Wärmedämmung in Tschechien: Boom-Markt mit Luft nach oben

15-06-2016

Die Deutschen gelten ja als „Volk der Abdichter und Wärmedämmer“. Auf dem Niveau sind die Tschechen noch lange nicht. Doch der Markt hat auch hierzulande angefangen zu boomen. Allerdings sagen Fachleute, dass die Potenziale nicht ausgereizt werden.

Mosaic House (Foto: VitVit, CC BY-SA 4.0)Mosaic House (Foto: VitVit, CC BY-SA 4.0) Es gibt in Prag kaum einen besseren Ort für das Thema als das sogenannte Mosaic House. Es ist das erste Hotel hierzulande, das zu 100 Prozent regenerative Energien nutzt – und mit der entsprechenden Wärmedämmung ausgestattet ist. In diesem Gästehaus jedenfalls präsentiert Petr Holub die neuesten Zahlen. Holub leitet den Interessenverband „Šance pro budovy“ (Eine Chance für Gebäude), dieser vereint rund 300 Firmen, die im energiesparenden Hausbau tätig sind. Die Skala reicht von Architekten über die Hersteller von Dämmstoffen bis zu Finanzdienstleistern. Petr Holub:

„Der energiesparende Hausbau ist gegen Mitte der 1990er Jahre auch hier in Tschechien angelaufen. Erstmals wurde über Wärmedämmung nachgedacht, das entsprechende Material war nun auch zu bekommen, und die Projektleiter hatten sich das notwendige Wissen angeeignet. In den vergangenen Jahren sind die Zuwachszahlen in dem Sektor gestiegen. Denn es wird mehr über das Thema gesprochen. Die Hausbesitzer sind auch besser informiert und wissen, dass die Wärmesanierung zu Einsparungen führt und ein besseres Wohnumfeld schafft.“

Passivhaus (Quelle: „Šance pro budovy“)Passivhaus (Quelle: „Šance pro budovy“) Gestiegen ist beispielsweise das Interesse an EPC-Projekten, also schlüsselfertigem Gebäudebau, mit garantierten Energieersparnissen. Laut „Šance pro budovy“ wurden in Tschechien im vergangenen Jahr insgesamt 380 Millionen Kronen (14 Millionen Euro) in solche Projekte investiert.

Im Jahr 2010 hatte es hierzulande nur drei Gebäude mit Umweltzertifikat gegeben, im vergangenen Jahr waren es bereits 87. Auch die Zahl der Passivhäuser hat deutlich zugenommen und erreichte ihren Höhepunkt im Jahr 2014. Damals sind rund 1000 dieser Gebäude entstanden, die keine herkömmlichen Heizsysteme brauchen, weil sie effizient wärmegedämmt sind.

Petr Holub (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag)Petr Holub (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag) Das Problem bei all diesen Zahlen ist jedoch, dass große Unterschiede bestehen zwischen Einfamilienhäusern und Mietgebäuden.

„Bis zu zehn Prozent der Einfamilienhäuser werden heute in Tschechien im Passivenergiestandard gebaut. Bei den Mietshäusern sind es nur zwei Prozent. Der Unterschied liegt darin, dass zum einen die Passivenergiebauweise bei Einfamilienhäusern durch das Programm ‚Zelená úsporám‘ (Grünes Licht für Einsparungen, Anm. d. Red.) gefördert wird, dass zum anderen aber immer mehr Bauherren diese Förderung erst gar nicht in Anspruch nehmen. Sie umgehen den Aufwand, beim staatlichen Umweltfonds einen Förderantrag zu stellen, und finanzieren die entsprechenden Maßnahmen aus der eigenen Tasche. Das ist in jedem Fall ein positiver Trend. Bei den Mietshäusern gibt es diesen Trend noch nicht. Nach der Finanzkrise entsteht in Tschechien gerade erst ein gewisser Passivenergiebau-Boom bei Immobilienprojekten. Dies sollte unterstützt werden. Deswegen verhandeln wir gerade mit dem Umweltministerium über eine Förderung, die zum Bau von Mietshäusern im Passivhausstandard motiviert“, so Petr Holub.

Foto: Barbora KmentováFoto: Barbora Kmentová Neubauten bereits energieeffizient zu gestalten, ist allerdings die einfachere Variante. Um einiges schwieriger ist die Wärmedämmung in bestehenden Bauten. Zumal unterschiedliche Ansichten bestehen, bei welchen Häusern sich dies auch finanziell rechnet. Allgemein wünscht sich Petr Holub aber in Tschechien mehr Anstrengungen in diesem Bereich.

„Wir schätzen, dass etwa ein Prozent der bestehenden Gebäude pro Jahr saniert werden. Es gibt allerdings dazu keine landesweite Statistik. Ein Prozent bedeutet aber, dass jedes Gebäude nur etwa alle 100 Jahre an die Reihe kommt. Das ist entschieden zu wenig. Unserer Meinung nach sollte der Zeitabstand zwischen den Sanierungen bei 35 bis 40 Jahren liegen. Das würde bedeuten, die Sanierungsrate auf 2,5 bis 3,0 Prozent pro Jahr zu steigern.“

Pasivhaus (Foto: Pichler Haus, CC BY-SA 3.0)Pasivhaus (Foto: Pichler Haus, CC BY-SA 3.0) Eine Steigerung ist auch notwendig, um die Vorgaben der Europäischen Union zu erfüllen. Es geht um die 20-20-20-Ziele. Demnach soll in den EU-Staaten bis 2020 auch die Energieeffizienz um 20 Prozent erhöht werden. Dafür hat die Europäische Kommission im laufenden Förderzeitraum zusätzliche Mittel bereitgestellt. Doch Tschechien ist um zwei Jahre im Verzug, noch keine einzige Krone davon wurde bewilligt. Vladimír Sochor ist beim Ministerium für Industrie und Handel zuständig für Energieeffizienz und Energiesparen:

Atomkraftwerk Temelín (Foto: Archiv ČEZ)Atomkraftwerk Temelín (Foto: Archiv ČEZ) „Das ist meiner Ansicht nach kein so großes Problem. Dass es gedauert hat, das Gesamtprogramm abzusegnen, liegt nicht nur an Tschechien. Alles wurde mit der Europäischen Kommission ausgehandelt – und der gegenseitige Genehmigungsprozess hat deutlich länger gedauert als erwartet. Er war erst im vergangenen Sommer beendet. Seitdem rufen wir dazu auf, Anträge einzureichen. Die Anträge laufen auch bereits ein, aber es wurde noch über kein Projekt entschieden und es wurden noch keine Gelder genehmigt.“

Um den Vorgaben der EU nachzukommen, müssen in Tschechien laut Eurostat rund 50 Petajoule an Energie eingespart werden. Das sind etwa 13.900 Gigawattstunden und damit etwas mehr, als das Atomkraftwerk Temelín pro Jahr ins tschechische Netz einspeist. Wäre nicht bei den EU-Programmen gebummelt worden, hätte man dieses Ziel erreichen können, rechnet Petr Holub vor:

Foto: ponsulak, FreeDigitalPhotos.netFoto: ponsulak, FreeDigitalPhotos.net „Hätten wir mit der Umsetzung bereits zum 1. Januar 2014 begonnen, dann hätten wir in Gebäuden etwa 40 Petajoule einsparen können. Die restlichen zehn Prozent hätte die Industrie beisteuern können. Alle acht Jahre können wir, realistisch betrachtet, etwa 40 Petajoule einsparen. Wir haben spät begonnen. Zwar werden auch einige Einsparungen aus früheren Jahren eingerechnet, da das Basisjahr 1990 ist. Dennoch sind wir im Rückstand. Allerdings halten wir nicht das Erreichen der Ziele für wichtig, sondern dass die Programme jetzt langsam auch wirklich anlaufen. Nur dadurch erreicht man einen anhaltenden und gleichmäßigen Zuwachs. Und in dem Gewerbe ist eine gewisse Vorhersehbarkeit wichtig.“

Wünschen würde sich Petr Holub auch, dass die Förderung übersichtlicher gestaltet ist. Die tschechischen Ministerien kochen ihm zufolge aber gerne ihre eigenen Süppchen. Holub kann das beurteilen, schließlich war er früher am Umweltministerium beschäftigt. Und er vergleicht:

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „Bei der Energieeffizienz ist Deutschland unser großes Vorbild. Dort betreut die KfW ein einziges Programm für alle Gebäude – egal ob es nun Neubauten oder Altbauten sind. Weil das Programm langfristig angelegt ist, reicht auch ein ziemlich kleiner Anteil an Förderung. Er liegt bei 7 bis 20 Prozent der Kosten, was in Tschechien nicht helfen würde. Bei uns bestehen gleich acht Programme, in denen man sich zurechtfinden muss. Deswegen haben wir ein eigenes Internetportal für Antworten rund um das Renovieren von Häusern angelegt. In den Ländern östlich von uns sieht es aber deutlich schlechter aus, und Tschechien könnte daher den Weg aufzeigen. Nirgendwo anders in Mittel- und Osteuropa besteht nämlich ein ebensolches kontinuierliches Förderprogramm für Energieeffizienz in Einfamilienhäusern wie bei uns.“

Die Förderprogramme sind dabei auch volkswirtschaftlich relevant. 98 Prozent der Materialien werden in Tschechien gefertigt, und genauso wird die Arbeitsleistung fast ausschließlich hierzulande erbracht. Häufig geschieht dies genau in der Region, in der das jeweilige Gebäude steht. Petr Holub erläutert:

„Es entsteht ein großer Multiplikatoreffekt für die tschechische Wirtschaft. Über die Förderprogramme könnten etwa 30.000 bis 40.000 zusätzliche Arbeitsplätze in Tschechien entstehen. Und das sind qualifizierte Jobs, etwa für Ingenieure. Aber auch auf dem Bau sind dann geschulte Arbeiter nötig, damit Qualität geschaffen wird.“

15-06-2016