Siegeszug der Kreditkarten in Tschechien

19-05-2004

Unser diesmaliges Wirtschaftsmagazin beschäftigt sich mit Kreditkarten in Tschechien. Christoph Amthor berichtet über den Siegeszug der Plastikkarte, über Kundenmentalitäten und über Prognosen für die weitere Entwicklung.

Vielleicht kennen Sie das auch: Sie wollen mit der Bahn fahren oder eine Briefmarke kaufen, die Schalter sind schon geschlossen oder von Wartenden belagert. Es bleibt nur noch der Automat. Nicht selten kommt es aber vor, dass dieser gar keine Münzen mehr annimmt, sondern nur noch Karten mit Chip oder Magnetstreifen. Wem diese Erfahrung geläufig ist, dem bleibt keine andere Wahl, als sein Portemonnaie mit denjenigen Plastikkarten anzureichern, die für sich in Anspruch nehmen, für den guten Namen des Trägers, sprich: sein volles Konto, zu bürgen. Was bereits seit Jahren zur deutschen Alltagserfahrung gehört, befindet sich in der Tschechischen Republik gerade am Boomen. Hier wird die Möglichkeit der Kartenzahlung zumeist noch parallel zum Bargeld verwendet.

Doch Geld- und Kreditkarten haben auch hierzulande längst ihren Siegeszug begonnen, die Aufholjagd gegenüber den westlichen Nachbarn macht immense Fortschritte. An vielen Geschäften sind bereits die bekannten Symbole der Marktführer zu finden, in Supermärkten und Kaufhäusern wird die Zahlung mit Karte und Unterschrift angeboten. Kreditkarten stellen eines der am schnellsten wachsenden Segmente des tschechischen Zahlkartenmarktes dar, wie auch Jan Carny, Generaldirektor von MasterCard Europe in Tschechien und in der Slowakei, dem hiesigen Marktführer, bestätigen kann:

Abgesehen davon, dass Mastercard die am weitesten verbreitete Marke für Geldkarten in der Tschechischen Republik ist, gilt dasselbe auch für Kreditkarten. In Tschechien hat Mastercard bis heute schon mehr als 400.000 Kreditkarten ausgegeben. Außerdem ist das Wachstum neuer Karten interessant, der Zuwachs hat sich im Verlauf des letzten Jahres von 200 000 auf über 400 000 mehr als verdoppelt.

Die Gesamtzahl der herausgegebenen Karten der Gesellschaft Mastercard Europe hat sich damit bis Ende 2003 zwischenjährlich um etwa 13 Prozent erhöht und erreichte den Wert von drei Millionen. Carny weist darauf hin, dass die Tschechische Republik, was die Verbreitung von Kreditkarten betrifft, gegenüber den westlichen Nachbarn bereits fast aufgeholt hat:

"Soweit ich also die Tschechische Republik mit den alten Mitgliedsstaaten der Europäischen Union vergleiche, würde ich betonen, dass das Akzeptanznetz der Karten und die Anzahl der Karten pro Bewohner schon vergleichbar sind, und dass der Durchschnitt, der für die alten Länder gilt, in Tschechien schon fast erreicht wurde."

Trotzdem aber gebe es noch grundlegende Unterschiede, was die Einstellung der Kunden gegenüber der Kartenzahlung anbelangt:

Der Hauptunterschied im Verhalten der Kartenhalter, den ich heute sehen würde, ist der, dass in der Tschechischen Republik Karten mehr zum Geldabheben als zum Bezahlen im Geschäft verwendet werden, während in den älteren Mitgliedsstaaten der Europäischen Union der Anteil der Transaktionen im Geschäft größer ist.

Die Karten seiner Gesellschaft werden einer Studie zufolge in Tschechien etwa einmal pro Woche benutzt. Dabei handelt es sich bei den Kartenhaltern überwiegend um jüngere Leute mit überdurchschnittlichem Ausbildungsniveau. 77 Prozent der Karteninhaber haben Abitur und 20 Prozent sogar Hochschulbildung. Bei der Altersstruktur überwiegen mit 38 Prozent die 22- bis 30-jährigen, während die 31- bis 40-jährigen nur etwa 28 Prozent der Kreditkarteninhaber stellen. In vielen Ländern erfüllt die Kreditkarte nicht zuletzt die Funktion eines Statussymbols und ist zugleich der Schlüssel zur "besseren" Gesellschaft. Anders in Tschechien: Hier kommt es den Konsumenten weniger auf Prestige und Tradition der Marke an, als auf praktische Vorteile. Der genannten Studie zufolge stehen hier klare Bedingungen hinsichtlich der Zinsen und der zinsfreien Frist an erster Stelle. Nicht gering wird auch die Informationspolitik der Bank bewertet. Wichtiger als die Möglichkeit von Spontankäufen ist dem tschechischen Kartenhalter zudem die bessere Planbarkeit der Ausgaben. Carny sieht gerade für die Zukunft den Trend, dass die Kreditkarte ihre rein praktische Funktion auch hier überschreiten wird:

Das ist nicht nur eine Frage der Technologie, das ist eine Frage der Elemente, die den Lebensstil der Kreditkartenhalter widerspiegeln.

Bislang jedoch scheint die Kreditkarte noch nicht Teil des tschechischen Lebensgefühls zu sein. Denn viele tschechische Konsumenten haben Bedenken, wie der Verbraucherschutzbund der Tschechischen Republik festgestellt hat. Die Fälschungssicherheit wird dabei genauso in Frage gestellt wie etwa die Modalitäten der Zahlung beim Einkauf. Zudem werden die Gebühren, etwa für das Abheben von Bargeld am Automaten, für überteuert gehalten. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten spielen hier dagegen Datenschutzbedenken eine verschwindend geringe Rolle. Der Siegeszug der Karten lässt sich an der Dicke eines jeden modernen Portemonnaies ablesen: Aus dem Kartenfach wurde ein Leporello, in dem auch Ausweise und Kundenkarten ihren Platz finden, und manche Leute tragen eine ganze Plastikbibliothek in der Tasche. Carnys Optimismus, mit dem er in die Zukunft blickt, ist begründet:

In jedem Fall rechnen wir damit, dass die Anzahl der Kreditkarten auch weiterhin wachsen wird, weil dies einfach ein sehr praktisches Produkt nicht nur für die Kartenhalter, sondern auch für die anderen Beteiligten ist. Zudem rechnen wir damit, dass die Kartennutzung in Geschäften wachsen und an Automaten sinken wird.

Allerdings würden vor allem neue Technologien entwickelt werden, die neue Funktionen ermöglichen. Dazu gehört etwa die Ersetzung des Magnetstreifens durch ein kontaktloses Verfahren und die Nutzung der Karte zur Identifikation ihres Trägers. Und auch Banken lassen sich einiges Neues einfallen, so etwa Bonus-Punkte oder hauseigene Kartenvarianten. Diese Entwicklungen dürften also nicht nur zu einer weiteren Verbreitung der Karten, sondern auch zu einer Vereinfachung des Angebots führen, wovon auch der Endverbraucher profitieren wird. Vorausgesetzt, er ist kreditwürdig.

19-05-2004