengelernt, einen gebürtigen Wiener. Seit meheren Jahren ist er Geschäftsführer der IVG in Prag, der Firma, die die Automobile des Volkswagenkonzerns nach Tschechien importiert - alle Marken ausser der heimischen kodawagen. In dem Interview, das Gerald Schubert mit Herrn Javurek führte, kamen neben den unterschiedlichen Einstellungen, die sich aus der Prägung durch die lange Zeit des Kommunismus im wirtschaftlichen Denken und Verhalten ergeben haben, auch einige Aspekte zu den in der Wirtschaft relevanten Mentalitätsunterschieden zur Sprache, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen, da sich Unternehmensmanager nur selten dazu äussern:

Ohne da jetzt Dinge aus Ihnen rausklauben zu wollen, aber es gibt natürlich auch Literatur, die sich mit Mentalitätsunterschieden zwischen Deutschen, Österreichern einerseits, Tschechen andererseits auseinandergesetzt hat, wo immer wieder versucht wird auch Kategorien zu finden, in denen sich diese Unterschiede manifestieren. Es wurde von Leuten, die sich auf diese Situation fachlich spezialisiert haben, behauptet zum Beispiel, dass Deutsche mehr Sachbezug anstreben und regelorientierte Kontrolle, während Tschechen eben eher auf Personenbezug und auch dementsprechend personenorientierte Kontrolle im Betrieb fixiert seien. Können Sie das irgendwie nachvollziehen?

Oh ja doch! Also das ist der Unterschied zwischen, sage ich, Ostösterreichern, Tschechen und Deutschen. Aber was die Tschechen gemeinsam mit den Österreichern ausgezeichnet hat, ist eine daraus resultierende hohe Kreativität im kulturellen Sektor, in der Musik, auch in der Literatur und sonstwo, aber auch in der Industrie und im Ingenieurswesen. Ein Ferdinand Porsche ist in Vratislavice geboren und ein Ledwinka und andere Grössen aus meiner Branche wiederum sind Tschechen, naturalisierte Österreicher, aber wenig Deutsche. Also das zeichnet dann wiederum diese Tschechen aus.

Zur Mentalität vielleicht noch: Was mir gefällt, ist, sie sind noch nicht so übersättigt. Wenn sie hier ihre Mitarbeiter einladen zu durchaus erschwinglichen Veranstaltungen oder sonst etwas, dann spüren sie hier noch eine Motivation, eine Freude, ein Gemeinschaftsgefühl. Das habe ich in Österreich schon lange vermisst.

Hier wird behauptet, dass Deutsche Persönlichkeits- und Lebensbereich von der Arbeitswelt eher trennen, während bei Tschechen da eher eine Diffusion zu beobachten ist, vielleicht auch weil sie durch ihren Erfolg im Berufsleben gleichzeitig auch mehr privaten Aufschwung oder mehr privates, besseres privates Image für sich erwarten. Stimmt das?

Ja, das schon ja. Also der Beruf ist nicht zu trennen von der Gesamtpersönlichkeit, also vom Leben der einzelnen Person. Das ist einfach ganz wichtig und Image ist sehr wichtig. Das ist gerade für die Automobilbranche nicht so schlecht, weil wir in einem prosperierenden Land sind, wo die Ansprüche und Bedürfnisse daraus eben steigen und damit unsere Marken wiederum bis zum Lamborghini, Bugatti und Bentley dann attraktiv sind.

Gibt es Unterschiede in der Werbelinie? Verkauft man Österreichern oder Deutschen Autos anders als Tschechen?

Von den Werbebotschaften her, von den Bildern, von den Begriffen her usw. nicht. Aber wo der Durchschnittstscheche sehr ansprechbar ist, ist noch die ganze Geschichte über Rabatte oder Spezialkäufe oder Aktionsmodelle oder Sondermodelle. Also über diese Linie, das Ganze noch verpackt mit Finanzierungshilfen, also da gibt es schon sehr landesspezifische Vorgehensweisen, die man anbieten muss, da man sonst die Kunden nicht bekommt.

Ein letzter Punkt ist die Gegenüberstellung von Konfliktkonfrontation und Konfliktvermeidung. Hier wird behauptet, dass Deutsche eher geneigt sind, auch wirklich Konflikte einzugehen, auch in Form von Konfrontationen, während Tschechen eher Konflikte vermeiden. Ich weiss jetzt, dass Sie hier nicht als Deutscher sprechen. Sie haben schon darauf hingewiesen, dass Sie sozusagen als Österreicher irgendwo mentalitätsmässig dazwischen sind, aber ich glaube, Sie haben mit dem Konzern genug Erfahrung, um hier etwas dazu sagen zu können. Stimmt es, dass Tschechen eher Konflikte vermeiden und Deutsche sie lieber austragen im Beruf?

Ja, das stimmt meiner Meinung nach sehr. Die Tschechen versuchen schon mehr den harmonischen Aspekt von Beziehungen, sei es unter Kollegen oder mit dem Vorgesetzten oder zu allen Gesellschaftsgruppen, zu pflegen, als dass sie offen und offensiv in einen Konflikt gehen würden, der dann vielleicht einiges bereinigen würde. Aber ich denke, irgendwo leben die auch sehr gut miteinander und das ist mir schon aufgefallen, dass man hier - und ich kenne das aus meiner Firma - sehr viel Wert darauf legt, dass man miteinander sehr gut umgeht und sich das Leben auch einfacher macht und angenehmer macht. Obwohl umgekehrt gibt es auch wieder den Neidaspekt, bis zur üblen Nachrede oder was, aber in der direkten Beziehung usw. zwischen zwei Personen ist es so. Da wird also kaum ein Konflikt offen ausgetragen. Aber diese Facetten, die Sie ansprechen, gibt es auf jeden Fall, ja.

In dem hier wiedergegebenen Gespräch zwischen Gerald Schubert von Radio Prag und Kommerzialrat Rudolf Javurek, dem Geschäftsführer der Import Volkswagen Group wurde deutlich, dass es gewisse Mentalitätsunterschiede gibt. Weitere Beispiele, die hier nicht angesprochen wurden, wären die unterschiedliche hohe Bedeutung, die man Strukturen zumisst, oder dass Deutsche Aufgaben eher nacheinander konsekutiv abarbeiten, während Tschechen durchaus zum kreativen, simultanen Nebeneinander neigen. Natürlich muss man sich vor allzu simplen Verallgemeinerungen hüten. Ausdrücklich wurde dagegen unterstrichen, dass aus der einen oder anderen Menatlität nicht zwangsläufig eine Überlegenheit oder Unterlegenheit resultiert. Viele und sehr unterschiedliche Wege können zum wirtschaftlichen Erfolg führen. Aber es gilt doch, die Unterschiede in der Mentalität zu kennen und zu berücksichtigen.

Abschliessend noch ein Hinweis in diesem Zusammenhang auf ein Fachbuch, das unseren Fragen und dem heutigen Beitrag zu Grunde gelegen hat. Die deutsche Psychologin Dr. Sylvia Schroll-Machl, Expertin für Kulturvergleiche, und der tschechische Mangementtrainer und Professor Ivan Nový haben im Jahr 2000 unter dem etwas provzierenden Titel "Perfekt geplant oder genial improvisiert?" die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zu den Kulturunterschieden in der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit vorgelegt. Ein Buch, das gerade für Leute aus der Wirtschaft, die Geschäftsbeziehungen mit dem jeweils anderen auf- oder ausbauen wollen, ein wichtiges Werk ist, um Fehler, Missverständnisse und somit auch menschliche Enttäuschungen und finanzielle Verluste zu vermeiden.

Damit sind wir am Ende des heutigen Wirtschaftsmagazines angelangt. Aus Prag verabschiedet sich von Ihnen Jürgen Siebeck.

26-03-2003