Rusnok: Arbeitslosigkeit in Tschechien wird sich 2010 um zehn Prozent bewegen

20-01-2010

Die Tschechische Republik ist eines der Länder, das die weltweite Rezession bereits überwunden hat. Die wirtschaftliche Leistungsstärke liegt zwar derzeit auf dem Niveau des Jahres 2008, die wichtigsten Trends in den einzelnen Ökonomiebereichen verheißen jedoch eine allmähliche Gesundung der Wirtschaft. Das geht aus der neuesten Quartalsanalyse zur Entwicklung der tschechischen Ökonomie hervor, die das Ministerium für Industrie und Handel vor kurzem veröffentlicht hat. Eine Erscheinung aber setzt ihren Negativtrend leider fort: die Arbeitslosigkeit.

Die Arbeitslosenrate in Tschechien ist im Dezember auf 9,2 Prozent gestiegen. Einen Monat zuvor lag sie noch bei 8,6 Prozent und im November 2008 betrug sie sogar nur 6 Prozent. Insgesamt waren zu Ende des vergangenen Jahres etwas über 539.000 Menschen ohne Arbeit, so die ernüchternde Statistik des Ministeriums für Arbeit und Soziales. Für den Analytiker der Finanzgruppe Fio, Josef Novotný, ist die Zunahme der Arbeitslosen jedoch zunächst keine Überraschung:

Josef NovotnýJosef Novotný „Der sprunghafte Anstieg der Arbeitslosigkeit im Dezember ist eine normale Erscheinung, die durch zwei Faktoren ausgelöst wird: Zum einen durch das Winterwetter und zum anderen durch die Tatsache, dass zum jeweiligen Jahresende stets eine Vielzahl von befristeten Arbeitsverträgen ausläuft.“

Im nahezu gleichen Atemzuge aber prophezeite Novotný:

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Zunahme der Arbeitslosigkeit aus fast identischen Gründen auch im Januar fortsetzt. Im ersten Quartal dieses Jahres wird die Arbeitslosenrate daher weiter ansteigen, und zwar bis zu ihrem Jahreshöchststand. Aber auch für den Rest des Jahres wird die Zahl der Arbeitslosen relativ hoch liegen und sich dadurch negativ auf das Bruttoinlandsprodukt und die staatlichen Ausgaben auswirken.“

Keine besonders optimistische Prognose also für alle tschechischen Arbeitnehmer. Novotný steht zudem mit seiner Meinung nicht allein. Auch der ehemalige Finanzminister und heutige Chef des Rentenfonds-Verbandes, Jiří Rusnok, ist eher skeptisch, was den Arbeitsmarkt betrifft:

„Die Situation wird dort in diesem Jahr alles andere als einfach sein. Es wird zwar zu einer Belebung in der Industrieproduktion kommen und damit wohl auch zu einer ganz leichten Zunahme des Bruttoinlandsprodukts. Die Belebung wird jedoch nicht ausreichend stark genug sein, um neue Arbeitsplätze in größerem Maße zu schaffen. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass neue Arbeitsplätze bei einer Wirtschaft unseres Typs erst bei einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von vier bis fünf Prozent entstehen. Das wird mit Sicherheit nicht der Fall sein. Eine Stagnation der angespannten Arbeitsmarktlage ist also sehr wahrscheinlich.“

Rusnok hat auch eine klare Vorstellung darüber, wie hoch die durchschnittliche Arbeitslosigkeit in diesem Jahr sein wird:

„Ich teile die Meinung all derer, die behaupten, dass sie sich um die zehn Prozent bewegen wird.“

Das ist eine für tschechische Verhältnisse ganz neue und sehr unerfreuliche Größenordnung. Erst einmal vorbei sind die Zeiten, als man auf eine Arbeitslosenrate von relativ konstanten fünf Prozent verweisen konnte. Jetzt aber liegt sie im Schnitt schon doppelt so hoch, ja einige Kreise haben die Marke von zehn Prozent schon überschritten. Die höchste Arbeitslosigkeit gibt es derzeit im Kreis Ústí nad Labem / Aussig mit 13,6 Prozent, gefolgt vom Kreis Olomouc / Olmütz mit 12,2 Prozent und den Kreisen Liberec / Reichenberg und Karlovy Vary / Karlsbad, die bei über 11 Prozent liegen. Für den Kreis Liberec ist diese Zahl bereits ein neuer Negativrekord. Demgegenüber hat Prag mit 3,7 Prozent weiterhin die niedrigste Arbeitslosenrate, und auch der Kreis Mittelböhmen steht mit sieben Prozent noch relativ günstig da.

Das Problem der Arbeitslosigkeit schlägt jedoch nicht nur territorial zu Buche. In dieser Hinsicht macht sich jetzt noch ein ganz anderes Phänomen breit, das der Vorgänger von Rusnok auf dem Posten des Finanzministers, der heutige Chefökonom der Raiffeisenbank in Tschechien, Pavel Mertlík, so beschreibt:

Pavel MertlíkPavel Mertlík „Im Grunde genommen zum ersten Male in der 20-jährigen Geschichte unseres Landes nach der Wende haben besonders Hochschulabsolventen große Probleme damit, nach ihrem Studium einen angemessenen Job zu bekommen. Selbst in der Zeit der Rezession von 1997 bis 1999 standen die Türen für sie überall offen. Ende Dezember 2009 aber waren rund 30.000 von ihnen ohne Arbeit.“

Jiří Rusnok bestätigt diesen unerfreulichen Trend nicht nur, sondern er nennt auch einen der Gründe dafür:

„Wir haben immer mehr Leute, die nominell eine höhere Bildung mit entsprechenden Abschlüssen haben. Aber die Struktur, in der sie ihr Studium absolviert haben, ignoriert im Wesentlichen, wie sich die Struktur der tschechischen Wirtschaft entwickelt.“

Um zu verdeutlichen, was er damit meint, ergänzt Rusnok:

Arbeitsamt Most (Foto: ČTK)Arbeitsamt Most (Foto: ČTK) „Es häufen sich die Hochschulabgänger, die etwas studiert haben, was im direkten und weiteren Sinne mit Management zu tun hat. Von ihnen gibt es bereits ein Überangebot. Aber selbstverständlich können nicht alle von ihnen in die Rolle eines Managers schlüpfen und Firmen beziehungsweise größere Teams leiten. In diese Funktion wächst man zudem nur allmählich hinein. Ich denke, uns fehlen Spezialisten und Experten in einer ganzen Reihe von Bereichen. Wir haben einfach zu viele Leute, die nur sehr allgemein ausgebildet sind.“

Arbeitslosigkeit gab, gibt es und wird es weiter geben. Die Frage ist nur: Wie bekämpft man sie? Zum Beispiel auf Landesebene. In Tschechien schaut man dabei besonders oft auf den Nachbarn Deutschland, der dank einer breit angelegten Umstellung auf Kurzarbeit eine scheinbar gute Lösung für das Problem gefunden hat. Rusnok ist jedoch der Meinung, dass dieses Beispiel auf Tschechien nicht eins zu eins übertragbar sei:

IllustrationsfotoIllustrationsfoto „Bei uns gibt es kein großes staatliches System, das zum Beispiel ein Übergangsprinzip wie Kurzarbeit unterstützen würde. Bei uns kann es sich nur eine starke Firma für eine gewisse Zeit leisten, ein bestimmtes Überangebot an Arbeitnehmern unter Vertrag zu halten. Bei kleineren Firmen ist das nicht möglich. Dort löst man die Beschäftigung sehr operativ, indem man Leute entlässt.“

Für die Tschechische Republik aber wird es in diesem Jahr ganz entscheidend darauf ankommen, den Beschäftigungsgrad möglichst hoch zu halten. Würde dieser weiter absinken, so Rusnok, könnte das große fiskalische Probleme nach sich ziehen. Mit anderen Worten: Der Staatskasse würden Steuereinnahmen auf der einen Seite fehlen und auf der Ausgabenseite würde sie verstärkt mit sozialen Zahlungen wie dem Arbeitslosengeld belastet. Ein Stopp der Entlassungswelle wäre dafür also äußerst wichtig. In dieser Hinsicht aber ist Rusnok ziemlich optimistisch:

„Ich denke, dass es in einem größeren Ausmaß zu einem Entlassungsstopp schon zum Ende des ersten Jahresquartals kommen wird.“

20-01-2010