Neues Wachstum in Tschechien?

26-07-2000

Herzlich willkommen bei einer weiteren Ausgabe unserer Magazinsendung mit Themen aus Wirtschaft und Wissenschaft, die Rudi Hermann vorbereitet hat. Die tschechische Wirtschaft scheint aus der Rezession, die sie die letzten rund drei Jahre plagte, herausgefunden zu haben. Dies zumindest zeigen die statistischen Werte an, die das tschechische Statistische Amt vor rund einem Monat zu den wichtigsten makroökonomischen Indikatoren des ersten Vierteljahres 2000 veröffentlichte. In den folgenden Minuten möchten wir diesen Zahlen und den Hintergründen dazu etwas nachgehen.

Ende Juni hat das tschechische Statistische Amt die Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung Tschechiens im ersten Quartal dieses Jahres bekanntgegeben. Erstmals seit langer Zeit kam es dabei zu einer erfreulichen Überraschung, wurde doch ein Wirtschaftswachstum im Vergleich zur entsprechenden Vorjahresperiode von vollen 4.4 % verzeichnet. Solch positive Zahlen konnten letztmals im Jahr 1997 zur Kenntnis genommen werden, seither plagte sich die tschechische Wirtschaft jedoch mit Problemen und Rezession herum. Jetzt allerdings scheint die Trendwende, von der die Politiker hoffnungsvoll schon seit Monaten sprechen, definitiv geschafft. Denn nicht nur die nackten Zahlen sind positiv, sondern auch die Entwicklungen, die hinter ihnen stehen. So wird das Wirtschaftswachstum nicht nur, was gefährlich wäre, vom privaten und öffentlichen Konsum gezogen, sondern auch von wieder besser fliessenden Investitionen und sich steigerndem Export.

Wirtschaftskommentatoren führen das anziehende Wachstum auf die Konjunkturlage in den Ländern der Europäischen Union, dem bedeutendsten Wirtschaftspartner Tschechiens, zurück. Allerdings warnen sie davor, den Quartalswert von 4.4% Wachstum allzu euphorisch einzuschätzen. Einerseits werden die Berechnungsmethoden des statistischen Amts dafür ins Feld geführt, die im Hinblick auf die Ölpreisentwicklung ein möglicherweise etwas zu optimistisches Bild ergeben hätten. Zweitens wurde angemerkt, dass das erste Quartal im Vorjahr drei Arbeitstage weniger enthalben habe, und schliesslich wies Ministerpräsident Milos Zeman auch darauf hin, dass dieses eine relativ tiefe Vergleichsbasis darstelle. Damals habe sich die tschechische Wirtschaft nämlich in der Talsohle befunden. Deshalb könne nicht davon ausgegangen werden, dass die Daten für das zweite bis vierte Quartal ähnlich hoch ausfallen würden. Man werde jedoch zufrieden sein, so Zeman, wenn über das ganze Jahr ein Wachstum von rund zwei Prozent erreicht werden könne. Dieser Ansicht neigen sowohl auch das Statistische Amt wie die Nationalbank zu, die trotz der erfreulichen Ergebnisse des 1. Quartals Jahreswerte in der Gegend von 1.5 % Wachstum prognostizieren.

In ihren Kommentaren zur überraschend guten Wirtschaftsentwicklung des ersten Vierteljahres hielten Experten fest, dass vor allem die Tatsache hoch einzuschätzen sei, dass das Wirtschaftswachstum, im Gegensatz zu frühren Zeiten, jetzt von verschiedenen Sektoren der Wirtschaft gezogen werde. Vorbei seien damit die Zeiten, dass der Hauptmotor des Wachstums im privaten und öffentlichen Konsum gelegen habe. Dass dies eine zweischneidige Sache ist, zeigte die Entwicklung im Krisenjahr 1997: Denn durch die hohe Konsumnachfrage wurde der Import angeheizt, der wiederum die Aussenhandelsbilanz aus dem Lot brachte, auf den Währungskurs drückte und damit die bremsenden Stabilisierungsmassnahmen nötig machte.

Jetzt sieht das Bild indes anders aus. Laut den Statistiken war im ersten Quartal 2000 der wichtigste Wachstumsfaktor der Export. Dies war laut Analytikern zu erwarten, denn für die kleine und deshalb stark vom Aussenhandel abhängige tschechische Wirtschaft gilt bei ihrer derzeitigen Offenheit nach aussen, dass sie die Entwicklung auf ihren Exportmärkten reflektiert. Da 73 Prozent der tschechischen Ausfuhren auf die Märkte der Europäischen Union gehen, war deshalb die erfreuliche Konjunkturlage in der Eurozone ein wesentliches Element für das tschechische Exportwachstum. Dieses betrug im ersten Quartal 2000 gegenüber der vergleichbaren Vorjahresperiode 29.5 %, während die Importe lediglich um 21.3 Prozent zunahmen. Besonders dynamisch zeigte sich dabei der Export von elektrischen Maschinen und Geräten, von Motorwagen - hier sei der Name Skoda Mlada Boleslav als grösstes tschechisches Unternehmen, das sich mit vollen 10 % an den tschechischen Gesamtexporten beteiligt, erwähnt - und von anderen Transportmitteln. Der Name Skoda Mlada Boleslav ist auch aus anderer Sicht symbolisch - wie die Zeitung Hospodarske noviny schrieb, geht die Verbesserung des Exportsaldos vornehmlich auf Unternehmen, in welchen ausländisches Kapital engagiert ist.

Ein weiteres Element, das zu optimistischen Wirtschaftsprognosen Anlass gibt, ist das wachsende Tempo des ausländischen Kapitalzuflusses. Laut den Statistikern ist vor allem das Bauwesen Hauptmotor für das Investitionswachstum. Allgemein ist aber gerade das Bauwesen noch so etwas wie das Sorgenkind der Wirtschaft, da hier in letzter Zeit ein Abnehmen der Aktivitäten verzeichnet wurde. Wesentlich für die Formulierung der Zukunftsaussichten der tschechischen Wirtschaft ist ferner der Bereich des Verbrauchs, der mit 49 % einen grossen Anteil am Brutto-Inlandprodukt hat. Dass das Wachstum in diesem Bereich stetig, aber nicht allzu schnell ist, freut die Beobachter. Denn von den Fallstricken eines schnellen Konsumwachstums war schon früher in dieser Sendung die Rede. Im ersten Quartal 2000 stieg der Konsum um 1.1 %, was laut dem Analytiker der Grossbank Ceska Sporitelna David Marek ein Anzeichen dafür ist, dass sich nach den Jahren der Rezession die Konsumlaune der Bevölkerung wieder zum besseren wende. Dazu hätten im beobachteten Zeitraum auch ein leichtes Nachgeben der Arbeitslosigkeit und eine Zunahme der Reallöhne beigetragen.

Die tschechische Zentralbank sieht in den makroökonomischen statistischen Daten für das erste Vierteljahr 2000 eine gute Grundlage für weiteres solides Wachstum. Wie der Vizegouverneur der Bank Zdenek Tuma gegenüber der Wirtschaftszeitung Hospodarske noviny erklärte, werde das Wachstumspotenzial durch die Stabilisierung des Bankensektors gestützt, ferner durch institutionelle Veränderungen, Strukturveränderungen im Aussenhandel und den stärker fliessenden ausländischen Kapitalinvestitionen. In seiner Bewertung der jüngsten Ergebnisse meinte Tuma:

Die Resultate des ersten Vierteljahres sind eindeutig positiv. Dabei geht es nicht nur um die Zahlen an sich, sondern auch darum, dass das Wachstum nicht auf einer übermässigen Zunahme der Nachfrageseite der Wirtschaft basiert. Verbrauch und Investitionen wachsen in mässigem Tempo, und sehr gut hielt sich der Export. Dennoch erwarte ich, dass in den nächsten Quartalen die Wachstumsraten tiefer sein werden, und zwar vor allem aus dem technischen Grund der höheren Vergleichsbasis. Doch handelt es sich schon um das vierte Quartal in Folge mit Wachstumszahlen, weshalb man davon ausgehen kann, dass die Wende in der Wirtschaft geschafft ist. Es handelt sich um eine Wachstum ohne Tendenz zu einem Ungleichgewicht und ohne übermässigen Inflationsdruck, weshalb wir in diesem Sinn vom Anfang eines nachhaltigen Wachstums sprechen können.

26-07-2000