Starke Krone wird zum Problem / Munitionsfirma in Vlaším trotzt allen Winden

09-07-2008

Die ständige Aufwertung der Tschechischen Krone macht den heimischen Unternehmen immer mehr zu schaffen. Besonders den Exportfirmen. Deshalb suchte die Assoziation der Exporteure erst neulich bei einem Treffen mit Vertretern der Tschechischen Nationalbank nach Mitteln und Wegen, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Andererseits nimmt die Zahl der Unternehmen zu, die ihre Geschäftigkeit hauptsächlich in Euro abwickeln.

Die Tschechische Krone steigt und steigt. In den zurückliegenden zwölf Monaten ist sie im Kursverhältnis zu anderen Weltwährungen um nicht weniger als 17 Prozent aufgewertet worden. Diese Aufwertung aber entspricht nicht der tatsächlichen Leistungsstärke der tschechischen Wirtschaft, monierte jüngst der Vorsitzende der tschechischen Assoziation der Exporteure, Jiří Grund. Wegen der starken Krone haben die Exporteure im zurückliegenden Jahr Einnahmenverluste von 70 bis 80 Milliarden Kronen (ca. drei Milliarden Euro) hinnehmen müssen, so Grund. Angesichts des fortwährenden Zugewinns der tschechischen Währung, deren Kurs am 1. Juli bereits bei 23,77 Kronen je Euro lag, ist Grund der Meinung, dass hinter dieser Aufwertung nicht nur Spekulanten stehen. Der Analytiker der Agentur Patria Finance, Tomáš Vlk, kennt die wichtigsten Gründe, weshalb die Tschechische Krone unentwegt hoch im Kurs steht:

Jiří Grund (Foto: ČTK)Jiří Grund (Foto: ČTK) „Als den hauptsächlichen Auslöser für diese Entwicklung sehen wir den Kursverfall des amerikanischen Dollars und das allgemeine Misstrauen in amerikanische Aktiva. Das motiviert Investoren vielmehr dazu, die Möglichkeiten zu Investitionen woanders zu suchen. Das äußerst sich zum einem in einem größeren Interesse an natürlichen Ressourcen, und es hat den Anschein, dass diese Situation auch zur Aufwertung der Tschechischen Krone beiträgt.“

Gemeinsam mit der Tschechischen Nationalbank (ČNB) hat die Assoziation der Exporteure am Montag vergangener Woche nach Mitteln und Wegen gesucht, um aus der Sackgasse herauszukommen. Man erwarte endlich eine Reaktion der Prager Regierung, die den Ernst der Lage offensichtlich unterschätze, sagte Grund. Er sei vielmehr der Meinung, dass es sich bei den stetigen Kurssteigerungen durchaus um einen gezielten Angriff auf die Tschechische Krone handeln könnte. Grund verwies in diesem Zusammenhang auf das Jahr 1992 und das Szenarium einer Attacke auf das britische Pfund, bei der sich unter anderem der Megaspekulant George Soros hervorgetan hatte.

Eine weitere Korrektur der Leitzinsen, die sicher kommen wird, werde das Problem auf Dauer nicht mehr lösen, ist sich Jiří Grund sicher. Er sei daher für eine schnellstmöglichste Einführung des Euro in Tschechien, was seiner Meinung nach im Jahr 2012 der Fall sein sollte. Die Einführung des Euro könnte die tschechischen Exportfirmen endlich vor weiteren Kursturbulenzen schützen. Andererseits wären damit wohl auch einige Einbrüche verbunden, vor allem aber ein eher ungünstiger Kurs, zu dem der Euro eingeführt würde, sagte Grund.

Aus all den genannten Gründen gibt es in Tschechien bereits einige Firmen, die ihre Geschäftstätigkeit, und das auch im Inland, weitgehend auf den Euro abgestimmt haben. Der Pkw-Hersteller Škoda Auto handelt schon zu 80 Prozent in Euro, sagte Petr Krob, der Geschäftsführer des tschechischen Betriebes des deutschen Unternehmens EuWe Eugen Wexler, das Plastteile für die Autoproduktion herstellt. Und auch im mittelböhmischen Vlaším gibt es ein erfolgreiches Unternehmen, das seine Geschäftstätigkeit ebenso zum größten Teil in Euro abwickelt.

Hinter die Fassade geschaut

Auf den globalen Märkten wird – zum Glück – zwar nicht mit Waffengewalt gekämpft, aber mit harten Bandagen. Im beschaulichen Vlaším wiederum hat ein mittelständisches Unternehmen seinen Sitz, das dem globalen Konkurrenzkampf gewachsen ist: die Munitionsfabrik Sellier & Bellot. Sie wurde vor mehr als 180 Jahren von den beiden, ihr den Namen gebenden Fabrikanten in Prag gegründet. Mit großem Erfolg:

„Die Herren waren sehr geschickt für ihre Zeit und zwei tüchtige Geschäftsleute. Historischen Quellen zufolge erzählt man sich, dass ein Drittel des Wilden Westens mit Zündern von S & B erobert wurde. In jener Zeit wurden bis zu 700 Millionen Zünder jährlich in die Vereinigten Staaten ausgeführt – eine auch heute noch gigantische Zahl“, sagt der heutige Generalmanager der Firma, Radek Musil. Von den damaligen Zündern ist S & B schrittweise zur Produktion von Munition aller Art übergegangen. Nach wie vor werden hier Kugeln und Schrotpatronen hergestellt; Produkte, die auch in der sozialistischen Ära äußerst gefragt waren.

„Wie wir alle wissen, hat der Staat damals alles unterstützt, was Devisen brachte. Nur in die Vereinigten Staaten durften wir als sozialistisches Land nichts exportieren. Deshalb stiegen wir nach der Wende auf dem US-Markt als absolute Neulinge ein. Auf den anderen großen Märkten wie Deutschland oder Frankreich aber waren wir stets präsent. In Westeuropa waren unsere traditionellen Kontakte nicht gerissen, also konnten wir daran anknüpfen“, schildert Musil die Zeit vor und kurz nach der Wende. Doch schon bald hatte die Firma ein ganz anderes Problem:

„Nach 1989 wurden die großen Aufträge für die tschechische Armee sehr schnell eingestellt, und auch die tschechische Polizei hatte nur noch mäßigen Bedarf. Die Firma hatte also einen großen Teil ihrer Umsätze eingebüßt.“

Das mittelständische Unternehmen, das 1200 Beschäftigte hat, steckte deswegen aber den Kopf nicht in den Sand. Es scheute vielmehr weder Kosten noch Mühe, um den internationalen Markt in alle Himmelsrichtungen zu erobern. Nicht ohne Stolz verkündet Musil: „Gegenwärtig haben wir ein relativ ausgedehntes Netz an Kunden, über das wir heute in rund 70 Länder der Welt liefern. Wir exportieren 85 Prozent unserer Produkte.“

Die Tradition des Unternehmens, der hohe Bekanntheitsgrad der Marke, vor allem aber das sehr gute Preis-Leistungs-Verhältnis hätten dazu geführt, dass die Firma nach der Wende ziemlich rasch auf dem Weltmarkt Fuß fassen konnte. Dafür sorgte zudem noch eine andere Gabe:

„Ich denke, dass wir anderen Herstellern gegenüber die außergewöhnliche Fähigkeit besitzen, auch einzelnen Interessen aus kleinen Ländern sehr flexibel zu begegnen. Wir sind in der Lage, sehr schnell auf ihre Wünsche und Bedingungen zu reagieren. Deshalb ist unsere Kundenkartei heute auch so lang“, sagt Musil. Als Beispiel nennt er einen Grönländer, der mit S & B-Patronen im Eismeer auf Robbenjagd geht. Aber so romantisch ist das Geschäft nicht immer. Vielmehr macht den Mittelböhmen der stetig fallende Dollarkurs zu schaffen. Vor wenigen Jahren habe man für in Dollar-Staaten verkaufte Patronen noch 38 Kronen pro Dollar bekommen. Heute sind es gerade mal 16 Kronen, so Musil. Aber wenn auf der einen Seite halbiert wird, dann muss halt auf der anderen Seite verdoppelt werden. Und es muss gespart werden.

„Wir erhöhen unsere Kapazitäten, investieren in die Technologie, und mit der steigenden Stückzahl unserer Munitionsfabrikate sinkt gleichzeitig die Anzahl unserer Beschäftigten“, erklärt Musil das typische Strickmuster, mit dem Firmen auf unliebsame Entwicklungen reagieren. Die Entwicklung von Sellier & Bellot aber hat schon wieder gigantische Züge angenommen: „Gegenwärtig produzieren wir jährlich 500 Millionen Stück Patronen. Das sind täglich mehr als eine Million Stück.“

Wie über eine Million Patronen täglich aus dem Boden wachsen, darüber erzählten mir die nie zur Ruhe kommenden Maschinen…

09-07-2008