Tschechien trotz Arbeitskräftemangel weiter Topstandort für deutsche Investoren

19-03-2008

Am Dienstag hat die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK) in Prag die Ergebnisse der zum neunten Male durchgeführten Konjunkturumfrage präsentiert. Es war die vierte Umfrage, die unter der Regie der Kammer sowie die dritte Umfrage, die nach einheitlichem Muster durchgeführt wurde.

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Der Umfrage zufolge sind die deutschen Unternehmen in Tschechien mit der gegenwärtige Lage durchaus zufrieden: Über die Hälfte der Befragten (57 %) bezeichnet ihre aktuelle Geschäftslage als gut, fast ebenso viele (51 %) erwarten für 2008 eine Verbesserung ihrer Geschäftslage. Doch es gibt auch Standortkriterien, die kritisiert werden. Welche das sind, und zu weiteren Einzelheiten der Umfrage habe ich mit Sebastian Holtgrewe dem Leiter der Abteilung Unternehmenskommunikation, das folgende Gespräch geführt:

Wie ist die Konjunkturumfrage ausgefallen? Wie ist die Stimmungslage unter den deutschen Firmen?

„Also, die Stimmungslage hier in der Tschechischen Republik ist nach wie vor gut. Die Fragen aber, die offen sind und die sich auf die Zukunftsaussichten der Firmen beziehen, fallen eher kritisch aus. Nicht unbedingt was die Geschäftslage der Unternehmen betrifft, sondern dazu, wie sie die weitere Entwicklung des Standorts Tschechien hier erwarten.“

Das heißt mit anderen Worten: Die deutschen Firmen fühlen sich in Tschechien weiter gut aufgehoben, aber in die Zukunft geblickt, betrachten sie einige Tendenzen schon etwas kritisch. Welche Tendenzen sind das genau?

„Die kritischste Tendenz, die wir in Tschechien haben, ist die Fachkräfteproblematik. Oder besser gesagt: der akute Fachkräftemangel. Das wirkt sich natürlich auch auf andere Wirtschaftsindikatoren aus. Wie beispielsweise die Investitionstätigkeit, die zurückgeht. Denn man schafft natürlich keine Arbeitsplätze mehr, bei denen man am Ende gar nicht weiß, ob man die damit verbundenen Positionen auch mit qualifizierten Kräften besetzten kann.“

Der Fachkräftemangel in Tschechien ist bereits ein Dauerthema. Ist denn da noch keine Lösung in Sicht?

„Nein, es ist keine Lösung in Sicht. Es hat sich in den letzten Jahren in diesem Bereich eigentlich nichts getan, außer dass man davon reden kann, dass es noch schlimmer geworden ist. Der tschechische Arbeitsmarkt gibt einfach kein Potenzial mehr her. Die Lösung, die von uns auch immer wieder an die Politik und an die Presse weitergegeben wird, wäre die Einführung einer dualen Berufsausbildung ähnlich wie in Deutschland. Das könnte den Unternehmen gerade im technisch-gewerblichen Bereich wieder gut ausgebildete Arbeitskräfte liefern.“

Was wird weiter kritisch gesehen? Ich nenne nur zwei Stichpunkte: die Korruption...

„Die Korruption ist bei unseren befragten Unternehmen als der am schlechtesten bewertete Standortfaktor evaluiert worden. Das Beunruhigende daran ist der Fakt, dass sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren so gut wie überhaupt nichts getan hat. Das ist weiter eine Riesenproblematik hier in der Tschechischen Republik, die beispielsweise mit der Transparenz von öffentlichen Ausschreibungen zusammenhängt. Das gibt den Unternehmen natürlich eine gewisse Unsicherheit bei ihrer Geschäftstätigkeit in Tschechien mit auf den Weg.“

…und die Euro-Einführung:

„Die Tendenz ist beunruhigend. Wir sind mittlerweile beim Kronen-Euro-Kurs von 25 Kronen je Euro! Das ist eine Aufwertung der Krone gegenüber dem Euro, die sowohl einer volkswirtschaftlich-ökonomischen Analyse zufolge als auch aus unserer Sicht kaum nachvollziehbar ist. Das ist natürlich für die Unternehmen, die wir befragt haben – also deutsche Unternehmen bzw. Unternehmen mit deutscher Beteiligung in Tschechien – ein Riesenproblem. Und zwar, weil sie gerade auf diesen grenzüberschreitenden Handel von Euroland zu Nicht-Euroland setzen. Jetzt aber müssen sie auf dieser Schiene gravierende Währungsverluste hinnehmen.“

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Im Moment aber sieht es insgesamt gut aus. Von daher haben sich viele Firmen ziemlich positiv zum Wirtschaftsstandort Tschechien geäußert, den sie nach wie vor als den besten in den ost- und mitteleuropäischen Ländern des ehemaligen Ostblocks ansehen. Warum ist das so und wie lange wird dieser Trend nach Meinung der Firmen noch anhalten?

„Wie unserer Konjunkturumfrage ebenso zu entnehmen war, engagieren sich viele Unternehmen inzwischen auch im Bereich Forschung und Entwicklung. Sie vertreten also nicht mehr das gängige Image der „verlängerten Werkbank“ hier in Tschechien, sondern sie haben sich quasi schon auf die neuen Gegebenheiten umgestellt und investieren sehr viel in den genannten Bereich. Das wird sehr positiv von uns bewertet. Ein zweiter, wesentlicher Faktor, warum gerade Unternehmen mit deutscher Beteiligung hier in Tschechien sehr zufrieden sind und Tschechien als besten Standort betrachten, ist die geografische Nähe. Das muss man ganz einfach so sehen. Tschechien ist von Deutschland aus leicht zu erreichen, dementsprechend ist auch das Risiko relativ gering. Gerade für kleinere und mittelständische Unternehmen. Wenn diese Firmen hier in Tschechien zum Beispiel komplizierte und technisierte Produktionsstraßen aufbauen und irgendetwas läuft nicht, dann können sie sich im Zweifel ins Auto setzen und sind in vier, fünf Stunden am Standort, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Das geht bei anderen Standorten, zum Beispiel in Rumänien, nicht ganz so einfach.“

Kann man daraus den Schluss ziehen, dass Tschechien nach wie vor ein attraktives Industrieland ist? Vor allem, weil man Tschechien auch als Sprungbrett für Investitionen in weitere Länder des Ostens, die noch große Gewinne versprechen, sehen kann?

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „Absolut! Das ist genau dieser Charakter, den Tschechien bei den Investoren nach wie vor verkörpert – nämlich das Tor zum Osten zu sein. Dass man also von hier aus seinen ersten Schritt Richtung Osteuropa macht und von hier aus auch seine Aktivitäten weiter plant. Das haben viele Unternehmen, die wir betreut haben, auch genauso getan. Die Tschechische Republik ist nach wie vor ein absolut attraktiver Wirtschaftsstandort. Aufgrund der immer weiter steigenden Binnennachfrage auch verstärkt für Einzelhändler und Handelsunternehmen.“

Den deutschen Unternehmen geht es in Tschechien nach wie vor gut. Es hat sich gelohnt, hierzulande zu investieren, aber man wird vorsichtiger. Wo muss die Tschechische Republik aufpassen, wo muss sie zulegen, dass das auch so bleibt?

„Da darf ich mich wiederholen und festhalten: Zuallererst muss im Bildungssystem nachgelegt werden, wo es einen dringenden Reformbedarf gibt. Und zum Zweiten ist hier die Euro-Einführung zu nennen. Der Kampf gegen die Korruption schwebt eigentlich immer wie ein dunkles Tuch über der Tschechischen Republik. Das sind im Grunde genommen die drei Kernprobleme, wie sie derzeit von den Unternehmen gesehen werden und die es anzupacken gilt. Wenn da aktiv entgegen gewirkt werden kann, bin ich der festen Überzeugung, dass die Tschechische Republik mittel- und langfristig für deutsche Unternehmen weiterhin einer der wichtigsten Investitionsstandorte in Europa sein wird.“

 

Orkan Emma: Sturmschäden keine Belastung für Makroökonomie

Foto: ČTKFoto: ČTK Zu Monatsbeginn tobte der Orkan Emma über halb Europa und hat auch in Tschechien große Schäden verursacht. Gesamtschäden, die mit über 150 Millionen Kronen (mehr als sechs Millionen Euro) beziffert wurden. Waren es aber auch Schäden, die sich auf die hiesige Volkswirtschaft niederschlagen werden? Der Vizegouverneur der Tschechischen Nationalbank, Mojmír Hampl, verneint diese Frage:

„Ich würde diese einmaligen Ereignisse nicht überbewerten. Es ist zwar möglich, dass die Sturmschäden einen kurzzeitigen Einbruch bei den Geschäftserwartungen der Versicherungen für dieses Jahr nach sich ziehen werden, doch das sind alles nur kleine Teilbereiche, die die Makroökonomie kaum tangieren. Es ist aber eben die Makroökonomie, die uns ein schlüssiges Bild über unsere Wirtschaft vermittelt. Und nur das zählt und interessiert uns.“

Den größten Teil der Schäden, über 100 Millionen Kronen, hatte das staatliche Energieunternehmen ČEZ zu verzeichnen. Eine ähnlich hohe Schadensrechnung wie im vergangenen Jahr, als Orkan Kyrill seine zerstörerische Spur hinterlassen hat, sagt ČEZ-Sprecher Ladislav Kříž:

„Die diesjährigen Schäden werden ähnlich groß sein, ja eher noch etwas höher ausfallen. Schon deswegen, weil bei Kyrill kein einziger Hochspannungsmast beschädigt wurde, jetzt aber sind es gleich sieben an der Zahl. Und deren Reparatur ist sehr teuer.“

19-03-2008