Wirtschaftlickeit des AKW-Temelin auf dem Prüfstand

04-12-2002

Wenn wir Temelin hören, denken die meisten von uns sicherlich zunächst an Pannen, Sicherheitsrisiken und an die Folgen von Kernenergie für die Umwelt. In einem etwas breiteren Kontext wurde Temelin auf einer internationalen Konferenz mit dem Thema "Alternativen in der tschechischen Stromversorgung" diskutiert, die vor Kurzem in Cesky Krumlov (Krumau) statt fand. Dort widmete man sich nicht nur umweltpolitischen sondern auch wirtschaftlichen Aspekten des tschechischen Energiesektors. Wir haben dies zum Anlass genommen, uns die gegenwärtige Diskussion etwas genauer anzuschauen und Sie, liebe Hörer und Hörereinnen, in unserer heutigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazin darüber zu informieren:

Ausgehend von einer vom tschechischen Bürgerverein "In der Havariezone Temelin" in Auftrag gegebenen multikriteriellen Analyse bewertet Radkov Pavlovec, Temelin-Beauftragter in Oberösterreich, die Wirtschaftlichkeit des AKW wie folgt:

" Es hat sich herausgestellt, dass das AKW nicht benötigt wird, um die Stromversorgung der Tschechischen Republik zu gewährleisten. In wirtschaftlicher Hinsicht wäre es sehr viel günstiger, die sogenannte Nullvariante umzusetzen, also das Projekt Temelin ein für allemal einzufrieren. An seiner statt sollten andere Elektrizitätswerke voll genutzt werden, über die die Tschechische Republik verfügt. Diese sind in der Lage, den Strombedarf problemlos mindestens bis zum Jahre 2015 decken."

Pavlovec hatte in einer vor zwei Jahren veröffentlichten Studie geäußert, dass er die Argumentation des Temelin-Betreibes CEZ a.s., dass die Fertigstellung des AKW-Temelin aufgrund unzureichender Produktionskapazitäten und drohender Energielieferengpässen unbedingt notwendig sei, für nicht der Wahrheit entsprechend hielt. Anders, so Pavlovec, sei der plötzliche Anstieg des Exportvolumens des Unternehmens Ende des Jahres 1999 nicht zu erklären.

Der Pressesprecher des Energiekonzerns, Ladislav Kriz, hält dagegen:

"Temelin ist keineswegs unwirtschaftlich. Diese Behauptungen gehen wohl eher auf die Angst vor der im Gegenteil vielversprechenden wirtschaftlichen Situation des Kernkraftwerks zurück. Temelin hat sicherlich einen Nachteil: Es erfordert enorme Investitionen. Der Vorteil des AKW besteht aber darin, dass die Kosten für den Betrieb sehr gering sind und daran scheinen die Leute in der letzten Zeit Anstoß zu nehmen."

Ein weiterer Punkt, der den Konferenzteilnehmern der buchstäbliche Dorn im Auge ist, stellt die geplante Fusion des Energiekonzerns CEZ a.s. mit fünf Verteilerfirmen in der Tschechischen Republik dar. Radko Pavlovec begründet seine Bedenken:

"Die Regierung der Tschechischen Republik plant diese Fusion, die momentan von der Anit-Monopol-Behörde geprüft wird. Die Mehrheit der hier Anwesenden ist überzeugt davon, dass dieser Zusammenschluss dazu führen würde, dass Quersubventionierungen weiterhin die Regel darstellten, die Verluste wettmachen sollen, die der Aktiengesellschaft CEZ a.s. bei der Stromproduktion anfallen. An erster Stelle sei hier das Verlustgeschäft AKW Temelin genannt, das zu Lasten der Endverbraucher in den tschechischen Haushalten geht. Diese Fusion würde es ermöglichen, für mehrere Jahre die positiven Effekte der Liberalisierung des Marktes zu annullieren, die in der Tschechischen Republik erst seit Beginn dieses Jahres spürbar sind und deshalb lehnen die Teilnehmer dieser Konferenz diese Fusion ab. Es werden politische und juristische Schritte gegen diesen Zusammenschluss initiiert werden."

Wir haben den Pressesprecher Herrn Kriz gebeten, zu dem Vorwurf, mit der geplanten Fusion lediglich negative Bilanzen kaschieren zu wollen, Stellung zu nehmen:

"Diese Dinge haben überhaupt nichts miteinander zu tun. Mit der Zusammenführung wollen wir die tschechische Energiewirtschaft an die Strukturen in Westeuropa anpassen, denn in keinem der EU-Mitgliedsstaaten herrscht solch eine Aufteilung zwischen den Energie erzeugenden und den Energie verteilenden Unternehmen. Eine Ausnahme bilden hier lediglich die Niederlande und Luxemburg."

Ein Vorwurf, dem sich die Energiegigant CEZ ebenfalls immer wieder stellen muss, betrifft seine Stromexporte ins Ausland. Dabei wird dem Unternehmen unterstellt, Billigstrom zu Dumpingpreisen zu handeln. Da Deutschland als der Hauptabnehmer gilt, baten wir Dr. Ludwig Trautmann-Popp vom Bund Naturschutz in Deutschland hierzu zu Wort:

"Tschechien hat schon vor der Inbetriebnahme-Phase des AKW Temelin stark anwachsende Mengen an Strom nach Deutschland exportiert. In der Größenordnung von 20 Prozent der eigenen tschechischen Stromversorgung. Das ist sicherlich in Europa ein Rekord und dieser Export wird, so sieht man es heute und so wird man es in Zukunft sehen, mit der Inbetriebnahme des AKW Temelin weiterhin stark ansteigen. Die Zahlen in Deutschland, die ja alle offen zugänglich sind über die Import-Exportverhältnisse, machen deutlich, dass dieser Strom in Deutschland nicht gebraucht wird, denn wir haben selbst Überkapazitäten die weit größer sind als die gesamte tschechische Stromversorgung. Deutschland importiert etwa soviel Strom wie es exportiert, es ist also von diesem Geschäft gar nicht abhängig. Allerdings wird der Strom aus Tschechien zu so niedrigen Preisen angeboten, dass ihn die deutschen Stromversorger (wir wissen bis heute nicht welche es sind und das ist der einzige geheime Punkt bei dem Ganzen) aufkaufen, denn das ist ja fast geschenkt und statt dessen im gleichen Umfang eigene Kraftwerke nicht betreiben. Das funktioniert aber nur solange, solange der Strom zu so niedrigen Preisen angeboten wird."

Kriz dazu:

"Temelin-Gegener behaupten das bereits seit drei Jahren und sogar die EK hat diese Frage untersucht und ist zu der Feststellung gelangt, dass es sich keinesfalls um Dumping handelt und dass in den Preisen alle Kosten enthalten sind."

Die Konferenzteilnehmer bezeichneten die tschechische Energiepolitik insgesamt als alternativlos und sagten, sie entwickele sich in vielen Punkten den Entwicklungen anderer Industriestaaten, insbesondere EU-Staaten engegengesetzt.

"Die Tschechische Regierung wird es nicht schaffen, den EU-Anforderungen an den Ausbau der erneuerbaren Energie zu erfüllen, denn wir haben gehört, wie klein der Beitrag ist und wie wenig getan wird, um Solarkraft, Windkraft und Biomasse voranzubringen", hieß es.

Der Anteil an erneuerbaren Energien beläuft sich einem Bericht der tschechischen Nachrichtenagentur CTK vom 21.November zufolge tatsächlich auf nur 2 %. Das Ministerium für Industrie und Handel hat gemeinsam mit dem Umweltministerium ein "Programm zum bewussten Umgang mit Energie und zur Nutzung erneuerbarer Energiequellen" ausgearbeitet, von sie sich eine Erhöhung auf 5,1 % versprechen. Die EU will bis zum Jahre 2010 einen Anteil erneuerbarer Energien von 12 % erzielen. Die wichtigste Quelle erneuerbarer Energien besteht in der Nutzung von Biomasse, gefolgt von Wasserkraft. Wind- und Solarenergie nehmen mit nur etwa einem Prozent eine untergeordnete Stellung ein. Nicht nur der Umwelt kommen alternative Energien zu Gute: Schätzungen zufolge schaffen sie auch fünfmal mehr Arbeitplätze als in den herkömmlichen Kraftwerken gebraucht werden. Bei einer Erhöhung der Nutzung auf 3,5 Prozent würde man 10 000 zusätzliche Arbeitsplätze gewinnen.

04-12-2002