Umfrage: Trotz schlechter Wirtschaftslage, Tschechien bleibt attraktiver Standort

18-03-2009

Einen solch rasanten Umschwung der Wirtschaftslage, wie er mit der Krise auch in Tschechien ausgelöst wurde, hätten sich die Experten der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK) vor einem Jahr noch schwer vorstellen können. Im März 2008 präsentierten sie stolz die Ergebnisse ihrer neunten Konjunkturumfrage. Zu welcher Einschätzung aber sind die deutschen Unternehmen in Tschechien jetzt gekommen? Die aktuelle Umfrage förderte es zu Tage.

Die Wirtschaftslage in Tschechien hat sich laut der jüngsten Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer dramatisch verschlechtert. 52 Prozent der befragten Unternehmer stuften die aktuelle Wirtschaftslage als „schlecht“ ein. Im Jahr 2008 waren es nur zwei Prozent. 40 Prozent der Unternehmen erwarteten, dass sie in diesem Jahr Arbeitskräfte entlassen müssen. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es nur neun Prozent. Ja, es war sogar so, dass viele Unternehmen noch vor zwölf Monaten beklagten, keine gut qualifizierten Arbeitsnehmer mehr hierzulande zu finden. 54 Prozent der Unternehmen rechneten für dieses Jahr mit Umsatzrückgängen. Nur bei einer Frage behielten die rund 120 teilnehmenden Unternehmen dieselbe Einschätzung wie in den Vorjahren: Die europäische Gemeinschaftswährung Euro soll nach ihrem Wunsch so schnell wie möglich an die Stelle der Tschechischen Krone treten. Der Umfrage zufolge wurde das von 86 Prozent der Unternehmen gefordert.

Zu den Ergebnissen der Konjunkturumfrage hat Radio Prag zudem den Leiter der Abteilung Unternehmenskommunikation bei der Kammer, Sebastian Holtgrewe befragt.

Sebastian HoltgreweSebastian Holtgrewe Herr Holtgrewe, wenn Sie die Umfrage des letzten Jahres mit der aktuellen Konjunkturumfrage vergleichen würden, was hat sich da verändert? Was sind jetzt die Schwerpunktthemen, was wurde kritisiert, was ist positiv bewertet worden?

„Also erst einmal hat sich natürlich die Situation an sich ins komplette Gegenteil gedreht. Wir haben in der diesjährigen Konjunkturumfrage mehr als die Hälfte der Unternehmen, die sagen, dass die Wirtschaftslage nicht mehr gut ist. Konkrete Faktoren, die sich jetzt geändert haben, gibt es eigentlich nicht so viele. Und zwar deshalb, weil sich die Lage in Tschechien anhand der Standortfaktoren kaum verändert hat. Durch die Wirtschaftskrise ist aber in der globalen Wirtschaft einiges umgestürzt und ins Negative gedreht worden. Wegen der extremen Exportabhängigkeit des Standorts wirkt sich das hierzulande auch sehr stark aus. Die Standortfaktoren in Tschechien dagegen sind nach wie vor fast gleich bewertet worden von den Unternehmen.“

Nun aber haben sich die Schwerpunkte verlagert. Früher hieß es, die Anzahl der qualifizierten Arbeitskräfte ist zu gering. Mittlerweile aber werden viele Arbeitnehmer entlassen. Welche Themen werden jetzt in den Vordergrund gestellt?

„Ein ganz wichtiger Punkt, der aus unserer Umfrage hervorgegangen ist, ist die Euro-Einführung. Sie wird derzeit als wichtiger denn je angesehen. Eine Planungssicherheit ist gerade in Krisenzeiten für die Unternehmen das A und O. Denn eine verlässliche Finanzplanung jetzt machen zu können, würde dem Unternehmen schließlich auch die Personalplanung erleichtern. Die großen Wechselkursschwankungen zwischen Euro und Krone aber sind ein massives Problem. Wir sprechen immerhin von 20 Prozent Kursverlust, den die Krone vom Sommer letzten Jahres bis Ende Februar dieses Jahres einstecken musste. Und solche Differenzen kann kaum eine Firma in seine Planungen mit einfließen lassen.“

Warum ist anscheinend in Regierungskreisen das Thema Euro-Einführung noch tabu bzw. wird auf die lange Bank geschoben?

„Ich kann Ihnen das aus Sicht der Kammer und auch aus Sicht der internationalen Unternehmen, die hier in Tschechien sind, kaum beantworten. Ich kann immer nur das Votum der Wirtschaft wiederholen, das da lautet: Der Euro muss hierher, und zwar so schnell wie möglich! Wie die Regierung darüber denkt, da kann ich nur spekulieren. Ich hoffe aber, dass man jetzt sieht, wie die Entwicklung in der Slowakei ist. Dort zeigt sich nämlich, dass sich die Befürchtungen vor rapiden Preissteigerungen als Folge der Euro-Einführung nicht bewahrheiten. Von daher hoffe ich, dass man jetzt auch in Tschechen alles Notwendige dafür tut, um den Euro sehr schnell ins Land zu bringen.“

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Nichtsdestotrotz haben über 80 Prozent der Firmen geäußert: Wenn sie noch einmal ins Ausland investieren würden, dann würden sie das erneut in Tschechien tun. Warum?

„Das bedeutet ja in erster Linie, dass die Unternehmen mit ihrem Investment hier zufrieden sind. Viele der Unternehmer sind schon längere Zeit hier und haben hier auch sehr gute Geschäfte gemacht in den vergangenen Jahren. Die Standortfaktoren in Tschechien sind also nach wie vor gut. In allererster Linie natürlich die Nähe zu Deutschland, die ein massiver Vorteil gerade für kleine und mittelständische Investoren ist. Auf der anderen Seite ist es so, dass sich durch die Finanzmarktkrise und durch die zahlreichen Entlassungen jetzt auch der Arbeitsmarkt wieder entspannt hat. Man kann das also auch positiv sehen. Und wenn Unternehmen hierzulande gut aufgestellt sind, dann kann man sich das zurzeit auch durchaus zunutze machen und sich gut positionieren für die Zeit nach der Krise. Tschechien ist und bleibt ein sehr attraktiver Investitionsstandort für deutsche Unternehmen. Dafür sprechen gleich mehrere Gründe. Zum Beispiel die guten Kontakte, die schon immer sehr eng gewesen sind, und die infrastrukturelle Anbindung zu Deutschland, die immer besser wird.“

In Krisenzeiten zeigt sich ja immer deutlich, auf wen mehr und auf wen weniger Verlass ist. Kann man daher behaupten, dass Tschechien von den Ländern des ehemaligen osteuropäischen Wirtschaftsblocks als dasjenige angesehen wird, auf das man sich verlassen kann und von dem aus man seine Geschäfte auch am besten weiter in Richtung Osten ausdehnen kann?

„Genau, das kann ich so unterschreiben. Tschechien ist geografisch gut gelegen und man hat von hier aus gute Möglichkeiten, weiter in Richtung Osten zu expandieren. Tschechien ist mit Sicherheit einer der attraktivsten Standorte in dieser Region. Nicht von ungefähr lag Tschechien im Attraktivitätsranking der mittel- und osteuropäischen Staaten in den letzten drei Jahren auf Platz eins. Und alles spricht dafür, dass das auch in diesem Jahr so bleiben wird.“

18-03-2009