Verschuldung tschechischer Haushalte steigt jährlich 30 bis 35 Prozent

25-08-2004

Von der neuen Gartengarnitur für die Chata über die Eigentumswohnung bis hin zum Kroatien-Urlaub: Kaufen auf Kredit wird in Tschechien immer beliebter. Im Jahr 2000 war weniger als ein Drittel der Tschechen bereit, einen Kredit aufzunehmen. Heute sind es bereits 60 Prozent, wie eine Umfrage der GE Capital Bank ergab. Mit 100.000 Kronen, das sind rund 3.300 Euro, ist eine tschechische Familie im Schnitt verschuldet. Ein Grund zur Sorge bestehe laut Experten dennoch nicht, gehört Tschechien doch damit EU-weit zu den Schlusslichtern. Über das Ausmaß der Verschuldung tschechischer Haushalte und die zukünftige Entwicklung hat sich Sandra Dudek informiert:

Die tschechischen Banken und Kreditinstitute können nicht klagen: Jährlich wächst der Kreditumfang um 30 bis 35 Prozent, eine Änderung ist derzeit noch nicht in Sicht. Damit hat sich in den letzten fünf Jahren die Verschuldung tschechischer Haushalte verdoppelt und beläuft sich mittlerweile auf 320 Milliarden Kronen, das sind rund zehneinhalb Milliarden Euro. Wofür ein Kredit aufgenommen wird, bestimmt mitunter die Saison oder auch ein sportliches Großereignis: Vor dem Sommer ist zum Beispiel die Nachfrage nach Kühlschränken stark angestiegen und die Fußball-Weltmeisterschaft hat den Absatz von Fernsehgeräten erhöht. Der Eindruck, die Tschechen würden vor allem Ratenkäufe tätigen, täuscht aber. Den Löwenanteil der Fremdmittelfinanzierung machen Hypotheken und Bausparkredite aus, so Petr Slabý, stellvertretender Marketingchef der tschechischen Bank Komercní banka:

"Annähernd zwei Drittel aller Kredite, die von tschechischen Haushalten aufgenommen werden, sind für das Wohnen bestimmt, das heißt direkt für den Bau eines Einfamilienhauses, den Kauf einer Wohnung, die Renovierung einer Wohnung oder auch zur Finanzierung der Wohnungseinrichtung."

Trotz des sprunghaften Anstiegs des Kreditumfangs von jährlich 30 bis 35 Prozent, ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft, wie ein internationaler Vergleich zeigt: Während in Tschechien der Anteil der Bankschulden gemessen am Bruttoinlandsprodukt derzeit bei lediglich knapp zehn Prozent liegt, sieht es jenseits der Landesgrenzen schon ganz anders aus, wie Jan Hainz, Pressesprecher von GE Capital Bank, zu berichten weiß:

"Wenn wir zu unseren Nachbarn schauen, dann liegt das Verhältnis in Deutschland bei 45 Prozent und in Österreich bei 31 Prozent. Anders gesagt: Die Verschuldung zum Beispiel der tschechischen gegenüber den österreichischen Haushalten beträgt lediglich ein Drittel."

Noch krasser ist das Verhältnis der Verschuldung zum Bruttoinlandsprodukt im EU-Schnitt sowie in den Vereinigten Staaten, sagt Hainz:

"Wenn wir uns die EU-Länder ansehen, dann beträgt dort das Verhältnis 52 Prozent und am höchsten ist es natürlich in den USA, wo es sogar bei 85 Prozent liegt."

Während die Gesamtverschuldungsrate der tschechischen Haushalte also relativ gering ist, sieht es im Einzelfall jedoch oft anders aus: Knapp zwei Drittel der Erwerbstätigen verdienen weniger als der Durchschnitt und sind damit auch bei kleineren Investitionen auf Darlehen angewiesen. Diverse Schutzmechanismen sollen daher die Kreditnehmer vor der Schuldenfalle bewahren: Auf Seiten der Banken gehören dazu zum Beispiel der Informationsaustausch über das bankeninterne Kreditregister, das auch die GE Capital Bank und die Komercní banka nutzen, und Modelle wie das so genannte "Kunden-Screening", mit dem die Zahlungsfähigkeit der Kunden errechnet wird. Aber auch die Kreditnehmer selbst können Schutzmaßnahmen ergreifen. Und viele tun das auch, so Jan Hainz von GE Capital Bank:

"In der Tschechischen Republik ist es ziemlich üblich, eine Versicherung für den Fall des Arbeitsplatzverlustes abzuschließen. Über 84 Prozent der Kunden nehmen das in Anspruch. Das heißt, viele Kunden wählen diesen Schutz und verringern damit das Risiko im Falle eines auftretenden Problems, wie zum Beispiel einer unerwarteten Krankheit, des Verlusts des Arbeitsplatzes oder etwas Ähnliches. Durch die Kombination der Schutzmechanismen können wir die Überschuldung unserer Kunden ausschließen, was relativ wichtig ist. Damit leihen wir ihnen nicht mehr, als sie unter Berücksichtigung ihrer gegenwärtigen Situation fähig sind zurückzuzahlen."

Dass Sicherheitsmechanismen oft nur graue Theorie sind, zeigt die Praxis: Vor allem Menschen mit geringerem Einkommen und Rentner können den Verlockungen des Konsums oft nicht widerstehen. Mit dem schwieriger kontrollierbaren und nicht versicherten Kauf auf Raten ist die von den Banken empfohlene Verschuldungsgrenze von 30 Prozent des Nettoeinkommens schnell überschritten. Petr Slabý von der Komercní banka sieht darin nicht ein so großes Problem: Die "Kredittradition" in Tschechien sei zwar eine nicht so ursprünglich gewachsene wie in vielen anderen Staaten Europas, dafür aber sei das Kreditverhalten der Tschechen ein sehr verantwortungsvolles. Für die Zukunft prognostiziert er:

"Wir denken, dass das Tempo des Wachstums bereits seinen Gipfel erreicht hat und sich schrittweise stabiliseren und geringfügig verlangsamen wird. Das heißt, dass wir, und das gilt für den ganzen Banksektor, nicht erwarten, dass das jährliche Wachstum von 35 Prozent noch übertroffen, sondern sich auf dieser Höhe halten wir. Wir gehen davon aus, dass das auch nach dem Anstieg der Kaufkraft tschechischer Haushalte so bleiben wird."

Rein wirtschaftlich betrachtet bleibt also noch mehr als genug Spielraum: Die heute mit 100.000 Kronen verschuldete vierköpfige Familie, wird in fünf Jahren doppelt soviel Schulden zurückzahlen müssen. Und liegt damit immer noch bei 50 Prozent des EU-Schnitts. Dem Einzelnen stellt sich dann nur die Frage, ob diesen zu erreichen als erstrebenswertes Ziel gesehen werden kann.

25-08-2004