Präsident Thumann: BusinessEurope pflegt ständigen Kontakt zu Europas Politik

24-06-2009

Während ihrer halbjährigen EU-Ratspräsidentschaft war die Tschechische Republik in vielen Bereichen Gastgeber einer ganzen Reihe von europäischen Kongressen, Foren und Arbeitstagungen. Auch die Wirtschaft gehörte zu den Bereichen. Eines der bedeutendsten Treffen dabei war der Kongress der Arbeitgeber-Dachorganisation BusinessEurope, der Mitte Juni in Prag stattfand. Dort hat Radio Prag auch ein Interview mit dem designierten Präsidenten von BusinessEurope, dem deutschen Geschäftsmann Jürgen Thumann, geführt.

Herr Thumann, Sie werden am 1. Juli die Leitung von BusinessEurope übernehmen. Können Sie vielleicht erst einmal Ihre Organisation vorstellen…

„BusinessEurope ist eine europäische Dachorganisation. Unter diesem Dach befinden sich aus 34 Ländern 40 Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände. Wir sind also der EU 27 etwas voraus. Das liegt daran, dass einzelne Staaten wie zum Beispiel die Nicht-EU-Länder Schweiz und Türkei jeweils mit zwei Organisationen Mitglied im BusinessEurope sind. In dieser Dachorganisation haben wir eine ganze Reihe von Ausschüssen, die sich intensiv mit Detailthemen beschäftigen, um sozusagen den europäischen Markt zu vollenden. Einer unserer weiteren Aufgaben ist es, mit den Politikern im ständigen Dialog zu sein, vor allem mit den EU-Politikern in Brüssel und Straßburg. Aber wir gehen auch auf die nationalen Parlamente und politischen Repräsentanten in den einzelnen Mitgliedsländern zu, um den Dialog zu pflegen. Das sehen wir aus der Sicht der Wirtschaft als unbedingt notwendig an. Vergessen Sie nicht, dass wir insgesamt über 20 Millionen Unternehmen unter dem Dach BusinessEurope repräsentieren. Von daher glaube ich auch sagen zu dürfen, dass wir natürlich einen hervorragenden Überblick haben über die einzelnen Branchen und das, was sich in Europa tut. Natürlich müssen wir das europäische Denken über das nationale stellen und vorankommen, denn bis zu 80 Prozent unserer Gesetze werden heute in Europa, in Brüssel und Straßburg entwickelt, diskutiert und geschrieben, und nur noch gut 20 Prozent unserer Gesetze liegen in der Verantwortung unserer nationalen Parlamente.“

Wann ist BusinessEurope entstanden? Mit welchen Zielen wurde die Dachorganisation gegründet und was konnten sie bisher alles schon erreichen im Zusammenwirken mit den Politikern?

„BusinessEurope ist parallel mit dem Zusammenwachsen der Europäischen Union entstanden. Angefangen hat es also mit der EU 6. Seitdem hat es immer schon Dachverbände gegeben, doch zunächst in der konzentrierten Form von sechs, dann acht und später zwölf Partnerländern. Logischerweise haben am Anfang die Wirtschaftsverbände aus Frankreich, den Benelux-Ländern, Italien, England und Deutschland ganz eng zusammengearbeitet. Und so wie dann die EU im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte gewachsen ist, ist auch dieser Verband gewachsen. Als den größten Erfolg unserer Arbeit möchte ich vor allem das anführen: Wir sind heute schlechthin die etablierte Organisation, die sich in einem ständigen Dialog mit der Europäischen Kommission befindet. Dabei versuchen wir Einfluss auszuüben auf alles, was wir als notwendig erachten. Denken Sie nur an das Stichwort Bürokratieabbau, den wir verlangen. Ganz einfach deshalb, weil wir beweisen können, dass durch weniger Bürokratie und mehr Freiheit der Wirtschaft insgesamt wir auch mehr Erfolge haben. Diese Interessenvertretungen versuchen wir auch über den Atlantik hinweg mit den Amerikanern zu betreiben. Für dieses Aufgabenfeld bin ich der Sprecher der europäischen Wirtschaft und kann sagen, dass wir gemeinsam mit den Amerikanern die nichttarifären Handelshemmnisse erfolgreich abbauen. Denken Sie dabei nur an Prüfstandards oder Vorschriften bei Exporten von waren in die USA oder umgekehrt in die EU. So haben wir im Laufe der Jahre einen weitestgehend freien Markt schaffen können in der EU für Kapital und Güter.“

Wo liegen zurzeit die größten Probleme in der europäischen Wirtschaft? Welche Wirtschaftszweige und welche Länder sind von der weltweiten Krise am stärksten betroffen? Und, um es so zu formulieren: Mit welchen Fallschirmen wollen sie verhindern, dass einige Wirtschaften ins Bodenlose fallen?

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „Jede Krise, auch diese Krise, wird Gewinner hervorbringen. Es kommt daher sehr darauf an, dass die einzelnen Unternehmen zu Beginn der Krise auch entsprechend gut aufgestellt waren, dass sie wettbewerbsfähig waren und dass sie keine Fehlentscheidungen getroffen haben. Zudem geht es uns im Moment darum, drei Themen anzusprechen und zu meistern: zum ersten der Finanzkreislauf, zum zweiten die Beschäftigungskrise und zum dritten der Klimaschutz. Das sind Themen, die uns sehr bedrängen, die sehr aktuell sind und um die wir uns sehr intensiv kümmern werden.“

Wie aber ist die derzeit Lage der europäischen Wirtschaft?

„Die Lage der europäischen Wirtschaft ist schwierig zurzeit. Es gibt aber zum Glück auch Segmente in der Wirtschaft, die gut laufen. Denken Sie an die Ernährungsindustrie, denken Sie an die gesamte Gesundheitswirtschaft einschließlich der Pharmaindustrie. Es gibt auch Segmente in anderen Industrien, die immer noch gut beschäftigt sind, und da hoffe ich, dass wir es durch gemeinsame Anstrengungen schaffen, aus dieser Rezession hoffentlich recht bald herauszukommen.“

In welchen Wirtschaftszweigen gibt es die größten Engpässe?

„Das zieht sich eigentlich ziemlich quer über alle Branchen hinweg. Probleme haben aber zumeist jene Unternehmen, die bereits in den letzten Jahren schlecht geführt wurden und somit auch schlechte Ergebnisse erwirtschaftet haben. Solche Unternehmen geraten nun natürlich in der Krise als erste in die Existenznot. Ich nenne da nur die beiden medial bekannten Beispiele aus Deutschland – Opel und Arcandor.“

Es war zu vernehmen, dass Sie hier in Tschechien auch als Investor auftreten, und zwar mit zwei Firmen im mährischen Hustopeče. Können Sie diese Firmen kurz vorstellen und erläutern, wie gut ihre Zusammenarbeit mit den tschechischen Gastgebern läuft?

„Das läuft einmal unter dem Namen Westfalia. Unter dieser Marke stellen wir Autokomponenten her und wir sind hier sehr zufrieden. Das Zweite ist die Firma Linden, die Kunststoffteile herstellt, zum großen Teil auch wieder für die Automobilindustrie. Auch da sind wir sehr zufrieden. Wir sind dort tätig seit etwa 15 Jahren und beschäftigen dort zurzeit insgesamt rund 350 Mitarbeiter.“

Sie sind also zufrieden, in Tschechien investiert zu haben?

„Jawohl!“

24-06-2009