Tošovský: Strategie basiert auf Nutzung aller Energiequellen und auf Einsparungen

14-10-2009

Wirtschaftsminister Vladimír Tošovský hat am Dienstag in Prag die tschechische Energiekonzeption bis zum Jahr 2050 vorgestellt. Radio Prag hat die wichtigsten Kernpunkte des Strategiepapiers im folgenden Bericht zusammengefasst.

Wirtschaftsminister Vladimír Tošovský (Foto: ČTK)Wirtschaftsminister Vladimír Tošovský (Foto: ČTK) „Das ist fürwahr eine langfristige Konzeption für den Energiesektor. Dieser Sektor aber braucht eine solche Strategie, denn die Investitionen, die hier getätigt werden, sind nie kurzfristige Angelegenheiten. 40 Jahre und mehr ist der Planungsstandard im Energiebereich.“

Mit diesen Worten machte der tschechische Wirtschaftsminister Vladimír Tošovský am Dienstag in Prag zunächst klar, weshalb sich auch die jetzige Übergangsregierung mit der Energiefrage und den zukünftigen Lösungen ihrer Gewinnung befassen müsse. Vor der versammelten Presse stellte Tošovský die staatliche Energiekonzeption bis zum Jahr 2050 vor:

Foto: ČTKFoto: ČTK „Ich bin überzeugt davon, dass die tschechische Energiewirtschaft anhand dieser Konzeption bis zum Jahr 2050 eine sichere Grundlage für eine unabhängige Erzeugung von Elektro- und Wärmeenergie haben wird. Und wir werden dann eine Energiegewinnung mit niedrigeren CO2-Emissionen haben. Unser ambitioniertes Ziel ist es, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 um 50 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu reduzieren.“

Die Reduzierung der Kohlenstoffdioxid-Emissionen um die Hälfte gegenüber dem Jahr 1990, das klingt beim ersten Zuhören als ein wirklich hehres Ziel. Die Vereinigten Staaten und die führenden Industrieländer in der EU aber haben – die Weiterentwicklung der heutigen Technologien vorausgesetzt – schon jetzt von einer Emissionsreduzierung von 80 Prozent gesprochen, monieren Umweltschützer. Auf die entsprechende Nachfrage eines Journalisten verteidigte der stellvertretende Wirtschaftsminister, Tomáš Hüner, jedoch das Ziel:

„Das hängt sehr eng mit dem Energiemix zusammen, den wir für die Erzeugung von Elektro- und Wärmeenergie anstreben. Um eine noch stärkere Senkung der Emissionen zu erreichen, müssten wir die Nutzung der fossilen Brennstoffe als Energieträger extrem abbauen. Aus Sicherheitsgründen aber wollen wir auf sie aber nicht verzichten. Unserer vorliegenden Konzeption haben wir die heute realen Technologien zur umweltfreundlichen Energieerzeugung zugrunde gelegt. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet handelt es sich um ein sehr ambitioniertes Ziel.“

Wirtschaftsminister Tošovský wiederum hob noch einmal hervor: „Unsere Strategie ist darauf ausgerichtet, dass wir alle im eigenen Land vorhandenen Energiequellen maximal nutzen. Nur so können wir eine gesicherte Energieversorgung für jeden Verbraucher im Land garantieren.“

Mit anderen Worten: Die in Tschechien noch reichlich vorhandene Kohle soll zur Energieerzeugung weiter fest genutzt werden. Deshalb müsse man ernsthaft darüber nachdenken, die seit 1991 in Tschechien gesetzlich festgelegten Förderlimits aufzuheben, sagte Tošovský:

„Unsere Konzeption setzt voraus, dass wir die Aufhebung der begrenzten Kohleförderung vorschlagen werden.“

Wenn die Limits zur Kohleförderung tatsächlich fallen sollten, dann müssten zum Beispiel in Nordböhmen kleinere Ortschaften wie Černice und Horní Jiřetín ihren Abriss fürchten. Eine Vorstellung, die für den ehemaligen Umweltminister und Ex-Grünen-Chef Martin Bursík einfach undenkbar ist:

„Wir werden es nicht zulassen, dass 20 Jahre nach der Wende Ortschaften niedergerissen werden für den Abbau von Kohle und ihrer anschließenden Verbrennung.“

Sozialdemokratenchef Jiří Paroubek schlägt eine andere Lösung vor: „Über diese Dinge sollten die Bürger des Kreises Ústí nad Labem in einem Referendum entscheiden.“

Petr Leichner von der örtlichen Bürgerinitiative Dialog ist sich bewusst, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen ist:

„Das ist ganz gewiss keine positive Nachricht für Einwohner von Horní Jiřetín und Umgebung. Wir jedenfalls wollen nicht, dass hier Kohle gefördert wird und der Ort dadurch verschwindet. Anderseits sollten wir auf diese Möglichkeit vorbereitet sein. Wir müssen der Gefahr ins Auge sehen und deshalb wollen wir über eine eventuelle Übersiedelung verhandeln. Sollte es dazu kommen, wollen wir zuvor natürlich auch die für uns bestmöglichen Bedingungen aushandeln.“

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Die Kohle wird also in Tschechien ein wichtiger Energieträger bleiben, auch wenn sie vornehmlich nur zur Gewinnung von Heizwärme verbrannt werden soll. Im künftigen Energiemix wird ihr Anteil an der Erzeugung von Elektrizität und Wärme jedoch zurückgehen – von 42 Prozent im Jahr 2005 auf 20 Prozent im Jahr 2050. Dafür sollen zwei andere Energieträger eine immer größere Rolle spielen: Im Jahr 2050 sollen der Anteil der Atomkraft am tschechischen Energiemix bei 25 Prozent und der Anteil der erneuerbaren Energien bei 15 Prozent liegen. Gas und Öl dagegen werden mit 21 bzw. 19 Prozent ihre heutigen Anteile in etwa beibehalten, so der Plan.

Um die Erhöhung des Atomkraftanteils zu gewährleisten, müssen die bisherigen Kapazitäten weiter ausgebaut werden, sagte Vizeminister Hüner:

„In erster Linie sollen in Temelín ein dritter und vierter Reaktorblock hinzukommen. Im Kernkraftwerk Dukovany wiederum soll eine umfassende Rekonstruktion dazu führen, dass die Betriebsleistung der jetzigen Blöcke verbessert und ihre Lebensdauer verlängert wird. Erst danach sollen weitere Reaktoren im Umfeld von Dukovany entstehen.“

Bei den erneuerbaren Energien setze die Konzeption vor allem auf die Biomasse, sagte der Berater des Wirtschaftsministers, Pavel Šulc:

Die Biomasse (Foto: ČTK)Die Biomasse (Foto: ČTK) „Den überwiegenden Anteil an den erneuerbaren Energien wird die Biomasse einnehmen. Einem bereits im Vorjahr durchgeführten Gutachten zufolge, das von einer unabhängigen Expertenkommission erstellt wurde, sind unsere Möglichkeiten bei der Energieerzeugung mittels Solar- und Windenergie sehr begrenzt. Wir gehen daher davon aus, dass sich im Zeitraum um die Jahre 2030 und 2040 die Biomasse immer mehr durchsetzen wird. Wir werden sie jedoch weniger für die Gewinnung von Elektroenergie, sondern vielmehr als Heizmaterial für die Wärmeerzeugung nutzen.“

Einen wichtigen Punkt im Strategiepapier nehmen auch Energieeinsparungen ein. Dazu erklärte Wirtschaftsminister Tošovský:

„Wir legen in unserer Gesamtkonzeption sehr großen Wert auf Energieeinsparungen. Sie wollen wir nicht nur durch einen geringeren Verbrauch, sondern auch durch eine effizientere Herstellung und Verteilung der Energie erzielen. Zudem wollen wir eine Verringerung der Energieintensität erreichen. Wir rechnen damit, dass wir die Energieintensität unseres Landes bis zum Jahr 2050 um bis zu 70 Prozent reduzieren können.“

Die von Wirtschaftsminister Vladimír Tošovský und seinem Mitarbeitern im Ministerium ausgearbeitete Energiekonzeption kann jedoch nur dann greifen, wenn sie auch in der Regierung auf breite Zustimmung trifft. Bis der Regierungsbeschluss dazu fallen wird, werden noch viele Meinungen eingeholt. Auch die öffentliche, denn das Wirtschaftsministerium hat die Konzeption auch im Internet veröffentlicht.

14-10-2009