Tschechischer Pharmamarkt: preiswerte Medikamente, aber bürokratische Hürden

09-12-2009

20 Jahre sind seit der politischen Wende in der Tschechoslowakei vergangen. 20 Jahre, in denen sich auch die Wirtschaft grundlegend gewandelt hat. Das trifft unter anderem auf die tschechische Pharmaindustrie zu. Sie profitiert von einem liberalisierten Markt und einem größeren Angebot an Heilmethoden gegenüber dem zentralisierten System der kommunistischen ČSSR. Über diese Entwicklung hat Radio Prag mit Emil Zörner, dem Geschäftsführer und Sprecher des tschechischen Pharmaverbandes, gesprochen.

Als Konsequenz auf die Niederschlagung des Prager Frühlings war Emil Zörner 1968 in Deutschland geblieben, um nach abgeschlossenem Studium auch eine freie berufliche Entwicklung nehmen zu können. Als Vertreter des britischen Pharmazieunternehmens Glaxo kam er 1992 in sein Heimatland zurück, um die Produkte dieser Firma auch auf dem hiesigen Markt zu etablieren. An die damalige Marktlage in der föderativen Tschechoslowakei erinnert sich Zörner noch ganz genau:

„Der Markt war natürlich von den damaligen tschechischen Firmen sehr dominiert. Sie hatten riesige Marktanteile. Zu diesen Firmen gehörte nicht nur Léčiva, heute Zentiva, sondern auch Firmen wie Galena oder Lachema. Diese Firmen wurden dann aber graduell von internationalen Firmen übernommen. Sie existieren auch heute noch, aber in einer veränderten Form.“

Trotz der schwierigen Ausgangslage drängten Glaxo und weitere ausländische pharmazeutische Firmen nach 1989 auf den tschechischen Markt. Der Grund: Sie wussten um das Interesse an ihren Erzeugnissen, so Zörner:

„Auf dem Markt existierte ein sehr, sehr eingeengtes Spektrum an Medikamenten. Meistens waren es Generika oder Medikamente, die schon veraltet waren. Man brauchte hier also neue Medikamente. Die Ärzte wussten, dass man einen Patienten auch noch anders behandeln kann. Als man ihnen dann die Diagnose erklärt hat von Krankheiten, die bis dahin falsch diagnostiziert wurden, hat das natürlich das Interesse der Ärzte geweckt. Sie waren fortan sehr interessiert daran, die neuen Medikamente zu verwenden und die Patienten, die sie bis dahin vielleicht nicht ganz richtig behandeln konnten, plötzlich ganz anders heilen zu können.“

Eine wichtige Voraussetzung für den geschäftlichen Erfolg ist die schnellstmöglichste Zulassung eines Medikaments für den jeweiligen Markt. Schon damals seien die Notwendigkeiten, die ein Medikament für eine Registrierung erfüllen musste, für alle Firmen in etwa gleich gewesen. Man musste allerdings relativ lange auf die bestätigte Registrierung warten. Doch auch hier hat sich einiges zum Positiven gewandelt, sagt Zörner:

„Damals waren die Prozesse etwas länger. Im Regelfall hat ein Registrierungsprozess vielleicht sieben Monate gedauert, im schlimmsten Fall vielleicht auch drei Jahre. Das ist natürlich jetzt nach dem Beitritt Tschechiens in die EU ganz anders. Und zwar deshalb, weil man praktisch die zentrale Registrierung oder die gegenseitige Anerkennung honoriert. Damit haben sie das Medikament in einer viel, viel kürzeren Zeit registriert. Es gibt immer noch bürokratische Schwierigkeiten im tschechischen System, besonders bei der Preisbestimmung und bei der Bestimmung, wie viel eine Krankenversicherung für das Medikament bezahlen soll. Das sind sehr unangenehme Hürden, und sie verwässern ein wenig das beschleunigte europäische Verfahren.“

In Tschechien sind Medikamente in der Regel um einiges billiger zu haben als beispielsweise im westeuropäischen Ausland. Das trifft aber längst nicht auf alle Präparate zu, sagt der Sprecher des Pharmaverbandes. Dennoch: Zörner bestätigt die Preisunterschiede und erklärt, woran das liegt:

„Tschechien hat seit zirka 15 Jahren ein System, nach dem die Preisverhandlungen mit den Firmen sehr hart geführt werden, das Deckeln der Preise eingeschlossen. Damit hat man die Firmen tatsächlich dazu gezwungen, sehr niedrige Preise auf dem tschechischen Markt zu verlangen.“

Die niedrigen Preise für Medikamente in Tschechien haben aber auch eine negative Kehrseite, ergänzt Zörner:

„Es ist für die Firmen ein Problem, denn man wird deshalb natürlich in Tschechien ein Medikament nicht unbedingt als erstes in Europa auf den Markt bringen, sondern man wartet zunächst ab. Man legt einen europäischen Standardpreis fest, denn wenn man zuerst auf den tschechischen Markt ginge, dann müsste man die Latte sehr niedrig ansetzen. Deshalb kommt dann ein neues Medikament auch erst später in Tschechien an. Das ist sowohl für die Firmen als auch für den Patienten ziemlich ungünstig.“

Mit dieser Praxis schade sich das tschechische Gesundheitssystem letztlich selbst, da es auch die Generika häufig erst viel später auf den Markt bringen kann und so mehr Geld für die teueren Originalpräparate ausgeben muss. Für alle Nichtmediziner erklärt Zörner, was unter einem Generikum zu verstehen ist:

„Es gibt ein Originalpräparat. Das hat eine Firma in ihrer Forschung entwickelt. Damit sie die teure Forschung auch finanzieren kann, hat sie einen Patentschutz für einen bestimmten Zeitraum. Wenn dieser Patentschutz abgelaufen ist, kann jede beliebige Firma das Präparat nachahmen, also ein volles Äquivalent davon produzieren. Wenn dieses Präparat dann die klinischen Notwendigkeiten erfüllt, dann kann das Präparat auch auf den Markt kommen. Und wie gesagt, dann ist das generische Präparat immer billiger als das Originalpräparat.“

Trotz der bürokratischen Schwierigkeiten, das internationale Know-how in alle Bereiche der hiesigen Medizin einzuführen, so steht das tschechische Gesundheitssystem heute fast schon auf einer Stufe mit dem Niveau des westlichen Systems, meint Zörner. Das spüre man neben der ärztlichen Betreuung und der medizinischen Forschung auch beim Arzneimittelangebot:

„Als Patient können Sie heute auf jeden Fall gegen ein entsprechendes Rezept nahezu jedes Medikament erhalten, egal ob es tschechischen oder internationalen Ursprungs ist. Der tschechische Markt bietet eine große Auswahl an Medikamenten, auch wenn die Varianten vielleicht nicht so mannigfaltig sind wie in einem großen westeuropäischen Land oder in den Vereinigten Staaten. Das Angebot ist jedoch so ausreichend, dass sie für jede Indikation das richtige Medikament hier bekommen können.“

Das tschechische Gesundheitssystem einschließlich seiner Pharmaindustrie hat also den internationalen Anschluss hergestellt. Doch darauf ausruhen könne man sich nicht, sagt Zörner, und nennt die wichtigsten Aufgaben der nächsten Zeit:

„Die Pharmaindustrie muss nach wie vor damit leben, dass in dem System begrenzte Geldmittel sind. Das ist ein Problem, das weltweit existiert. Vor allem aber muss die Pharmaindustrie in Zusammenarbeit mit den staatlichen Organisationen daran arbeiten, ein besseres und vernünftigeres legislatives Rahmenwerk zu schaffen. Das Rahmenwerk, das wir jetzt haben, erfüllt nämlich nicht seine Aufgaben. Es führt teilweise zu sehr widersprüchlichen Resultaten. Das System ist sehr kompliziert. Es muss vereinfacht werden und es muss ermöglichen, dass die Medikamente schneller zu den Patienten kommen. Und das zu günstigeren Preisen, sowohl für die Versicherungen als auch für den Patienten selbst.“

09-12-2009