Tschechische Biere erobern die Welt

17-07-2002

Seit einigen Monaten erlebt die Bierbranche eine weltweite Konsolidierung der Eigentumsverhältnisse. Den Besitzer wechselten in den letzten zwei Jahren z. B. die britischen Bierproduzenten Bass und Whitbread,, spekuliert wird auch über einer Fusion der größten europäischen Brauereien Interbrew, Heineken, Carlsberg und Scottish & Newcastle. Im Mai dieses Jahres kaufte die Südafrikanische Gruppe SAB die zweitgrößte amerikanische Brauerei Miller auf und wurde somit zum zweitgrößten Player auf dem globalen Biermarkt. Auch das tschechische Brauwesen bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont. Im Jahr 1999 wurde der größte tschechische Bierproduzent, Pilsner Urquell, von der Gruppe SAB und die tschechische Nummer zwei, die Prager Brauereien, von der drittgrößten Gruppe der Welt, der belgischen Interbrew übernommen. Was diese Entwicklung für die tschechischen Brauereien bedeutet und wie es heute um das tschechische Brauwesen steht, hören sie in den folgenden Minuten, zu denen ichr guten Empfang wünsche.

Bier gilt als das Nationalgetränk der Tschechen. Im Volksmund nennt man es hierzulande "das flüssige Brot". Doch die Zeiten, in denen der Gerstensaft bei jeder Gelegenheit und zu jeder Tageszeit gern getrunken wurde, scheinen sich allmählich zu ändern. Im Zuge des sich wandelnden Lebensstils greifen die Tschechen immer mehr auch auf nichtalkoholische Getränke oder Wein zurück. Mit einem Verzehr von 156 Liter pro Person bleiben die Tschechen jedoch auch weiterhin an der Weltspitze der Bierkonsumenten. Und obwohl der inländische Bierkonsum um ganze 309 Tausend Hl gesunken ist, produzierten die tschechischen Brauereien im Jahr 2001 insgesamt 17,9 Millionen Hl Bier, also nur um ein Viertel Prozent weniger als im Jahr 2000. Manche Brauereien haben ihre Produktion sogar erhöht. Und dieses Jahr will man den Prognosen nach ein noch größeres Produktionsvolumen erreichen. Wie kommt diese, für Außenstehende widersprüchliche Entwicklung zu Stande, erklärte uns der ökonomische Direktor des Tschechischen Brauerei- und Mälzereiverbandes, Ivo Trojan:

"Natürlich durchläuft Unsere Gesellschaft seit dem Jahr 1989 einen Wandel. Die Menschen orientieren sich immer besser auf dem Markt und auch das Getränkesortiment ist deutlich breiter geworden, das verursacht eine gewisse Abkehr vom Bier. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass die Zahl der Bier nachfragenden Touristen in unserem Land extrem gestiegen ist - jährlich sind es über 100 Millionen Besucher. Und gleichzeitig beobachten wir einen stets wachsenden Export des tschechischen Bieres. Diese zwei Aspekte ersetzen de facto die sinkende einheimische Nachfrage. Das bringt für die tschechischen Bierproduzenten im Endeffekt eine gewisse Stabilität."

Und was bedeutet dies für die Struktur des tschechischen Brauwesens ? Werden sich alle Bierproduzenten auf dem Markt halten können ?

"Meiner Meinung nach werden sich auf unserem Markt die sog. Big players etablieren, genug Raum bleibt jedoch auch für die kleinen Brauereien, die das Bierangebot zusätzlich ergänzen und für die geschmackliche Vielfalt sorgen werden, damit auf dem Markt jeder Konsument sein Bier findet."

Das sehen die Vertreter des tschechischen Verbandes der kleinen, freien Brauereien allerdings anders: Während die großen einheimischen Industrieproduzenten ihr Volumen im Jahr 2001 sogar steigern konnten, erlebten die kleineren Brauereien einen Verfall von rund 41%. Sie sind die Opfer des sinkenden Bierkonsums. Und ihre Situation wird durch den harten Konkurrenzkampf zwischen den "Big Players", hinter denen kapitalstarke internationale Gruppen stehen, noch zusätzlich erschwert. Denn diese bringen die kleineren zunehmend um ihre wichtigsten Abnehmer - Bierstuben, Restaurants und Bars. Diesen Trend belegen auch die Statistiken. Gemessen an dem Produktions- und Umsatzvolumen waren im vergangenem Jahr die großen Brauereien - z.B. Pilsner Urquell, Radegast, Budvar und die Prager Brauereien - die klaren Gewinner. Sie produzierten gar 76% des tschechischen Gesamtvolumen.

Doch auch so scheint der heimische Markt den großen Industrieproduzenten bereits zu eng zu sein. Um die Profite kontinuierlich zu steigern, müssen sie zunehmend noch andere Wege beschreiten. Eine der effektivsten Methoden ist die Durchdringung ausländischer Märkte und Steigerung des Exportes. Im Ausland wird das Bier nämlich wesentlich teurer als zuhause verkauft. Vor diesem Hintergrund kamen die Übernahmeaktivitäten der starken internationalen Gruppen den inländischen Großbrauereien gelegen, denn diese bringen Kapital und Auslandskontakte mit. Pilsner Urquell, die tschechische Nummer eins und die Nummer zwei, Radegast, die rund 30 bzw. 17% der Marktanteile halten, gehören beide zur SAB Gruppe. Die Prager Brauereien, die gegenwärtig ca. 14% der gesamten Biermenge produzieren, sind ein Teil der drittgrößten Bierbraugruppe der Welt, der belgischen Interbrew . Deren Zahlen für 2001 belegen: Der Export entwickelt sich in den letzten zwei Jahren wesentlich dynamischer als die Produktion für die inländischen Konsumenten.

Im Jahr 2001 wurden 1,85 Millionen Hl Bier exportiert, das ist um 17% mehr als im Vorjahr. Zum größten Exporteur wurde mit rund 580 Tausend Hl Pilsner Urquell. Deren Sprecher, Jaroslav Pomp, erklärte uns, welche Vorteile sich die Gesellschaft von der Aquisition verspricht :

"Die Fusion mit SAB brachte uns viele Vorteile. Es haben sich zum einem neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe SAB eröffnet. Z. B produzieren wir unsere Lizenzmarken Velkopopovický Kozel und Gambrinus in der slowakischen Brauerei Saris, die ebenfalls zur SAB gehört. Des weiteren können wir die Kapitalstärke der Gruppe nutzen: Die ersten positiven Auswirkungen sind die deutlich gestiegenen Exportzahlen - im letzten Jahr haben wir um 37% mehr ausgeführt als im Vorjahr und in den nächsten Jahren erwarten wir einen weiteren rapiden Exportzuwachs. Dank SAB konnten wir auch auf den amerikanischen Markt vordringen und durch die Fusion von SAB mit der US- Brauerei Miller bekamen wir ein weiteres Distributionsnetz dazu. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2010 Pilsner Urquell zu einem der zehn meistverkauften Biere der Welt zu machen."

Der steigende Absatz auf den ausländischen Märkten rief bei Pilsner Urquell ebenfalls Überlegungen zum Thema Lizenzproduktion im Ausland hervor. Finanziell gesehen ist diese für die Gruppe sehr attraktiv, denn der Export ist durch Zölle, Steuern sowie Transport sehr kostenintensiv. Doch wie uns Jaroslav Pomp bestätigte, hat Pilsner Urquell noch keine konkreten Pläne für eine ausländische Lizenzproduktion:

"Unser Generaldirektor äußerte sich in dem Sinne, dass eine künftige Lizenzproduktion möglich ist. Die Gruppe SAB beabsichtigt, sich stark auf dem chinesischen und indischen Markt zu engagieren. Auf diesen verheißungsvollen Märkten wäre auch für uns eine Lizenzproduktion interessant. Es liegen jedoch noch keine konkreten Entscheidungen vor. Zuerst müssen wir tiefgreifende Analysen des Marktes durchführen und die Einstellung der Konsumenten prüfen."

Alles positiv also: Steigende Umsätze, Produktionserweiterung. Doch könnte die Übernahme von einheimischen Brauereien nicht z. B. auch dazu führen, dass in den Köpfen der Verbraucher allmählich die Verbindung zwischen den einzelnen Biermarken und Tschechien aufgelöst wird ? Diese Frage haben wir exemplarisch dem Sprecher von Pilsner Urquell gestellt:

"Nein, dass befürchten wir auf keinen Fall, denn das Image der Marke Pilsner Urquell ist eng an Pilsen gebunden. Pilsen ist und bleibt die Geburtswiege von Pilsner Urquell. Und es war gerade die internationale Stärke der Marke Pilsner Urquell, die die Gruppe SAB zum Engagement in unserer Gesellschaft bewegte."

Wie sich das besagte Engagement internationaler Gruppen in der Struktur des hiesigen Brauwesens tatsächlich niederschlagen wird bleibt, vorerst offen. Sicher ist jedoch eins, Tschechien war und bleibt das Land des Bieres.

17-07-2002