Tourismusbranche in Tschechien bäckt wieder kleinere Brötchen

29-10-2008

Die weltweite Finanzmarktkrise hinterlässt auch in der Tschechischen Republik erste Spuren. Sie ist neben der starken Krone einer der gewichtigen Faktoren, weshalb die hiesige Tourismusbranche ihren vorherigen Boom inzwischen beendet hat.

Erst ablehnend, dann zögerlich und mittlerweile offen geben viele Branchen zu, dass sie von der weltweiten Finanzmarktkrise betroffen sind. Auch in Tschechien ist das nicht anders. Selbst ein zuletzt gut florierender Wirtschaftszweig wie der Reiseverkehr muss nunmehr wieder kleinere Brötchen backen:

„Die Zeiten, in denen der Reiseverkehr in jedem Jahr um zehn bis 15 Prozent gestiegen ist, sind zu Ende. Dieser Boom hat die letzten vier, fünf Jahre angehalten, so dass wir in dieser Zeit ein Wachstum von rund 60 Prozent verzeichnen konnten. Das hatte zur Folge, dass mehrere Anbieter aus der Branche ihre Kapazitäten stark erhöht haben. Jetzt aber sind wir wieder dort angelangt, wo wir vor fünf bis sechs Jahren waren“, sagte der Präsident der Assoziation der Hotels und Restaurant in Tschechien, Pavel Hlinka, unlängst gegenüber Radio Prag.

Pavel HlinkaPavel Hlinka Hlinka zufolge wird jetzt nicht nur die Zahl der privat reisenden Touristen weiter zurückgehen, sondern auch die Unternehmen werden ihre Aktivitäten merklich einschränken. Zum Beispiel bei der Durchführung von Konferenzen, Kongressen und anderen Firmenveranstaltungen. Es besteht die Gefahr, dass ausländische Konzerne und Gesellschaften wegen finanzieller Engpässe ihre in Tschechien geplanten Kongresse wieder absagen.

Die ersten Absagen auf dem Gebiet des Kongress- und Firmentourismus seien bereits registriert worden, hat der Sprecher der Assoziation der tschechischen Reisebüros, Jan Papež, vor Journalisten in Prag bestätigt. Es handelt sich dabei um Stornierungen von Reservierungen für das kommende Jahr auf dem Sektor des Ausreise-Tourismus. Und zwar deshalb, weil bereits mehrere ausländische Firmen ihren tschechischen Zweigstellen mitgeteilt haben, dass sie für das Jahr 2009 keine Gelder zum Besuch von Kongressen und Seminaren im Ausland bewilligt bekommen, ergänzte Papež.

Der Kongresstourismus ist vor allem für die tschechischen Hotels eine sehr gute Einnahmequelle. Im vergangenen Jahr haben in ihren Räumlichkeiten über 3500 Kongresse und Konferenzen mit mehr als 100 Teilnehmern stattgefunden. Das ist um 8,6 Prozent mehr als im Jahr 2006. Nach Angaben des Tschechischen Statistikamtes (ČSÚ) ist die Anzahl der Kongressteilnehmer im zurückliegenden Jahr um sieben Prozent auf knapp über 700.000 Gäste gestiegen. Die Agentur Czechtourism wiederum hat herausgefunden, dass Firmentouristen auch wesentlich mehr Geld ausgeben, und zwar im Schnitt an die 6000 Kronen (ca. 240 Euro) pro Tag. Das ist in etwa das Doppelte der Ausgaben, die ein privat reisender Tourist täglich macht. Die Tatsache, dass das Geld bei den nach Tschechien kommenden Touristen nicht mehr so locker sitzt wie noch vor ein, zwei Jahren, hat jedoch, so Jan Papež, noch einen anderen Grund:

„Natürlich hat vor allem die starke Tschechische Krone einen großen Einfluss auf den Einreisetourismus. Wenn Sie nur einmal die Übernachtungspreise in Prag oder anderen größeren Orten in Tschechien zu Rate ziehen, dann stellen Sie fest, dass wir schon kein Land mehr sind, das zu den billigen Urlaubsregionen gehört. Die Klientel, die einen guten Kompromiss zwischen Qualität und Preis sucht, bleibt daher der Tschechischen Republik bereits fern.“

Im Gegensatz zum Firmentourismus mache sich die Finanzmarktkrise auf dem Sektor des individuellen Reiseverkehrs derzeit zwar kaum bemerkbar, doch das müsse nicht so bleiben, sagt der Reisebüro-Sprecher. Wie er vertritt auch der Analytiker Jaromír Beránek die Auffassung, dass man die Folgen der Krise erst mit einer gewissen Verzögerung zu spüren bekommen werde, am stärksten vermutlich im nächsten Jahr. Deswegen sei es mehr als ärgerlich, dass Tschechien im Ringen um internationale Gäste eine sehr nachhaltige Entwicklung wohl vorerst verschlafen habe, meint Papež:

„Zurzeit kämpfen zum Beispiel München wie auch Wien darum, dass die chinesische Fluggesellschaft in schon naher Zukunft Direktflüge zu ihren Städten anbietet. Gemeinsam mit Indien ist nämlich China das Land mit den eindeutig stärksten Zugangsraten im Ausreise-Tourismus. Die Tschechische Republik hingegen unternimmt nichts der gleichen. Dabei hatten wir die Möglichkeit, dass die Maschinen einer neuen Fluglinie dreimal in der Woche von Shanghai nach Prag fliegen. Diese Möglichkeit vertan zu haben, ist einfach nur traurig.“

In den diesjährigen Bilanzen der tschechischen Hotels und Restaurants aber wird sich die globale Finanzmarktkrise mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht allzu kräftig niederschlagen. Davon ist jedenfalls der Präsident ihrer Assoziation, Pavel Hlinka, überzeugt:

„In diesem Jahr werden wir einen leichten Rückgang zu verzeichnen haben. Doch er wird kaum mehr als ein bis zwei Prozent betragen, was unbedeutend ist angesichts der großen Zuwächse in den vergangenen Jahren. Es ist also nach wie vor sehr lukrativ, in dieser Branche zu arbeiten.“

Wie bereits gehört, wird der Einreise-Tourismus nach Tschechien in diesem Jahr eine leicht rückläufige Tendenz aufweisen. Vom Ausreise-Tourismus kann man das jedoch nicht behaupten. Im Gegenteil, die Tschechen nutzten und nutzen in diesem Jahr ihre relativ starke Landeswährung vermehrt zu Urlaubsreisen ins Ausland. Dafür hat sich der Kaufboom in den heimischen Geschäften etwas gelegt. Ein wesentlicher Grund dafür ist die gestiegene Inflationsrate, die aufgrund der von der Topolánek-Regierung zu Beginn des Jahres umgesetzten Reformschritte bei ungewöhnlich hohen sechs bis sieben Prozent liegt. Einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der Gesellschaft Unilever zufolge wollen die Tschechen diesmal auch zu Weihnachten sparsamer sein als in den Jahren zuvor. Im Schnitt 3667 Kronen (ca. 147 Euro) will der Einzelne für Geschenke ausgeben; das sind 1350 Kronen (ca. 54 Euro) weniger als noch vor zwei Jahren, wird in den Ergebnissen der Umfrage angeführt. Und zieht man sich einen anderen Umfragewert zu Rate, wird der Tritt auf die Konsumbremse noch deutlicher: Zwölf Prozent der Befragten gaben an, in ihrem Haushalt vor zwei Jahren mehr als 20.000 Kronen (über 800 Euro) für Weihnachtsgeschenke ausgegeben zu haben. In diesem Jahr will jedoch nur ein Prozent der tschechischen Haushalte zu Weihnachten so tief in die Tasche greifen.

Wird also auch der tschechische Kleinhandel in diesem Jahr mit den Folgen der hohen Inflation und der jetzigen Finanzmarktkrise zu kämpfen haben? Der Präsident des Verbandes für Handel und Reiseverkehr in Tschechien, Zdeněk Juračka, sieht das nicht so. Seiner Meinung nach könne man eher feststellen, dass die Kunden nicht mehr alles kaufen, sondern wieder mehr Wert auf Qualität legen würden. Und kleinere Geschäfte, in denen der Kunde weniger Zeit verliert als in den Supermärkten oder aber in denen besser beraten wird, sind wieder „in“, sagte Juračka und ergänzte:

„Ich möchte noch einmal sagen: Den Einnahmen-Rückgang im Kleinhandel sollte man nicht dramatisieren. Ich würde das eher als eine Art Stagnation bezeichnen. Zudem ist zu beobachten, dass sich der Kunde bei seinem gegenwärtigen Verbrauch etwas umorientiert.“

29-10-2008